Das Hautkrebsscreening steht derzeit in der Diskussion - Symbolbild: pixabay

REGION Kein Hautkrebsscreening mehr?

Warum die Krebsfrüherkennungsmethoden auf dem Prüfstand stehen

01.06.26 - In den vergangenen Wochen ist die gesundheitspolitische Debatte in Deutschland erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Steigende Ausgaben, demografischer Wandel und strukturelle Probleme stellen die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems zunehmend infrage. Parallel dazu mehren sich Berichte über mögliche Leistungskürzungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), insbesondere im Bereich der Krebsfrüherkennung. Diese Entwicklungen sorgen sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei Leistungserbringern für Verunsicherung.

Ein Beispiel für die aktuelle Diskussion ist das Hautkrebsscreening, das seit 2008 als reguläre Vorsorgeleistung ab dem 35. Lebensjahr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wurde. Medienberichte suggerieren, dass diese Leistung künftig eingeschränkt oder nicht mehr regelhaft empfohlen werden könnte. Gleichzeitig wird das im April eingeführte strukturierte Lungenkrebsscreening mittels Niedrigdosis-Computertomographie (LDCT) für Hochrisikogruppen, insbesondere langjährige Raucherinnen und Raucher, kritisch diskutiert. Auf den ersten Blick erscheint diese Verschiebung widersprüchlich: Warum wird eine etablierte Vorsorgeuntersuchung infrage gestellt, während eine technisch aufwendigere und kostenintensivere Methode eingeführt werden soll?

Die Antwort liegt in der evidenzbasierten Bewertung medizinischer Maßnahmen. Moderne Medizin basiert nicht allein auf plausiblen Annahmen, etwa der, dass eine frühere Diagnose automatisch zu besseren Überlebenschancen führt, sondern auf dem Nachweis eines tatsächlichen patientenrelevanten Nutzens. Dieser wird in großen randomisierten Studien und Metaanalysen untersucht. Entscheidend sind dabei harte Endpunkte wie Gesamtmortalität, krankheitsspezifische Sterblichkeit sowie Lebensqualität.

Für das Hautkrebsscreening zeichnen aktuelle Auswertungen ein unklares Bild. Zwar kann die Diagnose von Melanomen teilweise früher erfolgen, ein klarer Nachweis einer signifikanten Reduktion der Sterblichkeit konnte allerdings nicht erbracht werden. Neben den Kosten für das Screening führen falsch-positive Befunde zu Überdiagnostik und psychischen Belastungen bei Betroffenen.

Demgegenüber ist die Lage beim Lungenkrebsscreening klarer. Große Studien konnten zeigen, dass bei definierten Hochrisikogruppen durch ein Screening eine signifikante Reduktion der lungenkrebsspezifischen Sterblichkeit erreicht werden kann. Auch wenn hier ebenfalls Risiken wie falsch-positive Befunde und Strahlenexposition bestehen, wird der Nutzen insgesamt als höher bewertet und es können zudem Kosten vermieden werden.

Moderne Gesundheitssysteme können nicht jeden Einzelfall berücksichtigen. Für den Patienten ist seine Krankheit ein individuelles Leiden. Gesamtgesellschaftlich muss immer erlaubt sein, den Nutzen einer Maßnahme den Risiken und den Kosten gegenüberzustellen. Diese Priorisierung kann jedoch im Einzelfall als ungerecht empfunden werden. Um für alle Menschen in Deutschland zu funktionieren, muss das Gesundheitssystem allerdings nachhaltig finanzierbar bleiben. Daher ist es ein wichtiges Signal, dass die Bundespolitik ihren Entscheidungen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde legt. Diese Entscheidungen sollten jedoch immer transparent mit der Bevölkerung kommuniziert werden. (Adrian Böhm) +++


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