23.01.26 - "Können wir uns Kultur noch leisten? Und wer übernimmt Verantwortung für kulturelle Gerechtigkeit?" - diese Fragen standen am Donnerstagabend beim Jahresempfang im Eichenzeller Schlösschen im Mittelpunkt. Gut 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, den Vereinen und Institutionen waren der Einladung der Gemeinde gefolgt.
Und wer könnte bessere Einblicke in diese Thematik geben als Bad Hersfelds Festspiel-Intendantin Elke Hesse?

Gut 120 Gäste kamen zum Jahresempfang in Eichenzell

Bürgermeister Johannes Rothmund (CDU)
Die Wienerin kennt alle Facetten der deutschsprachigen Theaterwelt. Sie ist ist künstlerische Direktorin, Intendantin, Kulturmanagerin und leitet unter anderem seit dem Jahr 2010 das MuTH, den Konzertsaal der Wiener Sängerknaben und ist Mitglied des Aufsichtsrates der Wiener Staatsoper. Sie ist es gewohnt, kreative Ideen zu entwickeln, um die finanzielle Basis für hochwertige Produktionen zu schaffen. Mal gibt es Sponsoren, mal fördert der Staat. Die Zeiten werden aber gerade auch für die Kultur immer schwieriger. Seit wenigen Monaten ist sie zudem zum zweiten Mal bei den Festspielen in Bad Hersfeld. Ein Festival mit nationaler Strahlkraft.

