23.11.25 - Die Domkonzerte zählen zu den musikalischen Höhepunkten im Fuldaer Kulturkalender. An diesem Novemberabend standen Fanny Hensels Kantate ‚Hiob‘, August Windings ‚Pfingsthymnus‘ und Robert Schumanns Missa Sacra in c-moll auf dem Programm. Auch in diesem Jahr war das Münchner Ensemble L‘Arpa festante der kongeniale Partner der Chöre am Dom.
Verschiedene Glaubenserfahrungen
Domkapitular Prof. Dr. Cornelius Roth führte in das das Konzert ein, das am Tag der Hl. Cäcilie (22.11.) stattfand, der Schutzpatronin der Musik. Das Konzert sei eine "Zeitreise durch verschiedene Glaubenserfahrungen" von Leid und Zweifel bis Jubel und Freude. Fanny Hensel habe für ihre Kantate das sperrige Buch "Hiob" gewählt, in dem die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts menschlichen Leidens gestellt wird. Sie habe dies in "spiritueller Kongenialität" aufgenommen. August Windings Pfingsthymnus zeige, dass der Glaube auch eine ökologische Komponente habe, denn Erde und Menschen bräuchten einander. Robert Schuhmann schließlich führe mit seiner Missa Sacra ins Herz des Glaubens.
Die Glaubensreise lässt sich auch an den Komponisten ablesen. Fanny Hensel ist Tochter der jüdischen Familie Mendelssohn. 1815 wird sie mit all ihren Geschwistern protestantisch getauft. Eine Konversion, die nicht aus religiösen Gründen erfolgte, sondern ein Akt der gesellschaftlichen Navigation war. Fanny selbst war sich immer der Tatsache bewusst, dass sie auch als Getaufte eine "Jüdin im Gedächtnis der anderen" blieb.
Ganz anders ist der Glaubensweg August Windings. Der Sohn eines protestantischen Pfarrers auf Lolland fühlte sich, soweit wir es wissen, im protestantischen Glauben gut aufgehoben, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Geistliche Werke gibt es allerdings kaum von ihm, denn als gefeierter Pianist schrieb er vor allem für ‚sein‘ Instrument. Der Protestant Robert Schumann hingegen hatte, vorsichtig gesprochen, ein komplexes Verhältnis zur Religion. Er komponierte nur wenige geistliche Werke, allesamt Spätwerke. In seinen Tagebüchern schrieb er über sich selbst, er sei religiös ohne Religion. Das darf man als Absage an jeden Dogmatismus verstehen.
Was ist ein Mensch?
Drei Kantaten komponierte Fanny Hensel (1805-1847): den "Lobgesang" anlässlich der Geburt ihres Sohnes Sebastian Ludwig Felix (1830), die "Choleramusik" aus Freude über das Ende der Epidemie (1831) und "Hiob" anlässlich ihres Hochzeitstags mit Wilhelm Hensel (1831). Drei Kantaten zu drei besonderen Anlässen, und alle zeigen ihre Auseinandersetzung mit Johan Sebastians Bach. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es keineswegs selbstverständlich, seine Musik zu kennen. Die Wiederentdeckung ist der Berliner Sing-Akademie und Fannys Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy zu verdanken. Fanny wie Felix waren seit Kindertagen mit Bachs Werk vertraut.
"Hiob" ist ein verstörender Text. Er stellt die Frage, wie man Gott gerecht nennen kann angesichts des menschlichen Leidens. Das bewegt Menschen bis heute. Denn "Hiob" negiert den sog. Tun-Ergehen-Zusammenhang, hinter dem die Annahme steckt, dass ein gottesfürchtiges Leben gesegnet und ein gottloses Leben verflucht sei. Der gläubige Hiob wird vielen Prüfungen unterzogen, und kann sein Leid nicht wirklich erklären. Die Antwort Gottes ist, je nach Standpunkt, befriedigend oder eben nicht: Er hat als Schöpfer die Freiheit und das Recht, die Welt so zu regieren, wie er es für richtig hält, er ist dem Menschen keine Rechenschaft schuldig. Aber er ist eben auch der Gott der Barmherzigkeit – irgendwann.
Fanny Hensel wirft im ersten Teil der Kantate die existentielle Frage "Was ist ein Mensch?" auf und übersetzt sie musikalisch. Der vierstimmige Chor steht hier im Zentrum, die Musik ist dramatisch und drängend. Der zweite Teil wird von der "Warum-Frage?" dominiert, die die Solisten vortragen. Die Musik ist sanft und zart, zeitweise fast verzweifelt: Warum tust Du mir das an, warum gerade ich? Der dritte Teil ist ein schier überwältigender Lobgesang samt Pauken und Bläsern. Ein vielschichtiges und anspruchsvolles Werk!
