Nadine Schneider las bereits zum dritten Mal in Fulda - Fotos: Maurice Schumacher

FULDA Literatur im Stadtschloss

Was bleibt, wenn wir gehen? - Nadine Schneider, Das gute Leben

16.04.26 - 2020 war Schneider gemeinsam mit Olivia Wenzel Fuldas zweite Literaturpreisträgerin. Nun kommt sie mit ihrem dritten Roman "Das gute Leben" erneut nach Fulda. Vier Frauen, vier Generationen – und vier Versuche, ein gutes Leben zu führen. In ihrem Roman erzählt Schneider von Flucht, Abschied, Erinnerung und der Frage, was von einem Menschen bleibt.

In Fulda fast schon zuhause

Schon dreimal hat Nadine Schneider in Fulda gelesen und dabei gleich drei prachtvolle "Leseräume" kennengelernt – das Palais Altenstein, die Aula der Alten Universität und am heutigen Abend den Fürstensaal. Auch deshalb fühle sie sich in Fulda schon recht heimisch, erzählte Klaus Orth in seiner Begrüßung und fand, auch Schneiders dritter Roman sei "wie ein Lied, das man immer wieder hören wolle". So hatte es Jan Brandts in seiner Laudatio auf Schneiders Erstling "Drei Kilometer" gesagt. Der neue Roman erzähle davon, dass man den eigenen Familienbanden nicht entkommen könne – und sei geschrieben von einer der "bedeutenden Stimmen der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur".

Den Büchertisch hatte wieder Parzellers Buchverlag organisiert

Klaus Orth begrüßte anstelle von OB Dr. Wingenfeld, der verhindert war ...

In Fulda fühle sie sich schon sehr vertraut, so Nadine Schneider

Fuldas Lesefreundinnen und -freunde waren wieder zahlreich im Fürstensaal erschienen, darunter OB a.D. und Ehrenbürger der Stadt Fulda Gerhard Möller, Verleger Dr. Thomas Schmitt mit seiner Frau Gerda und Kulturamtsleiter Jürgen Peter. Besonders freute Orth sich darüber, dass gleich zwei Schulklassen gekommen waren – Helena Zieglers Deutsch-Leistungskurs aus dem Domgymnasium und die 11. Klasse Philipp Manderscheids aus der Freiherr-von-Stein-Schule. Und das ist wirklich eine Freude – denn Ziel der Reihe ist es immer auch gewesen, junge Menschen für Literatur zu begeistern.

Die Vergangenheit reist mit

Schneiders Roman ist eine Familiengeschichte, eine Mütter-Töchter-Geschichte, eine Geschichte über Fremdsein und Fremdbleiben, eine Geschichte über sichtbar werden und sich unsichtbar fühlen, eine Geschichte über Ankommen und Identitätssuche.

Wieder war der Fürstensaal bei "Literatur im Stadtschloss" sehr gut besucht ...

Nadine Schneider las leise, aber eindringlich

Kulturamtsleiter Jürgen Peter wurde von Tochter und Sohn begleitet

Im Mittelpunkt steht Anni, die 1962 schwanger aus dem sozialistischen Rumänien nach Deutschland flieht. Sie kommt nach Nürnberg, wo schon ihr Bruder und weitere Verwandte leben – und merkt schnell: Die werden ihr ziemlich wenig helfen. Sie wird es selbst in Griff bekommen müssen. Genau das tut sie. Anni zieht ihre Tochter Helene und später auch ihre Enkelin Christine allein groß. Beim Versandhaus Quelle findet sie Arbeit und verpackt fortan Pakete. Sie arbeitet hart und viel – darauf liegt ihr Fokus, weniger darauf, ihrer Tochter die Mutter zu sein, die diese bräuchte. Man kann zwei Wortpaare bilden: Arbeiterin und Leistung, Mutter und Versäumnisse. Erst ihre Enkeltochter Christine kann Anni später lieben.

Verleger Dr. Thomas Schmitt mit seiner Ehefrau Gerda

Nebenbei erzählt der Roman auch von der Unternehmerin Grete Schickedanz, deren Lebensweg gern mit der Formel "vom Lehrmädchen zur Versandhauskönigin" beschrieben wird. Gerade die Passagen über "die Quelle" und den Arbeitsalltag dort sind interessant zu lesen, führen sie doch mitten hinein in die Wirtschaftswunderjahre der Bundesrepublik.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus Annis und Christines Perspektive und pendelt entsprechend zwischen Deutschland und Rumänien. Bei den Stellen, die Nadine Schneider für die Lesung auswählt, wird das gut deutlich: z.B. Christines Ankunft in Annis Häuschen nach deren Tod; Annis Gang zur rumänischen Miliz mit der Ausreiseerlaubnis; Annis Ankunft in Nürnberg; ein Familientreffen in einem Restaurant; die angespannte Beziehung zwischen Anni und Helene; die Beerdigung von Grete Schickedanz; Christine am Ende allein in Annis Häuschen.
Hatte Anni nun das gute Leben, das sie sich ersehnt hat? Im Roman geben drei Frauen aus drei Generationen darauf ihre ganz eigene Antwort.

Roman der leisen Töne

Nadine Schneiders Roman setzt auf Atmosphäre und genaue psychologische Beobachtung. Die Geschichte ist facettenreich, große dramatische Ausschläge gibt es kaum, die Erzählung fließt dahin. Ob man das als bewusst entschleunigt, besonders poetisch und einfühlsam oder etwas ereignisarm empfindet, wird jeder Leser für sich beantworten müssen.

Auf übergeordneter Ebene stellt der Roman auch die Frage, was von einem Menschen bleibt. Welche Spuren hinterlassen wir, und woran erinnern sich andere Menschen nach unserem Tod? Was brauchen wir, um uns zu erinnern? Christines Antwort darauf ist bemerkenswert nüchtern. Für sie ist Erinnern Erkenntnis – und die Einsicht, manchmal auch loslassen zu müssen.

Noch eine Frage drängt sich beim Lesen auf: Wo sind eigentlich die Männer? In "Das gute Leben" tauchen sie höchstens am Rand auf und sind nicht einmal echte Nebenfiguren. Es sind die Frauen, die arbeiten, sich kümmern, sehnen, zweifeln, mit sich ringen, einsam oder glücklich sind – und die einander Halt geben. Ob das als literarische Aussage über Rollenbilder gelesen werden soll oder als bewusste Fokussierung auf weibliche Lebensrealitäten, lässt Nadine Schneider offen.

Das Publikum im Fürstensaal dankte der Autorin mit lang anhaltendem Beifall – und der Abend klang wie immer bei der "Literatur im Stadtschloss" mit Bücher signieren, Gesprächen, Wein und Brez’n aus. (Jutta Hamberger) +++


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