28.12.25 - Eine Grippeinfektion kann relativ harmlos verlaufen, kann bei ungünstigen Bedingungen wie einem geschwächten Immunsystem aber auch tödlich enden. Neue, in der Entwicklungs-Pipeline befindliche Influenza-Impfstoffe sollen möglichst keine jährliche Auffrischung mehr erfordern: bei diesem Vorhaben steht die Uni Tübingen vor einem Durchbruch. Der Projektleiter ist "ein alter Alsfelder", wie er sich selbst beschreibt: Tübingen-Pendler Professor Dr. Oliver Planz. Hier erläutert er, warum er diese vom Bund mit 2,7 Millionen Euro geförderte Entwicklung als bahnbrechend ansieht und wann mit dem neuen Impfstoff auf dem Markt zu rechnen sein könnte.
Den "alten Alsfelder Oliver Planz" verschlug es einst ins Schwabenland, wo er seit geraumer Zeit als international renommierter Immunologe mit einer Professur an der Universität Tübingen tätig ist. (siehe ON-Artikel). Im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS spricht er über ein Großprojekt, das unter seiner Projektleitung steht.
"Zum Schutz vor der Virusgrippe Influenza ist bisher eine jährliche Auffrischungsimpfung angeraten. Das Grippevirus ändert gewissermaßen jedes Jahr sein äußeres Aussehen, und gegen das Äußere richtet sich der Impfstoff. Uns ist es nun gelungen, das Immunsystem gegen das Innere des Virus zu aktivieren, das sich eben nicht ändert. Unser Impfstoff soll das Immunsystem gegen hoch stabile Virusbereiche trainieren. Die bahnbrechende Folge: man wird sich eben nicht mehr jedes Jahr erneut impfen lassen müssen, sondern vielleicht nur alle vier bis fünf Jahre zur Auffrischung – das wäre gerade in Zeiten einer gewissen Impfmüdigkeit sehr wichtig."
"Mit unserem Ansatz sind wir in Europa die Vorreiter"
Vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat die Kooperation der Uni Tübingen mit dem Pharma-Unternehmen Prime Vector Technologies GmbH auf der Grundlage der bereits erreichten Ergebnisse jüngst den Forschungsauftrag erhalten, einen universellen Impfstoff gegen Grippe zu entwickeln. "Mit unserem Ansatz sind wir in Europa die Vorreiter", spricht das Wissen um die herausragende Expertise seines Hauses und der eigenen Person mit voller Überzeugung aus ihm heraus.
Der Auftrag ist mit einer Fördersumme von 2,7 Millionen Euro und auf eine Laufzeit von zwei Jahren ausgelegt und beinhaltet sowohl Laborversuche, als auch erste klinische Studien. Solche Entwicklungen verschlingen Millionen, erklärt Planz. Innerhalb der zwei Jahre soll bei positivem Verlauf der Gang zum Paul-Ehrlich-Institut in Langen erfolgen, von wo aus die Durchführung der klinischen Studie abgesegnet wird. Dazu ist vorgesehen, Freiwillige experimentell mit Grippeviren zu infizieren und zwei Wochen in einer speziellen Klinik in England zu behandeln – in Form einer ununterbrochenen, quasi gläsernen medizinischen Überwachung und Durchtestung. Diese klinische Studie mit bis zu 100 Personen koste allein mindestens 10 bis 15 Millionen, pro Studien-Proband seien 50-80.000 Euro anzusetzen. Die Testpersonen selbst erhalten dafür übrigens eine fünfstellige Vergütung. Mit den daraus entstandenen Daten wirbt man bei einem großen Pharmaunternehmen um eine weitere Kooperation zur Durchführung weiterer sogenannter Feldstudien, nach denen schließlich die Zulassung und die Markteinführung erfolgen können. "Dafür muss abermals viel Geld akquiriert werden, und das geht nur mit der Pharmaindustrie", kennt der Experte die Mechanismen bereits in- und auswendig. "Eine Spanne von fünf bis sieben Jahren dürfte realistisch sein, bis ich den Impfstoff mit dem bereits feststehenden Namen "UniFLU-Vacc" in meiner Stamm-Apotheke in Alsfeld erhalte", schätzt Prof. Dr. Planz vorsichtig mit Blick auf den Zeitstrahl.

Prof. Dr. Oliver Planz im O|N – Gespräch in Alsfeld Foto: goa
"Karneval der Viren"
Die Virusgrippe sollte man sehr ernst nehmen. Auf deutlich mehr als 20.000 Todesfälle in Deutschland schätzte die Bundesregierung die Zahlen in den Jahren 2016/17 und 17/18 (Quelle: Bundestagsdrucksache 19/19240). Prof. Dr. Planz benennt folgende Phasen: Erkältung, beginnend mit Rhinoviren meist ab September, danach durchaus auch Corona-Viren, und Anfang / Mitte Dezember grassieren die bis in den Februar hineinreichenden Influenza-Viren. "Fun-Fact am Rande", so Planz: "Die Karnevals-Zeitschiene hat Auswirkungen auf die Laufzeit. Bei Karneval im Februar kann sich die Grippewelle verlängern, eine späte "Session" hat hingegen kaum noch Auswirkungen."
Während junge, gesunde Menschen mit der Grippe in der Regel noch gut umgehen können, kann es Ältere (durchaus bereits unter 50 Lebensjahre) und Menschen mit einer ohnehin angeschlagenen Gesundheit wirklich sehr hart treffen kann, sensibilisiert der Immunologe: schwere Lungenentzündungen bis hin zum Tod sind durch das Zusammenwirken von Grippe bei geschwächtem Immunsystem nicht selten. "Hier ist bisher eine jährliche Impfung wirklich wünschenswert, die einfach die Resistenz gegen Viruserkrankungen erhöht!" Wichtig dabei: sowohl der jetzige Impfstoff als auch der in der Entwicklung befindliche seien für den Menschen gut verträglich, versichert der Experte. (goa) +++