26.11.25 - Zehn Jahre nach "Wir schaffen das!" kommen die Menschen zu sehr unterschiedlichen Bewertungen zum zurückliegenden Jahrzehnt. Längst nicht alles ist gelungen, doch so manche Geschichte verdient es besonders, erzählt zu werden.
Die von Saied Fawal, der aus Syrien floh und nach Romrod-Zell (Vogelsbergkreis) kam, ist eine solche. Im Autopark Lang öffnete man ihm trotz Sprachbarriere die Tür – zehn Jahre danach genießt er höchste Anerkennung in fachlicher und zwischenmenschlicher Hinsicht.

Saied Fawal, hier in der Kundenannahme…

…und hier in der Werkstatt

Man merkt: es passt im Team!
Saied Fawal wurde 2011 wenige Monate nach Kriegsbeginn inhaftiert, weil er sich weigerte, sich systemtreu am Bürgerkrieg zu beteiligen und auf Menschen zu schießen. Nach sieben Monaten wurde er freigekauft – da stand für ihn fest, dass er unter solchen Umständen nicht würde bleiben können. Über die Stationen Türkei, Griechenland, Österreich und Schweden kam er nach Deutschland in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.
"Ich will arbeiten"
Schon nach wenigen Wochen wurde er einer Unterkunft in Romrod – Zell zugewiesen. "Dort lernte ich Eleonore und Rudi Hansel kennen, die mir gerade in der Anfangszeit sehr geholfen haben, zum Beispiel mit regelmäßigem Sprachunterricht", blickt der Geflüchtete zurück. Doch monatelange Untätigkeit ging für ihn gar nicht: "Ich will arbeiten, ich kann nicht einfach nur herumsitzen."

Im Annahme-Büro hängen bereits mehrere Lehrgangs-Urkunden Fawals an der Wand ...
Helfer Rudi Hansel ist gut vernetzt, seine Anfrage beim Seniorchef des Subaru-Autohauses in Zell, Rüdiger Lang, ergab spontan eine Zusage zur unverbindlichen dortigen Vorstellung von Saied Fawal beim damaligen Führungstrio Lang: neben dem Seniorchef die beiden geschäftsführenden Geschwister Björn Lang und Diana Schlicht. Die Kommunikation beim Vorstellungsgespräch lief zwar nur über einen elektronischen Dolmetscher, dennoch beschreibt Fawal das Ergebnis im Rückblick mit funkelnden Augen so: "Rüdiger sagte bei diesem Gespräch, ich könne am nächsten Tag direkt anfangen. Ich habe meinen Ohren nicht getraut und konnte es nicht glauben. Diesen Moment werde ich nie vergessen!" Ein dreimonatiges Praktikum war der Beginn einer Bilderbuchgeschichte, da sind sich Saied Fawal und Firmenchef Björn Lang nach fast zehn Jahren Betriebszugehörigkeit heute einig.

Björn Lang, Rüdiger Lang, Saied Fawal und Eleonore Hansel im März 2017 ...Foto: privat
"Anfangs war es wegen meiner fehlenden Sprachkenntnisse noch schwierig, sich zurechtzufinden. Aber das hat sich im Laufe der Zeit eingespielt", so der Neuzugang. Von größtem Vorteil war dabei, dass Saied fachlich fit war – kein Wunder, hatte doch der Vater eine Kfz-Werkstatt. Heute ist auch die Kommunikation in fließendem Deutsch völlig problemlos und ungezwungen, Saied Fawal scherzt gerne und lacht befreit. So wundert es nicht, dass er nicht nur in der Werkstatt, sondern auch im Kundenkontakt schnell punktete. "Die Kunden mögen ihn sehr", so Björn Lang. "Wie er sich reingefuchst hat und mit welchem Ehrgeiz Saied auch an kniffligen Problemen so lange herumtüftelt, bis sie gelöst sind, das ist wirklich großartig! Das vorbildliche Engagement zeigt Saied sicher zum einen aus Dankbarkeit, aber auch zum Beweis für sich und uns, dass er es fachlich einfach draufhat." Die Entsendung zu mehreren Subaru-Werks-Fortbildungen war die logische Folge, Fawal sog die erlernten Kenntnisse auf wie ein Schwamm und blickt bereits den nächsten entgegen. Bemerkenswert, wie der Besagte die Belegschaft beschreibt: "Wir sind ein familiäres Team, ich fühle mich sehr wohl bin glücklich, hier zu sein!"
"Keinen Moment bereut"
Der 30jährige Syrer wohnt seit ein paar Jahren in Lauterbach. Zu seinen Hobbies zählt er den Gang ins Fitnessstudio, Autofahren und Bergwandern: der Königssee und Österreich haben ihn schon begeistert. Seine Aufenthaltsgestattung werde immer nur um zwei Jahre verlängert, doch Fawal hofft, dass sie bald unbefristet erteilt wird und sein Antrag auf Einbürgerung Erfolg hat.
"Wir haben dem Saied die Hilfe gerne zuteilwerden lassen und mussten es noch keinen Moment bereuen, ganz im Gegenteil", sagt Björn Lang, Geschäftsführer und Inhaber des Autoparks, der seit der Gründung vor 42 Jahren durch Vater Rüdiger als Subaru-Händler firmiert. Björn Langs Wertschätzung geht weit über das fachlich-berufliche hinaus, denn auch menschlich passe es haargenau, wie er versichert. "Saied und ich haben abseits der Arbeit schon Nächte hindurch sehr angeregte Gespräche geführt, mal sind es richtig ernste Themen, mal gehen sie einher mit viel Lachen.
Es ist ein fast schon brüderliches Verhältnis geworden, wir begegnen uns privat und im Arbeitskontext auf Augenhöhe." Bei aller Begeisterung weiß er, dass dieser "Vorzeigemensch" (O-Ton Björn Lang) eben so wenig verallgemeinert werden kann wie ein anderer Syrer, mit dem er es auch in der Werkstatt versucht hatte. "Das hat nicht gepasst und wir haben uns wieder getrennt." Langs Botschaft lautet: "Bitte nie verallgemeinern, sondern den Menschen eine Chance geben! Nach fast zehnjähriger Betriebszugehörigkeit von Saied Fawal können wir jedenfalls sagen: Wir haben alles richtig gemacht und mit ihm das große Los gezogen!" (goa) +++