19.01.26 - Wenn der Therapeut seine eigenen Kinderfotos zeigt und ganz frei über seine eigenen Macken, Ängste, Hoffnungen plaudert, dann kann es sich vermutlich nur um Deutschlands bekanntesten Psychologen handeln: Dr. Leon Windscheid hat in die Esperantohalle Fulda zur Gruppentherapie geladen und begeistert, unterhält und berührt am Sonntagabend rund 1.800 Gäste.

Alles perfekt - so lautet der Titel von Leon Windscheids neuem Bühnenprogramm ...
Seit 2018 tourt Windscheid durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und begeisterte mit seiner letzten Psychologie-Live Tour um die 100.000 Menschen in ausverkauften Hallen. Sein selbsterklärtes Ziel ist dabei stets: Gute Wissenschaftskommunikation, Psychologie für alle begreifbar und nahbar machen. Nun zieht er mit seinem neuen Programm "Alles perfekt" durch die Lande und trifft damit in unserer Zeit genau den richtigen Nerv.

Sympathisch und nahbar: So zeigte sich Deutschlands wohl bekanntester Psychologe ...
"Und dann dreht die Menschheit durch"
Leon Windscheid ist nicht nur Psychologe, sondern auch promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Podcaster, Moderator, Buchautor, Gewinner der Kultsendung "Wer wird Millionär" und fesselnder Unterhalter. Vor allem Letzteres wird am Sonntagabend auch immer wieder deutlich. Mit Einblicken in seine eigene Kindheit beginnt der 37-Jährige sein neues Bühnenprogramm und holt seine Zuschauer damit ganz persönlich ab. Auf alten Fotos und Aufnahmen tobt ein freier, schelmischer kleiner Leon über die Leinwand. Er erinnert daran, wie unkompliziert und echt das Leben als Kind doch oftmals war und kontrastiert dies schon wenige Sekunden später mit teils einfach nur schrägen, teils auch betroffen machenden Schnipseln aus den sozialen Medien unserer heutigen Zeit.
Mit diesem Kontrast öffnet Windscheid die Köpfe seiner Gäste. Für das dominierende Thema des Abends: unser menschliches Streben nach Perfektion. Immer höher, weiter, besser – doch ist das wirklich ein so erstrebenswertes Ziel? Windscheid nimmt seine Gäste in den folgenden knapp zwei Stunden mit auf eine spannende Reise durch bemerkenswerte Arbeiten der Psychologie, nachempfindbare Anekdoten, Momente des lauten Gelächters und tiefe Emotionen. Er zeigt ihnen Gefahren auf, ohne zu belehren. Er bearbeitet mit ihnen ihre Glaubenssätze und verleiht eine neue Sicht auf den eigenen Erwartungshorizont.

Eine Kampagne des Flatulenzunterwäscheherstellers Shreddies stand als passendes ...
Einfach "gut genug"
Windscheid hält unserer Gesellschaft im besten Sinne den Spiegel vor. Nicht gehässig, nicht belehrend, sondern ganz nahbar zeigt er auch, welche besorgniserregenden Entwicklungen dieser Zeit unser Wunsch nach Perfektion noch weiter befördert. Und dass diese im Grunde für ein zufriedenes Leben der schlechteste Berater ist. Immer wieder dazwischen: Kleine Live-Experimente, in denen die Zuschauer ganz unmittelbar erleben, was passieren kann, wenn wir eben nicht mehr nach dem Besten, Größten, der Makellosigkeit streben, sondern ein dankbares "Gut genug" zu unserem Anspruch machen. Experimente, die zeigen, dass es nicht um das geht, was wir glauben, sein zu müssen, dass etwa der Botenstoff Dopamin ganz anders funktioniert, als wir es gemeinhin denken, und dass es gut für unsere Psyche ist, wenn Vorhersagen, die wir uns selbst machen, nicht so eintreffen, wie erwartet.
Es gibt vieles, was die Zuschauer an diesem Abend über Psychologie und das Menschsein lernen können, und doch ist der mehrfach erklärte Anspruch Windscheids nicht, dass sie sich möglichst viel merken. Die wirklich wichtigen Begriffe und Konzepte werden wiederkommen, erklärt er sich gewiss. Was am Ende des Abends aber hoffentlich jeder Veranstaltungsbesucher mit nach Hause nimmt, ist der befreiende Gedanke: Ich muss nicht immer höher streben. Mich selbst in allem zur stetigen Verbesserung herausfordern. Nicht meine krummen Zehen kritisieren, nicht daran zweifeln, dass ich als Elternteil alles gebe und trotzdem Fehler machen muss. Nein, heute bin ich einfach mal gut genug. Und wer weiß: Vielleicht ist das alles, was es braucht, um ein ganzes Stück glücklicher zu werden. (Sabrina Ilona Teufel-Hesse) +++ 