24.11.25 - Das Symphonische Blasorchester ist eines der jüngsten musikalischen Kinder Fuldas, denn gegründet wurde es erst 2009. Das Faszinierende: Hier haben ehemalige Aktive des Blasorchesters der Freiherr-vom-Stein-Schule und Blasmusik-Begeisterte aus dem Landkreis Fulda zusammengefunden. Als Projektorchester. Gründer und Leiter ist André Müller.

Dirigent André Müller leitet hochkonzentriert seine 60 Bläserinnen und Bläser ...Alle Fotos: Martin Engel

Vollbesetztes Haus in der Orangerie
Viel mehr als Polka und Märsche
‚Projektorchester‘ meint, dass dieses Orchester einmal im Jahr zusammenfindet, um an einigen Wochenenden ein Konzertprogramm einzustudieren. Das Konzert ist das jeweilige Projekt. Sollten Sie beim Begriff ‚Ehemalige‘ an in Würde gealterte, dezent grauhaarige Musiker gedacht haben, liegen Sie ziemlich falsch: In diesem Orchester spielen junge und junggebliebene Wilde, und das mit viel Elan und Energie.

Aus der Abteilung Holz – die Klarinetten

Magistratsrätin Heike Kleemann vertrat OB Dr. Wingenfeld, den Schirmherrn des Orchesters ...
Dirigent Müller und dem Orchester ist es ein besonderes Anliegen, den oft verengten Begriff Blasmusik wieder zu weiten. Deshalb widmet sich das Orchester vor allem Werken, die original für Holz- und Blechbläserbesetzungen geschrieben wurden. Zu den Stücken gaben Miriam Henkel und Pauline Schreiber als Ansagerinnen sympathisch und kompetent kurze Einführungen zu jedem Stück und erläuterten das Motto: One Night in London.

Aus der Abteilung Holz – die Klarinetten
Die klassische Konzerthälfte
Vom renommierten belgischen Komponisten Jan van der Roost (*1956) erklang "Hypernikon– more than conquerors", ein 2019 geschriebenes Stück. Mit dem könnte man locker bei der Last Night of the Proms in London reüssieren, aber auch bei royalen Aufmärschen undköniglichen Geburtstagen. Ein faszinierender Mix aus Pomp, Marschelementen und Lyrischem.

Konrad Kaffanke bespielte in der Abteilung Schlagzeug gleich drei Tische mit Vibraphon ...

Miriam Henkel und Pauline Schreiber machten die Ansagen zwischen den Titeln ...
Gleich zwei Werke des Linzers Thomas Doss (*1966) erklangen. Zunächst spielte das Orchester sein "Vision of Liberty" – Doss‘ musikalische Umsetzung seiner Vorstellung von Freiheit und Frieden. Das Stück beginnt sanft, fast träumerisch und findet zu wahren Energieausbrüchen. Immer wieder stehen andere Instrumentengruppen in Fokus, und immer ist ein treibender Rhythmus da. Man erwischte sich beim Zuhören bei dem Wunsch, der Herr im Weißen Haus würde sich mehr mit einer "Vision of Liberty" als mit vergoldeten Ballsälen befassen! Das zweite Stück von Doss war "Ante Lucem" – es beschreibt die letzten Minuten vor Tagesanbruch, wenn die Sonne aufgeht und die Dunkelheit vertreibt. Vom Duktus her eher meditativ, ruhig und getragen.

