Der jüdische Friedhof in Schenklengsfeld - Fotos: Jutta Hamberger

REGION Die GCJZ in Schenklengsfeld

Unterwegs in einer jüdischen Landgemeinde

13.03.26 - An einem strahlend schönen Märztag fuhren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Fulda und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit nach Schenklengsfeld. Der Ort ist keine 40 km von Fulda entfernt und war einst die Heimat einer bedeutenden jüdischen Landgemeinde.

Im Seminarraum des ehemaligen jüdischen Lehrerhauses

Karl Honikel führt in die Geschichte der Schenklengsfelder Juden ein

Die Gruppe wurde liebevoll bewirtet

Das Haus des Lehrers Grünewald

Es ist den Anstrengungen des Förderkreises "Jüdisches Lehrerhaus Schenklengsfeld e.V." zu verdanken, dass heute in Schenklengsfeld wieder der ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedacht wird. Nach der Vertreibung und Deportation der letzten Schenklengsfelder Juden nämlich geschah Jahrzehnte lang – nichts. Was dann kam, war keine staatliche, auch keine kommunale Initiative, sondern das ehrenamtliche Engagement von Menschen vor Ort. Sie leisteten wahre Herkulesarbeit, denn vom Sinn und Wert eines jüdischen Gedenkorts mussten manche erst überzeugt werden.

Auf diesem Lageplan blau markiert: Die Standorte der Synagoge und des Lehrerhauses ...

Das Treppenhaus und der Flur im Lehrerhaus wurden restauriert, zeigen also den Originalzustand. ...

Im Judaica-Museum

Vor allem zwei Namen stehen für das, was in Schenklengsfeld entstanden ist: Karl Honikel und Holger Jäger, die Vorsitzenden des Judaica-Museums, das als Begegnungsstätte 1997-1999 im ehemaligen Lehrerhaus eingerichtet wurde. Für die Fuldaer Gruppe war liebevoll der Tisch mit Erfrischungen gedeckt worden, hier lauschten alle den Ausführungen Karl Honikels, der es sich nicht hatte nehmen lassen, die Fuldaer zu führen.

Hier sieht man die typischen Purim-Ratschen und den Text aus dem Buch Esther, der an ...

Tora-Rollen – und der gelbe Judenstern, den Martin Löwenstern tragen musste ...

Dieses Mazzekörbchen stammt aus dem Haushalt von Isaak und Lydia Katz – in ihm wurden ...

Das Lehrerhaus sieht man nicht sofort von der Straße aus, weil direkt davor eine katholische Kirche steht. Diese wurde in den 1950er Jahren erbaut, als viele Aussiedler nach Schenklengsfeld kamen und eine eigene Kirche wollten. Sie wurde im ehemaligen Gemüsegarten von Lehrer Grünewald errichtet. Inzwischen ist die Kirche wieder profanisiert, der Förderverein des Jüdischen Lehrerhauses bemüht sich um den Erwerb und ist dazu in Gesprächen mit der Bistumsleitung in Fulda.

Dokument der Vernichtung: die Karte zeigt, wo im Landkreis Hersfeld-Rothenburg einst ...

Ein Kleiderbügel erinnert an Levi Nussbaum, die Ausweise sind Dokumente anderer ...

Aufzählung der letzten verbliebenen Schenklengsfelder Juden, die am 08. Dezember ...

Gemeinsam, aber nebeneinander

Einzelne jüdische Familien waren seit dem 15. Jahrhundert in Schenklengsfeld ansässig. Eine große Gemeinde entwickelte sich aber erst nach der sog. Judenemanzipation im 19. Jahrhundert, als die rechtliche, soziale und politische Gleichstellung der Konfessionen in Europa Gesetz wurde. Dieser Prozess war Ergebnis der Aufklärung. 1850 hatten die Schenklengsfelder Juden eine eigene Elementarschule, einen Friedhof und 1883 wurde eine neue Synagoge errichtet. Zur Einweihung einer neuen Tora-Rolle kam am 05. Dezember 1929 übrigens auch der Fuldaer Provinzialrabbiner Dr. Cahn.

Swe Pessach-Wandbehang aus dem Besitz der Familie Plaut in Schenklengsfeld ist mehr ...

Im Mai 2024 wurden Stolpersteine für die Familie Löwenstein verlegt

Gedenktafel für die zerstörte Schenklengsfelder Synagoge

Die Schenklengsfelder Gemeinde war konservativ-orthodox. "Es konnte schon mal passieren, dass ein jüdischer Junge, der auf der Straße ohne Kippa lief, von einem der Gemeindeältesten eine Watsche bekam und ermahnt wurde, gefälligst die Kippa zu tragen – denn er sei schließlich Jude", erzählte Karl Honikel. 1912 wurde das Haus für Lehrer Grünewald erbaut. "Schenklengsfeld war damals eine bedeutende jüdische Gemeinde", so Karl Honikel. "Vor 1933 gab es hier 160 jüdische Gemeindemitglieder, in einem Ort mit 1.100 Einwohnern sind 12% ein hoher Anteil. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit einer Stadtgemeinde wie Fulda, aber für eine Landgemeinde war das viel."

Pfarrer Michael Oswald zeigt das Bild der 1870 erbauten Synagoge, die einst an diesem ...

Gemütliches Mittagessen

Licht- und Wolkenspiele über dem Jüdischen Friedhof

Und wie lebten die Schenklengsfelder Christen und Juden miteinander? Überwiegend friedlich und freundlich, aber "nebeneinander, nicht miteinander", betont Honikel. "Natürlich hatte man Geschäftsbeziehungen, aber es war doch eher selten, dass es zu freundschaftlichen Begegnungen kam."