Der junge Morgengesang des Frühlings
Der Däne August Henrik Winding (1835-1899) war Pianist, Klavierpädagoge und Komponist. Schon mit 12 Jahren schickten ihn die Eltern nach Kopenhagen zur weiteren Ausbildung – Johann Peter Emilius Hartmann, Niels Wilhelm Gade, Carl Reinecke und Wilhelm Holm zählten zu seinen Lehrern. Winding galt als bedeutendster Pianist seiner Zeit. Seine ‚Pindsehymne‘ (1881) ist außerhalb seines Heimatlands weitgehend unbekannt, die Aufführung in Fulda daher eine wirkliche Entdeckung – und zudem eine deutsche Erstaufführung.
Windings Komposition ist von zärtlicher Fröhlichkeit, sofort kommt einem der erste Gesang von Goethes "Reineke Fuchs" in den Sinn: "Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel…" Auch Winding feiert den Frühling nach der Dunkelheit des Winters. Das kann man theologisch verstehen – der Frühling steht für Licht und Glauben, der Winter für Zweifel und die Dunkelheit der Seele. Man kann aber auch daran denken, dass im skandinavischen Dänemark der Winter traditionell länger ist als bei uns, und der Frühling daher noch mehr herbeigesehnt wird. Das Wechselspiel zwischen Chor und Solisten ist einfach wunderbar, und es ist sehr zu würdigen, dass der Hymnus in der dänischen Originalsprache gesungen wurde. Was für ein beschwingtes und heiteres Stück!
Missa Sacra in c-moll
Robert Schumann (1810-1856) schrieb diese Messe 1852, zu Lebzeiten erlebte er keine vollständige Aufführung seines Werks. Warum wendete er sich in seiner Spätphase geistlicher Musik zu? Sicherlich hatte sein Umzug damit zu tun – der Ruf ins katholische Düsseldorf verpflichtete ihn zu zwei oder drei großen kirchenmusikalischen Werken pro Jahr.
Schumann selbst hat über seine Missa Sacra gesagt, er habe sie "mit großer Liebe gearbeitet", sie sei ein Werk "mittleren Umfangs, nicht schwer ausführbar, sowohl zum Gottesdienst wie zum Concertgebrauch geeignet".
Sagen wir es so: Das Werk blieb umstritten. Der Vorwurf war, dass die Messe liturgische Konventionen verletze und zu wenig kirchlich sei. Der Protestant Schumann erlaubte sich einige Freiheiten: So erklingt im Gloria der weihnachtliche Engelgesang, im Credo fehlt das Bekenntnis zur Auferstehung der Toten, und das Offertorium ist ein inniges Mariengebet. Ist dies nun romantisch-schwärmerische Musik, ein Vorwurf, den die Zeitgenossen auch erhoben? Ja, natürlich ist das Musik der Romantik, hier aber in ihrer spröden Variante, was sie aber nicht weniger berührend macht.
Bemerkenswert sind die Fugen im Gloria, Credo und Sanctus. Der innigste, intimste und vielleicht schönste Satz ist das Offertorium – für Sopran-Solo und Cello in As-Dur. Die Aachenerin Johanna Münstermann verzauberte dabei mit ihrer engelgleichen Stimme, viel zu schnell war das Stück vorbei. Ein kurzes Atemholen vor dem Sanctus, das ebenfalls in As-Dur steht, sehr besinnlich beginnt und dann zum Ende aufschwellt. Sicher der dramatischste Satz der Messe. Die endet mit dem verhaltenen Agnus Dei, bei dem Schumann nicht nur wegen der Tonart c-moll den Bogen zurück zum Kyrie des Beginns schlägt und das fast an ein Requiem erinnert. Eine Messe, die in ihrer musikalischen Vielfältigkeit und Emotionalität tief berührt.
Großartige Mitwirkende
Sprechen wir über die Mitwirkenden, und hier ist nur Lob angebracht. Das Orchester L’Arpa festante war bestens aufgelegt und spielte mit großer Präzision und Emotion. Domchor und JugendKathedralChor überzeugten in allen drei Stücken. Gleiches galt auch für die hervorragenden Solisten Johanna Münstermann (Sopran), Sophie Wenzel (Alt), Ralf Enge (Tenor) und Jürgen Orelly (Bass), die weitgehend aus der Mitte des Chors heraus sangen und nur in wenigen Passagen im wahrsten Sinn des Wortes solistisch hervortraten. Wieder einmal gelang es Domkapellmeister Franz-Peter Huber, musikalische Entdeckungen auf höchstem Niveau darzubieten.
Versteht sich von selbst, dass der Dom bis auf den letzten Platz besetzt war – und es am Ende rauschenden Beifall gab. Wenn Sie es verpasst haben sollten: Das Konzert wurde aufgenommen, ist also bald auf CD nacherlebbar. (Jutta Hamberger) +++