Aus der Abteilung Blech – die Trompeten
Warum genau ein Medley aus der Strauß’schen "Fledermaus" gespielt wurde, erschloss sich nicht so ganz – vielleicht, weil Walzerkönig Johann Strauß Sohn in diesem Jahr 200. Geburtstag feierte? Natürlich gab’s die Ouvertüre, in der ja fast alle ‚Hits‘ der Operette schon anklingen, dazu einige bekannte Melodien. Nicht immer saßen die Tempi, und mir schien, dass dieses Medley den Flow der Musiker genauso wie den der Zuschauer etwas hemmte.
Das aber behob sich mit dem letzten Stück in der ersten Hälfte, Rossano Galantes "Sailingwith Whales" wie von selbst. Der Amerikaner Galante (*1967) hat einige große Hollywood-Produktionen musikalisch begleitet, etwa "Wolverine – Weg des Kriegers", "Stirb langsam 4.0" oder "Avengers – Age of Ultron". In "Sailing with Whales" begleiten wir eine Gruppe Seeleute auf ihr Schiff, sie sind auf der Suche nach Orcas. Fanfarenklänge, melodische Linien, lyrische Themen und vorantreibende Rhythmen bestimmen das Stück. Es ist eine effektvolle Meeres-Erfahrung und auch eine Liebeserklärung an die Wale. Das Publikum reagierte darauf mit großer Begeisterung.

Der Gründer und Dirigent des Symphonische Blasorchesters André Müller ...

Wir schreiben / fotografieren für Sie – und das sehr gern! Martin Engel und Jutta ...
Die filmische Konzerthälfte
Nach der Pause gab es was auf die Ohren – nämlich die Filmmusik zu "The Rock" (1996).Die stammt von Hans Zimmer, Pascal Devroye hat aus den Highlights ein Arrangement für Blasorchester geschrieben. Der Film aus der Bruckheimer-Schmiede ist Actionkino und Adrenalin pur. Kaum erklingen die ersten Töne, fühlt man sich schon nach Alcatraz versetzt und in den Zweikampf zwischen Sean Connery und Nicholas Cage, die nach langem Fingerhakeln doch zusammenfinden, um einen Giftanschlag auf San Francisco zu verhindern. Musikalischer Bombast, der richtig gute Laune machte. Und toll gespielt wurde!
Es folgte "Children of Sanchez" des Jazzmusikers Chuck Mangione (1940-2025). Das ist die Filmmusik zu einer mexikanischen Familienchronik aus dem Jahr 1978, in der ein hypermännlicher, harter Vater die Sorgen seiner Kinder ignoriert, bis das Schicksal beschließt, ihn zur Einsicht zu bringen. Für die Musik gewann Mangione einen Grammy. IhreLebensfreude ist ansteckend, und Björn Diehls Solo am Flügelhorn sorgte für große Begeisterung.

André Müller, der Dirigent des Symphonischen Blasorchesters, hatte wieder ein ...
Und dann landeten wir endlich in London, dem Ziel der musikalischen Reise. Direkt bei 007, dem Geheimagenten ihrer und inzwischen seiner Majestät. Das Orchester bot ein Medley aus Bond-Melodien, natürlich das unverkennbare Bond-Thema von Monty Norman, das einige am liebsten zur englischen Nationalhymne erklären würden. Dann folgten zwei Bond-Klassiker, nämlich die Titelsongs aus "Goldfinger" und "Der Spion der mich liebte" – und als Höhepunkt der Titelsong aus "Skyfall", den Leonie Müller eindrucksvoll vortrug. Das muss man sich erst mal trauen, mit Adele in den Ring zu steigen! Nicht nur das Publikum feierte sie, auch der stolze Papa und Dirigent tat das.
Mit Otto M. Schwarz‘ "Funk Attack" ging zum Schluss noch einmal richtig die Post ab. Pulsierende Bläsersätze, mitreißende Melodien, ein Posaunensolo von Julius Habel, ein Trompetensolo von Andreas Wingenfeld und ein Schlagzeugsolo von Clemens Hacker – das war einfach klasse. Danach tobte der Saal. Was für ein beschwingter, energiegeladener Abend, was für eine tolle Leistung aller Akteure und ihres Dirigenten. Das war bestens dafür geeignet, sich gegen die winterliche Kälte in Stimmung zu bringen. (Jutta Hamberger) +++