Der Fuldaer Dialekt ist besonders – und besonders schön. - Fotos: Jutta Hamberger

FULDA Vortrag im Geschichtsverein

Deutschlands schönster Dialekt? Natürlich in Foll!

22.05.26 - Erhält man eigentlich Bleiberecht in Fulda, wenn man dem Fuldaer Platt nicht zumindest gewogen, besser: zutiefst begeistert begegnet? Nicht amtlich, aber emotional könnte das durchaus kritisch werden. Denn erstens sind die Fuldaer mächtig stolz auf ihre Stadt, zweitens auf ihre Geschichte – und drittens auf Deutschlands schönsten Dialekt, der nun einmal in Foll gesprochen wird.

Vom Schmuddelkind der Sprache zur Modeerscheinung

Der Geschichtsverein hatte zu einem Vortrag über die Mundarten des Fuldaer Landes eingeladen und mit Dr. Rudolf Post (*1944) einen der renommiertesten Mundartforscher als Referenten gewonnen. Das Interesse war entsprechend groß: Das Kanzlerpalais war bis auf den letzten Platz gefüllt, selbst zusätzlich herbeigeschaffte Stühle reichten kaum aus. Post veröffentlichte 2020 mit "gesoecht on gefonge! Das Mundart-Wörterbuch des Fuldaer Landes" (Parzeller) das Standardwerk zum Fuldischen.

Dr. Thomas Heiler begrüßte als Vorsitzender des Geschichtsvereins.

Referent Dr. Rudolf Post gilt als einer der bedeutendsten Dialektforscher Deutschlands ...

Dr. Thomas Heiler, seit Anfang des Jahres Vorsitzender des Geschichtsvereins, freute sich über den großen Zuspruch. Da müsse man sich "keine Sorgen machen, ob der Fuldaer Geschichtsverein auch in 100 Jahren noch ein Programm anbietet". Heiler gehört jener Generation an, "denen die Eltern den Dialekt noch rausgeprügelt haben" – aus Angst, die Kinder könnten dadurch schulische oder berufliche Nachteile erleiden. "In den 60er Jahren galt Dialekt als Schmuddelkind der Sprache", sagte Heiler. Heute habe sich das grundlegend gewandelt: Mundartgedichte, Mundartmusik und regionale Literatur seien längst wieder en vogue. Heiler verwies dabei unter anderem auf Richard Müller, Günther Elm und Franz Habersack.

Dass Dr. Rudolf Post nicht nur über Dialekte forscht, sondern sie mit Leidenschaft lebt, wurde im Verlauf des Abends schnell deutlich. Mit großer Detailkenntnis, sprachhistorischer Tiefe und hörbarer Begeisterung führte er sein Publikum durch die Besonderheiten des Fuldischen.

Was ist typisch fürs Fuldaer Platt?

Wer mit dem Fuldischen vertraut war, nahm an diesem Abend zahlreiche neue Erkenntnisse über die Eigenheiten der heimischen Mundart mit. Wer bislang kaum Berührung damit hatte, konnte staunen, wie eigenständig sich Sprache im Fuldaer Land entwickelt hat. Post spannte dabei einen weiten Bogen – von frühen Namensformen über archaische Lautverschiebungen bis hin zu lateinischen und jiddischen Einflüssen.

Die wichtigsten Schreiborte des Althochdeutschen – Fulda gehört zum Ostfränkischen ...

Der endungslose Infinitiv im Fuldischen

Beispiele für den Einfluss des Mittelhochdeutschen auf den fuldischen Dialekt ...

So wurde im Fuldischen die Lautverschiebung von p zu pf nicht mitgemacht: Es heißt Peffer statt Pfeffer oder Äbbel statt Äpfel. Auch die neuhochdeutsche Diphthongisierung zu ei, au und eu blieb weitgehend aus: Hier heißt es "wiss" statt "weiß", "ziit" statt "Zeit" und "Huis" statt "Haus". Fast alle Gewässer-, Orts- und Flurnamen seien zudem germanischer Herkunft. Spätestens nach einer Karnevalssaison in Föllsch Foll weiß auch mancher Zugereiste: Fulder fragen anders. Es heißt "Bos is los?" – und nicht "Was ist los?"

