22.04.26 - Bodo Kirchhoff war zum zweiten Mal zu Gast in der Reihe "Literatur im Stadtschloss". Nach 1994 und seinem Roman "Infanta" kam er nun mit "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt". Darin bilanziert Kirchhoff die 50-jährige Ehe zwischen Terese und Vigo. Eine Geschichte, die erzählt wird, weil jemand nicht mehr da ist. Und ein Platz, der immer besetzt war, auf einmal leer bleibt.
Volles Haus im Fürstensaal
Mit großer Freude begrüßte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld die wieder zahlreich erschienenen Lesefreunde Fuldas, darunter erneut eine Schulklasse des Domgymnasiums. Ins Werk einführen wolle er nicht, so der OB, darum habe ihn Bodo Kirchhoff gebeten, "und in Fulda sei der Autor natürlich König". Der Oberbürgermeister gab einen kurzen Abriss der Kirchhoff’schen Vita und zitierte aus den zahlreichen Rezensionen zum neuen Roman. Dabei zitierte er nur männliche Rezensenten mit durchweg lobenden Worten. Fast alle rezensierenden Frauen hingegen können diesem Roman nur wenig abgewinnen. Eine hochinteressante Ausgangslage!

Bereits zum zweiten Mal war Bodo Kirchhoff zu Gast in der Reihe "Literatur im Stadtschloss". ...
Suche nach der verlorenen Liebe
Worum also geht es? Ein Mann ist nach Indien gereist, vorgeblich, um für sein neues Buch zu recherchieren. Das Buchprojekt über den Weltfrieden, an dem Vigo arbeitet, ist eines, das – so Kirchhoff – ihn selbst als Romanstoff interessiert hätte. Er sei damit aber nicht zurande gekommen und habe deshalb beschlossen, lieber eine Romanfigur daran scheitern zu lassen als dies selbst zu tun. Vigos Vorstellungen von einer Welt ohne Waffen sind mit "naiv" wohlwollend umschrieben. Quasi Schwerter zu Pflugscharen. Bloß gibt es immer viel zu viele, die beides haben und auch benutzen. Mit diesem Friedenskitsch lässt Kirchhoff seinen Autor im Roman demonstrativ scheitern.
Vigos Frau Terese misstraut der Sache und reist ihrem Mann nach, um ihn der Untreue zu überführen, fängt dann vor Ort aber selbst eine Affäre mit einem deutsch-indischen Gästehausbesitzer an. Indien und Mumbai erscheinen dabei weniger als konkrete Orte, denn als literarische Topoi für "Exotik".
Terese findet ihren Mann, die beiden stellen in immer neuen Szenen und Begegnungen fest, dass es nach vielen gemeinsamen Jahrzehnten vorbei ist zwischen ihnen. Die Frage, ob Terese zu ihrem Mann zurückkommt, beantwortet schon das Motto des Buchs: "Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben." (Terese zu Vigo) Damit ist bereits auf Seite 1 klar, dass es um die Auflösung dieser Ehe geht.

Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld begrüßte Autor und Publikum im vollbesetzten ...
Perspektiv-Verdopplung
Kirchhoff schreibt nicht als männlicher Autor, sondern lässt seine Hauptfigur Vigo eine Frau jenseits der 60 schildern, die klug, anspruchsvoll und sexuell aktiv ist. Also eine doppelte Männerperspektive. Denn der Ehemann wird zum Erzähler innerhalb der Erzählung. Diese Konstruktion habe er auch deshalb gewählt, weil er der Meinung sei, der allwissende Erzähler habe allmählich ausgedient. So zu erzählen habe ihn einfach gereizt, erklärt Kirchhoff den Zuhörer:innen im Fürstensaal. In einem Interview hatte er gesagt: "Ich wollte ihren Mann über seine Frau schreiben lassen, weil er immer noch derjenige ist, der sie am allerbesten kennt."
Die Ehefrau sieht das vermutlich ziemlich anders! Es ist bezeichnend, dass Vigo überhaupt erst von und über seine Frau zu erzählen beginnt, als er merkt, dass die ihn verlassen wird. Hopplahopp lässt er sein Buchprojekt liegen und beginnt stattdessen, seine Frau zu "erzählen" – wie sie denkt und fühlt, wie sie reflektiert, wie sie versucht, sich selbst zu finden. Ganz ehrlich: Das hält keine Frau aus. Nicht literarisch, und nicht im Leben.
Der alleswissende und alles erklärende Autor
Der Kunstgriff der Perspektiv-Verdopplung hat eine fatale Nebenwirkung: Ausgerechnet die weibliche Perspektive, um die es doch angeblich geht, verschwindet fast vollständig hinter der männlichen Deutung. Vielleicht sind Frauen in Zeiten des permanenten Mansplainings schlicht müde, sich auch noch literarisch erklären zu lassen, wie sie wirklich ticken. Spätestens in der Szene, in der Vigo seine Frau trotz mehrfachen NEINs im gemeinsamen Londoner Hotelzimmer vergewaltigt und der Roman das einen "irreparablen, unverzeihlichen Akt" nennt, kippt diese Erzählkonstruktion vollends.
Das ist vermutlich auch der Grund, warum fast alle Rezensentinnen das Buch so kühl aufgenommen haben. In einem Gespräch mit Jürgen Deppe (NDR-Kultur) hatte Kirchhoff gesagt, er wünschte sich zwar, dass Männer sein Buch lesen würden, ginge aber davon aus, dass weitaus mehr Frauen es verstünden. Dem kann man uneingeschränkt zustimmen. Denn Frauen sind wahrhaft leidgeprüft, wenn es darum geht, dass Männer beständig über sie reden und urteilen. Männer machen diese Erfahrung deutlich seltener.
Interessant, dass die Lesung im Fürstensaal genau diesen Aspekt besonders betonte. Denn Kirchhoff las kraftvoll, manchmal fast aggressiv und begleitete sein Lesen mit sehr dominanten Gesten. Man wurde beim Lesen und Zuhören den Verdacht nicht los, dass Kirchhoff den Vigo-Bekannten und deren "fortgeschrittenen Mannesaltergebet" ähnlicher ist, als ihm recht sein dürfte.
Sprachliche Eleganz
Eines allerdings gibt es, das bei Kirchhoff immer wieder beglückt – sprachlich und stilistisch sind seine Bücher herausragend. Auch die "Nahaufnahmen" enthalten Sätze, die leuchten, Beobachtungen, die sitzen. Diese sprachliche Eleganz trägt den Roman diesmal allerdings nicht. Weder die große Friedensutopie noch das komplizierte Beziehungsdrama gewinnen an Kontur. So bleibt ein Roman, der zwar Kirchhoffs große Themen aufruft – Liebe, Treue, Alter, Gewalt, Weltfrieden –, aber erstaunlich wenig davon einlöst. Viele Seiten, viele kluge Sätze und manche schönen Szenen. Die "Nahaufnahmen" versprechen Nähe, aber beim Lesen stellt sich eher Distanz ein.

Herzlicher Dank – OB Wingenfeld mit Bodo Kirchhoff
Das Publikum bedankte sich bei Bodo Kirchhoff mit freundlichem Applaus, ließ sich Bücher signieren und widmete sich dann dem kulinarischen Ausklang, der zur Literatur im Stadtschloss gehört wie der Bonifatius zu Fulda. (Jutta Hamberger) +++