Die Grabsteine sind aus Marmor oder Kunststein errichtet und zeigen die Namen der Verstorbenen ...

Die Gruppe auf dem jüdischen Friedhof

Pfarrer Michael Oswald und Marliese Heiligenthal vom Vorstand der GCJZ Fulda ...

Übergriffe, Entrechtung, Vertreibung

Bereits 1925 wurde in Schenklengsfeld eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet, deren Leiter auch SA-Sturmführer war. Nach der sog. Machtergreifung gab es gewaltsame Übergriffe auf Juden. Darüber kann man in der Akte "IMT Nuremberg Archives H-4037" lesen: "Strafverfahren gegen Salzmann wegen schweren Landfriedensbruchs usw. Salzmann ist Kreisbauernführer in Fürsteneck (Kr. Hünfeld). Am 7.8.35 hat er sich an schweren Ausschreitungen gegen Juden (Plaut und Oppenheim) in Schenklengsfeld beteiligt. Hierbei wurden die Juden mit Gewalt aus ihren Häusern geholt, mussten Spießruten laufen und wurden zum Teil schwer verletzt. Die Häuser wurden nicht unerheblich beschädigt."

Grabstein

Der 1988 errichtete Gedenkstein zur Erinnerung an die Shoah-Opfer aus Schenklengsfeld ...

Auf der Rückseite des Gedenksteins wird der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs ...

Jüdische Geschäfte und Wohnhäuser brannten in Schenklengsfeld schon 1933, in diesem Jahr wurde auch die jüdische Schule geschlossen. 1937 lebten nur noch 64 Juden im Ort, 1939 nur noch 29. In der Pogromnacht wurde die Synagoge geschändet, aber nicht in Brand gesetzt. "Kreisleiter Kriep befürchtete ein Übergreifen der Flammen auf das danebenstehende Gehöft, in dem überdies die Ernte eingelagert war. Gehöft und Ernte sollten unbedingt gerettet werden", erzählt Karl Honikel. Im Februar 1939 wurde die Synagoge abgerissen, nach 1945 wurde auf dem Grundstück ein Wohnhaus erbaut. Heute erinnert hier eine Gedenktafel an die Geschehnisse. Im Ort wurden im Mai 2024 erste Stolpersteine verlegt, die an die Familie Löwenberg erinnern.

Judaica-Museum und Friedhof

Im Judaica-Museum, das im Erdgeschoss des ehemaligen Lehrerhauses eingerichtet ist, werden viele Exponate zur Geschichte und Religion der Schenklengsfelder Juden gezeigt. "Es tut mir im Herzen weh, das zu sehen", sagte eine Teilnehmerin aus der Jüdischen Gemeinde. "Ich verstehe das nicht – warum hassen alle uns Juden?" Eine Frage, auf die zumindest ich keine Antwort habe. Nicht verwunderlich, dass gerade die Zeugnisse aus der NS-Zeit von besonderem Interesse waren.

Zum Abschluss der Exkursion ging es noch zum Jüdischen Friedhof, der auf einem Hanggelände südöstlich des Bahnhofs liegt. Keine besonders schöne Gegend, noch dazu dominiert von Industriebauten und Solarpaneelen, die dem Friedhof nachgerade auf die Pelle rücken. Unwillkürlich fragt man sich: Würde eine ähnliche Bebauung auch direkt neben einem christlichen Friedhof zugelassen? Die Antwort lautet: natürlich nicht. Und das kann man durchaus als Zeichen des unempathischen Umgangs mit der eigenen jüdischen Geschichte vor Ort deuten.

Die abseits stehenden Grabsteine der Kohanim, des jüdischen Priestergeschlechts ...

Auf dem Friedhof sind 118 Gräber. Ungewöhnlich ist, dass die Gräber in Frauen- und Männerreihen angeordnet sind, das findet man so sonst nicht. Wie auf jedem jüdischen Friedhof sind die Gräber nach Süden – Richtung Jerusalem – ausgerichtet. 1870 fand hier die erste, 1938 die letzte Beerdigung statt. In der NS-Zeit kam es zu erheblichen Beschädigungen und Zerstörungen, der beginnende Krieg verhinderte aber, dass der Friedhof völlig zerstört wurde. Heute ist er das letzte sichtbare Dokument jüdischen Lebens in Schenklengsfeld.

Die Kohanim-Steine

Betritt man den Friedhof, sieht man links unten drei einzelne Grabsteine – weit weg von allen anderen. Das sind die Grabsteine der Kohanim, des jüdischen Priestergeschlechts. Das Amt des "Kohen" (= Priester) wurde vom Vater auf den Sohn vererbt, auf den Grabsteinen erkennt man die Kohanim am Symbol der segnenden Hände. Das deutet auf die Aufgaben der Männer in den Gottesdiensten an hohen jüdischen Feiertagen hin. In Schenklengsfeld hatte die Familie Katz dieses Amt inne. Nach jüdischer Tradition durften die Kohanim den Friedhof nicht betreten, weil sie nach der Tora besondere rituelle Reinheitsvorschriften beachten mussten. Deshalb stehen diese Steine abseits. 1988 wurde im Rahmen der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome eine Gedenktafel aufgestellt, die an die Opfer der Shoah in Schenklengsfeld erinnert.

Mit vielen Gedanken und Eindrücken kehrte die Gruppe am Nachmittag wieder nach Fulda zurück. Dankbarkeit für die Arbeit des Förderkreises mischte sich mit der Trauer über die entsetzlichen Geschehnisse der NS-Zeit. Und alle waren sich einig: Sich dem Leid, dem Schmerz und der Verantwortung gemeinsam zu stellen, sich gemeinsam zu erinnern, aber auch gemeinsam das Heute zu feiern, verbindet. (Jutta Hamberger)+++


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