Besonders erstaunlich sei, dass das Fuldische gleich drei verschiedene Infinitivformen kenne. So gibt es den endungslosen Infinitiv – etwa mach statt machen oder seng statt singen. Laut Post handelt es sich dabei um eine Form, die im deutschsprachigen Raum einzigartig sei. Hinzu kommen der erweiterte Infinitiv mit zu ("Do gitts nüscht se hole") sowie besondere Infinitivformen mit Modalverben wie "Ich konn gekomm".

Ein fuldisches Hutzellied, das fast unverändert auch in Ungarn (Stifoller-Siedlungen) ...

Jiddische Begriffe im fuldischen Dialekt

Von Fuld nach Foll und Föllsch Foll

Altes Wortgut im Fuldischen

Im Fuldischen hat sich erstaunlich viel altes Wortgut erhalten – wie etwa Botze (Batzen, Klumpen), Dööt beziehungsweise Deet (Patin) oder Kötz beziehungsweise Keetz (Rückentragekorb). Bei einer Deutung des Referenten allerdings dürfte mancher Fulder innerlich widersprochen haben: neisel beziehungsweise nèèssel erklärte Dr. Post als Essen ohne rechten Appetit. Da dürften viele Zuhörer:innen anderer Meinung sein: Ein echter Fulder hat immer Appetit – spätestens, wenn die Domtürme nicht mehr zu sehen sind. Selbst wenn er manchmal etwas weniger isst, also neiselt.

Auch lateinische Einflüsse haben sich bis heute erhalten, etwa in Wörtern wie Kolder (Wolldecke) oder Motze (Jacke). Viele Begriffe jiddischer Herkunft gehören ebenfalls selbstverständlich zum Fuldischen – oft ist ihre Herkunft heute gar nicht mehr bewusst. Beispiele dafür sind Dalles, meschugge, Schicks, Schmuu(s) oder Zoores.

Wie langlebig Sprache und Dialekt sein können, zeigte Post schließlich am Beispiel der sogenannten Stifoller. Selbst bei diesen Familien, die im 18. Jahrhundert aus wirtschaftlicher Not das Hochstift Fulda verließen und nach Ungarn auswanderten, hätten sich bis heute fuldische Sprachspuren erhalten.

Das Kanzlerpalais platzte aus allen Nähten

Referent Dr. Post

Dialekt ist ein Stück Kultur

"Wer den hiesigen Dialekt nicht kennt, wird sich schwertun, ihn zu verstehen, weil er von der Standardsprache so verschieden ist", sagte Post zum Abschluss seines Vortrags. Das Fuldische unterscheide sich nicht nur deutlich von den Nachbardialekten, sondern überhaupt von vielen anderen hessischen Mundarten. "Sprache reflektiert auch die Geschichte einer Region – territorial genauso wie religiös."

Gerade deshalb, so der Tenor des Abends, sei Dialekt weit mehr als bloße Folklore. Er bewahre Geschichte, Identität und kulturelles Gedächtnis. Auch Dr. Thomas Heiler sprach zum Schluss ausdrücklich vom Kulturverlust, der mit dem Verschwinden regionaler Mundarten verbunden wäre.

Im Anschluss entwickelte sich noch eine lebhafte Fragerunde, in der die Zuhörer und Zuhörerinnen gleichermaßen ihre sprachliche Neugier wie ihre eigenen Dialektkenntnisse unter Beweis stellten. Und auch das wurde nachdrücklich klargemacht: In Fulda beginnt das sprachliche Ausland schon in Petersberg. (Jutta Hamberger) +++


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