05.02.26 - Die Rhön ist nicht nur das Land der offenen Fernen, sondern auch das der Pionierinnen. Das gilt besonders für die Gründung Lohelands, das Louise Langgard und Hedwig von Rohden 1919 als Ausbildungsstätte für junge Frauen gründeten. Die konnten hier neue berufliche Qualifikationen erwerben.
1926 begann man in Loheland mit der biodynamischen Landwirtschaft nach Rudolf Steiner. Das war, wie Dr. Frank Verse in seiner Begrüßungsrede konstatierte, nie nur Selbstzweck, sondern sollte dem langfristigen Ertrag und der Selbstversorgung dienen. Deshalb wurde von Anfang über Bodenqualität und Pflanzenwuchs geforscht, Themen, die heute wieder große Bedeutung haben. Eine Besonderheit Lohelands war, dass alles auch akribisch dokumentiert wurde. Was man heute digital erstellen würde, wurde vor 100 Jahren liebevoll mit Buntstiften gezeichnet.

Kuratorin Anett Matl führte ins Konzept der Ausstellung „Tomate und Mond“ ein ...
Ort einer großen Idee
Dr. Maximilian Abou El Eisch-Boes, seit September 2023 Geschäftsführer der Loheland-Stiftung, hatte es nach 14 Jahren Tätigkeit für die SEKEM Holding in Kairo ins Fuldaer Land verschlagen. "Loheland ist ein Ort der Bildung, der Gemeinschaft, des Gartenbaus und Landwirtschaft, aber Loheland ist auch Ort einer Idee", so El Eisch-Boes in seinem Grußwort. "Ich sehe hier eine dokumentierte Suchbewegung – sie zeigt sich in den Forschungen über Boden, Pflanzen und Lebensmittelqualität und natürlich auch hier in der Ausstellung." Das war nicht immer unumstritten, von vielen wurde es belächelt und Steiners anthroposophischer Ansatz erfuhr viel Ablehnung.

Dr. Maximilian Abou El Eisch-Boes, der Geschäftsführer der Loheland-Stiftung ...

Dr. Frank Verse begrüßte als Museumsleiter die Gäste der Ausstellungseröffnung ...

Eine der mit Buntstift und von Hand erstellten Graphen, mit denen 1931 die Versuchsarbeit ...
Frauen in der Landwirtschaft
Anett Matl, die Kuratorin der Ausstellung, stellte deren Konzept anhand von drei Kernfragen vor: Warum machte eine Frau Versuche zur biodynamischen Landwirtschaft? Warum fotografierte und dokumentierte sie ihre Versuchsreihen? Und wieso fand das alles in Loheland statt?
Die 1920er Jahre waren solche des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels – Industrialisierung und Moderne auf der einen Seite, die Lebensreformbewegung auf der anderen, dazwischen die Wandervogelbewegung, das Konzept der Gartenstadt, die Freikörperkultur und natürlich die Frauenbewegung. All das verband sich in Loheland.

Das Duo Klaus Schenk und George Wagner begeisterte – diesmal mit eigenen Kompositionen ...

Die Fuldaer Kulturpolitik war gut vertreten mit Susanne Jobst samt Ehemann, Jutta ...

Stadtrat Stefan Grauel und der Leiter des Schul- und Kulturausschusses, Dr. Albert ...
Forschende Praxis
Von Anfang an wurde in Loheland – getreu dem Wunsch Rudolf Steiners – die Forschungsarbeit auch dokumentiert, auf Fotos und in mit Buntstift erstellten Graphen. Einige der insgesamt 67 großformatigen s/w-Fotos aus dem Loheland-Archiv sowie einige Grafen sind in der Ausstellung "Tomate und Mond" im Vonderau Museum zu sehen – im Zuge der Ausstellungsvorbereitung wurden sie auch digitalisiert. Angefertigt wurden sie für eine Tagung im Jahr 1931, auf der Maria Lormann unter lauter Männern die einzige Referentin war. "Die Bedeutung der Frauen gerade in der Frühphase der ökologischen Entwicklung geriet in Vergessenheit, verstärkt durch das Verbot des biodynamischen Anbaus 1941 durch die Nationalsozialisten und eine männerdominierte und -zentrierte Geschichtsschreibung", so Matl. Erst jetzt würden die Leistungen der Frauen in der Landwirtschaft allmählich wieder entdeckt, auch die UN habe 1926 als ‚Jahr der Frau in der Landwirtschaft‘ ausgerufen, um ihre Leistungen weltweit zu würdigen.
In Loheland verstand man früh, wie man das noch junge Medium Fotografie für Dokumentations- und Werbezwecke einsetzen konnte. Valerie Wizlsperger gründete die Lichtbildwerkstatt Loheland. Hier entstanden Werbefotografien, um die Produkte Lohelands und die Gymnastikkurse vorzustellen. Und hier entstanden auch die ausgestellten Fotografien, die einen Einblick in die frühe Experimentierphase des ökologischen Landbaus geben. Der Stil der Bilder ist betont sachlich und präzise. Maria Lormann untersuchte in Vergleichsbeeten unterschiedliche Faktoren des Pflanzenbaus anhand vergleichbarer Parameter. Zwischen 1927 und 1930 machte sie neun Versuchsreihen, sechs davon sind in Auszügen im Vonderau Museum zu bestaunen. Die so entstandene Foto-Dokumentation dürfte einmalig ein – und trug maßgeblich zum weltweiten Ruf Lohelands bei.

Mona Hutter vom Vonderau Museum, die ehemalige Loheländer Lehrerin Margarete Voegele, ...

Dr. Frank Verse, Dr. Maximilian Abou El Eisch-Boes und Anett Matl

Infoplakat zur Ausstellung ‚Tomate und Mond‘
Die Ausstellungseröffnung gestaltete das Fuldaer Duo Klaus Schenk und George Wagner mit selbstkomponierten Stücken von ‚Slow Walk‘ bis ‚Über Stock und Stein‘. Die beiden sind nicht nur wegen der ungewöhnlichen Besetzung mit Vibraphon und Gitarre eine Besonderheit der Fuldaer Musikszene, sie sind einfach Könner. Man kann sich drauf verlassen: Sie begeisterten ihre Zuhörer. Immer und zuverlässig. Auch an diesem Abend im Vonderau Museum. Nach der Eröffnung erfreuten sich alle am bereitgestellten Imbiss und Umtrunk, kamen ins Gespräch und wanderten interessiert durch die Ausstellung. Die ist noch bis zum 12. April zu sehen, und an drei Sonntagen (08. Februar, 22. März und 12. April) bietet Kuratorin Anett Matl jeweils um 15:00 Uhr eine Führung durch die Ausstellung an.
(Jutta Hamberger) +++