Die altehrwürdige Römerstadt Trier war Schauplatz der 78. Nationalen Deutschen Tischtennis Meisterschaften. Im Schatten der Porta Nigra kämpfte die gesamte nationale Elite von Freitag bis Sonntag um Titelehren. Überraschungssieger im Herreneinzel wurde der Düsseldorfer Christian Süß, der seinem Teamkollegen Timo Boll diesmal im Finale um eine Nasenlänge voraus war. Für Boll wäre der allgemein erwartete Sieg der zehnte nationale Meistertitel gewesen, nun muss er mindestens noch ein Jahr darauf warten, auch in dieser Hinsicht einsame Spitze zu sein – gegenwärtig teilt sich der Odenwälder die historische Poleposition mit Conny Freundörfer, der zwischen 1953 und 1961 in Deutschland kaum zu schlagen war. In der mit insgesamt 3.600 Zuschauern an den drei Tagen mittelprächtig gefüllten Arena Trier - die Endspiele am Sonntag sahen rund 2.000 Menschen - waren auch drei Bundesligaspieler der TG Hanau am Start, nämlich Patrick Franziska, Ruwen Filus und Steffen Mengel. Keiner enttäuschte, ihre Bilanz fiel jedoch unterschiedlich aus.
Im Doppel lief es gar nicht günstig für das Hanauer Trio. Die Kombination Ruwen Filus/Steffen Mengel, 2009 in Bielefeld noch Vizechampion, unterlag den Regionalligaspielern Raphael Graf/Dennis Dickhardt (Leiselheim/Saarbrücken) im Achtelfinale mit 2:3. Das Hanau/Herbornseelbacher Doppel Patrick Franziska/Nico Stehle musste sich den Zweitligaakteuren Robin Malessa (Dortmund) / Sebastian Borchardt (Berlin) in derselben Runde knapp geschlagen geben.
Im Einzelwettbewerb hatte Europe-Youth-TOP10-Sieger Patrick Franziska eine schwierige Ausgangsposition, konnte er wegen seiner Muskelverhärtung in der Schulter doch die gesamte Woche vor dem Wettbewerb nicht trainieren. Dementsprechend unsicher präsentierte sich das 17-jährige Megatalent am Samstag in der 1. Hauptrunde gegen den Qualifikanten Richard Hoffmann, der in der Regionalliga für TuS Celle aufschlägt, setzte sich am Ende aber doch in sechs Sätzen durch. Der Weltranglistendreizehnte Dimitrij Ovtcharov vom belgischen Championsligisten Charleroi in Runde stellte im Achtelfinale jedoch – zumindest unter diesen Voraussetzungen – eine zu hohe Hürde für den jungen Odenwälder dar, der sich nicht schlecht verkaufte, beim 1:4 jedoch ein ganzes Stück von einem Sieg entfernt war. Patrick Franziska: „Ich hätte das Spiel knapper gestalten können. Ich habe leider zu viele leichte Fehler gemacht. Ich hätte ihm gerne ein bisschen Angst gemacht, dass er das Spiel verlieren könnte.“ „Dima“ Ovtcharov über seinen fünf Jahre jüngeren Widersacher: „Er hat sehr frech gespielt, so wie ich in seinem Alter, aber man hat gemerkt, dass er in einigen Situationen deutlich nervös war."
Abwehrkünstler Ruwen Filus hatte in der ersten Hauptrunde wenig Mühe beim 4:0 über den jungen Zweitligaspieler Ricardo Walther (TTC Ruhrstadt Herne), traf jedoch im Achtelfinale auf Mannschafts- und Doppel-Europameister Christian Süß. Filus lieferte dem favorisierten Düsseldorfer, der später auch das Turnier gewann, einen tollen Kampf, der auch technisch auf hohem Niveau stand. Süß war froh als er sich nach sechs umkämpften Sätzen behauptet hatte. In den ersten beiden Durchgängen lief der EM-Viertelfinalist von Stuttgart jeweils Rückständen hinterher und unterlag dann knapp. Der TGH-Spieler sicherte sich jedoch die Sätze drei und vier. Im sechsten Durchgang beim Stand von 9:9 hätte die Partie bei 3:2-Satzführung für Christian Süß noch zu dessen Ungunsten kippen können. Filus: „Da musste ich die bitterste Pille schlucken. Ich wusste, dass Christian mir seinen Rückschlag in die Rückhand schupfen würde. Und ich wusste genau, was ich tun wollte. Doch mein Rückhand-Topspin berührte das Netz und sprang über den Tisch. Das war absolut ärgerlich, denn es hätte mein Punkt sein sollen.“ Insgesamt zeigte sich der 1,84 Meter große Niedersachse mit seinem Auftritt zufrieden: „Wir haben beide gut gespielt. Es war ein schönes Spiel für die Zuschauer."
Am weitesten – nämlich bis ins Halbfinale - kam der in den letzten Wochen so erfolgreiche Steffen Mengel. Großartig und vom Niveau her vielleicht das sehenswerteste Match des Turniers war sein 4:2- Viertelfinalsieg gegen Patrick Baum, den er bereits sechs Tage zuvor im DTTL-Spiel gegen Grenzau geschlagen hatte. Zweimal innerhalb einer knappen Woche gegen die aktuelle Nummer 31 der Welt zu gewinnen – das muss dem baumlangen Siegerländer erst einmal einer nachmachen. Steffen Mengel: „Dar war ein schwieriges Spiel gegen Patrick und nicht leicht zu gewinnen. Der fünfte Satz war besonders wichtig. Gut, dass ich den gewinnen konnte. Es gab einige Wahnsinns-Ballwechsel und ich habe die Bigpoints gemacht.“ Damit stand Mengel in der Runde der besten vier und hatte bereits die Bronzemedaille sicher – seine beste Platzierung bei einer Deutschen Meisterschaft bisher.
Doch dann folgte am Sonntag die Ernüchterung, als er vom Weltranglistenvierten Timo Boll regelrecht demontiert wurde. Dabei hatte sich der Hampl-Schüler so viel vorgenommen und dem deutschen Ausnahmespieler ein heißes Gefecht liefern wollen. Vielleicht hatte er sich gerade zu viel vorgenommen. Boll machte jedenfalls kurzen Prozess mit seinem Freund Mengel, dem elf Punkte vergönnt waren – wohlgemerkt: elf Punkte in vier Sätzen. Nach dem 4:11, 2:11, 3:11 und 2:11 gegen den übermächtigen Widersacher saß ein völlig konsternierter Mengel am Rande der Bande und versuchte, das Geschehen zu verarbeiten: „Das war die klarste Niederlage meines Lebens, da der Gegner heute drei Klassen besser war. Aber eine Bronzemedaille ist ja auch nicht zu verachten. Es ist nur schade, dass das Turnier für mich so endet." (Dr. Stephan Roscher) +++