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In ihrem gut 20-minütigen Vortrag voller Wiener Charme, aber ebenso viel Klarheit, Entschlossenheit und Haltung hielt sie ein flammendes Plädoyer für das kulturelle Leben. Das war durchaus erwartbar. Hesse gelang es aber, jede Menge neue Denkanstöße zu geben. Sie erklärte, dass Sparmaßnahmen im Bereich der Kultur keinen Haushalt retten können. "Ich würde die Frage anders stellen: Können wir es uns leisten, auf Kultur zu verzichten?", fragte Hesse im - wie passend - Kultursaal des Eichenzeller Schlösschens.
Kultur ist "identitätsstiftend"
Die Intendantin beschrieb die vielen Facetten des kulturellen Lebens in unserem Alltag. Nicht nur auf den großen Bühnen von Theatern, Opern oder Festivals: "Kultur ist weit mehr als das. Kultur umfasst unsere Sprache und unsere Rituale, unsere Erinnerungen und Erzählungen. Kunst, Musik, Literatur, Film, Alltagskultur, Jugendkultur, digitale Kultur. Kultur sind Orte der Begegnung, des Austausches, des Streits und des Zuhörens, Kultur sei "identitätsstiftend", sagte die Wienerin. Sie habe Zusammenhalt geschaffen in Zeiten politischer Brüche, gesellschaftlicher Traumata und historischer Umbrüche. Dabei sei beides gleich wichtig: Das Bewahren des kulturellen Erbes und das Fördern des Neuen.
"Fast immer taucht die Frage auf, wenn es eng wird. Wenn Energiepreise steigen, kommunale Haushalte schrumpfen, globale Krisen eskalieren oder gesellschaftliche Umbrüche Verunsicherungen erzeugen. Natürlich ist die Frage zunächst legitim. Natürlich darf, ja, muss man darüber sprechen, ob es angemessen ist, dass ein Besuch im Theater - oder ein Opernticket im Durchschnitt mit zwei oder sogar dreistelligen Beträgen subventioniert wird", sagte Hesse.
Sie machte aber auch klar: "Der Zugang zur Kultur ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Wenn kulturelle Teilhabe vom Geldbeutel abhängt, entsteht eine kulturelle Spaltung", sagte Hesse. Barrieren müssten aktiv abgebaut werden. "Wir versuchen, genau das in Bad Hersfeld mit dem Community-Projekt HERZfeld Wir26 zu leben, indem wir uns noch mehr der Stadt öffnen", sagte die neue Intendantin Mit vielen gemeinsamen Aktionen soll die Verbindung und die Integration der Festspiele mit allen Bürgern weiter verbessert werden. "Das bedeutet viel Arbeit, ist aber die beste investierte Zeit", sagte Hesse. Das Miteinander, auch mit der Wirtschaft, den Sponsoren und Stiftungen, neue Partnerschaften und gemeinsame Aktionen zu kreieren - um die Kultur zu finanzieren, braucht es kein Klagen, sondern offene Ideen und neue Lösungsansätze.
"Kulturelle Gerechtigkeit ist keine Nebensache"
Können wir uns Kultur überhaupt noch leisten? "Meine Antwort lautet: Wir können es uns nicht leisten, sie nicht zu fördern. Denn ohne Kultur verarmt der öffentliche Diskurs, schrumpft gesellschaftlicher Zusammenhalt und wird Demokratie fragil. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir Kultur finanzieren, sondern wie gerecht wir sie gestalten. Kulturelle Gerechtigkeit ist keine Nebensache. Sie ist eine Investition in eine offene, solidarische und demokratische Gesellschaft", sagte die Intendantin Elke Hesse abschließend und erhielt viel Applaus für ihren Vortrag.
Die Bedeutung der Kultur hatte Eichenzells Bürgermeister Johannes Rothmund (CDU) mit einem persönlichen Blick eingeleitet: "Unser kulturelles Programm ist reichhaltig und vielfältig. Wir sollten es weiter erhalten. Nach meiner persönlichen Ansicht ist Kultur oft der Bereich, der bei notwendiger Haushaltskonsoldierung als einer der ersten kritisch betrachtet wird. Aber ist es langfristig gut und klug, gerade in diesem Bereich massive Einschnitte vorzunehmen? Ich will damit aber auch nicht andeuten, dass dem kulturellen Bereich keine Fragen hinsichtlich der wirtschaftlichen Effizienz gestellt werden dürfen. Ich denke, es ist ein gesunder Weg zu finden, der auch Akzeptanz in der Bevölkerung findet", sagte der Rathauschef. Elke Hesse lieferte die Ansätze, den Spagat zwischen leeren kommunalen Kassen und der kulturellen Zukunft zu meistern.
Viele Projekte und Maßnahmen in Zeiten leerer Kassen
Vor Hesses spannender Rede hatte Eichenzells Bürgermeister Johannes Rothmund die Chance genutzt, ausführlich auf das vergangene Jahr zurückzublicken und gleichzeitig einen Ausblick auf laufende und geplante Projekte in der Gemeinde zu geben. Der kommunale Alltag ist auch in der Autobahngemeinde von vielfältigen Herausforderungen geprägt. Selbst in Eichenzell muss gespart werden. Und doch konnte Rothmund den Blick auf viele Maßnahmen werfen. Etwa wie viel Geld der Bau von Kläranlagen verschlingt, Investitionen in die Infrastruktur, in die Feuerwehr, Straßenbau, Lärmschutz, Neubaugebiete und Radwege-Ausbau - um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Rothmund sprach die komplizierte finanzielle Voraussetzung vieler Kommunen an: "Normalerweise haben wir zu diesem Zeitpunkt im Jahr bereits einen beschlossenen Haushalt. Da Ende des vergangenen Jahres die sich für die Gemeinde ergebenden Zahlen aus dem reformierten kommunalen Finanzausgleich spät feststanden und das Land Hessen erst mit dem Beschluss des Nachtragshaushaltes 2025 ein Paket über die Soforthilfe der hessischen Kommunen beschlossen hat, verschiebt sich die Einbringung", sagte Rothmund.
"Kommunen dürfen nicht zu einem radikalen Sparkurs gezwungen werden, ohne dass auf Bundes- und Landesebenen tiefgreifende Reformen in den seit Jahren nicht mehr vollständig beitragsfinanzierten Sozialsystemen durchgesetzt werden. Zudem haben es Bund und Land in der Hand, die Kommunen finanziell zu entlasten, ohne selbst (nicht vorhandene) finanzielle Mittel in die Hand nehmen zu müssen, indem Standards gerade im Bereich der Pflichtaufgaben der Kommunen nicht immer weiter erhöht, sondern gegebenenfalls auch abgesenkt werden. In Eichenzell legen wir Wert darauf, unsere vorhandene Infrastruktur zu erhalten und nicht verkommen zu lassen", sagte der Eichenzeller Bürgermeister.
Die Aufgaben werden nicht weniger. Beim Jahresempfang gab es viele Themen zu besprechen. Bei feiner Musik von Frank Tischer und Markus Hillenbrand nutzten die vielen Gäste im vollbesetzten Kultursaal die Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Ingrid Fritsch dankte den Organisatoren und Helfern für die gelungene Veranstaltung und sie untermauerte die Haltung zur Kultur: "Wenn wir die Kultur als gemeinsames Projekt verstehen, dann kann sie das leisten, was unsere Gesellschaft heute dringend braucht. Zusammenhalt, Verständnis, das Gefühl einer starken Gemeinschaft. Wenn wir die kulturelle Teilhabe ernst nehmen, investieren wir nicht nur in Kunst und Veranstaltungen. Wir investieren in Vertrauen, Dialog und Zukunft. Die Zukunft entscheidet sich weniger an technischer Kompetenz als an der kulturellen Haltung", sagte die Vorsitzende der Gemeindevertretung.
Sehen Sie nachfolgend und in einer weiteren Bilderserie Eindrücke vom Jahresempfang in Eichenzell von unserem OSTHESSEN|NEWS-Fotografen Martin Engel. (Hans-Hubertus Braune) +++