04.06.26 - Der Fuldaer Literaturpreis hat 2026 in seiner achten Auflage eine wahre Königin gefunden. Geehrt wurde Anja Gmeinwieser für "Wir Königinnen" – ein Debüt, mit dem die Messlatte für künftige Preisträger:innen sehr hoch gelegt wurde. In der Jurybegründung hieß es, Anja Gmeinwieser nehme ihre Leserschaft mit "auf diese spannende, absurde, oft anrührende und manchmal auch todtraurige Reise quer durch Europa." Hat man erst einmal angefangen zu lesen, kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Die Urkunde des Fuldaer Literaturpreises

Ausgezeichnete Preisträgerin – Anja Gmeinwieser mit OB Wingenfeld, im Hintergrund ...
Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßte unter den Gästen die Jury des Fuldaer Literaturpreises ("kompetent und unabhängig"), die Sponsoren der Reihe "Literatur im Stadtschloss" (Sparkassenfamilie und Parzellers Buchverlag), zwei ehemalige Oberbürgermeister und inzwischen Ehrenbürger Fuldas, viele Mitglieder aus Magistrat und Stadtverordnetenversammlung, Fuldas erste Bürgerin, Stadtverordnetenvorsteherin Marga Hartmann, sowie die Kulturpreisträger Dr. Thomas Heiler und das Ehepaar Helen und Tassilo Bonzel. Und die vielen Lesebegeisterten, die der Reihe seit Jahren die Treue halten.
Der OB wies in seiner Begrüßung darauf hin, warum Fulda den Literaturpreis aus der Taufe gehoben hatte: im Jahr 2019 – zur 1.275-Jahr-Feier der Stadt – habe man die Verbindung vom Kloster Fulda zur modernen Literatur ziehen wollen. Die Strahlkraft der Klosterschule sollte quasi übergehen in den Literaturpreis, der als Ermutigung verstanden werden will, selbst kreativ zu werden.

Julia Schröder lobte Anja Gmeinwiesers Roman als Buch, das an die Grenzen des Sagbaren ...

Jurymitglied Christoph Peters

Traudl Sorg

Einige Schüler erholten sich im Fürstensaal ein wenig vom Abi-Stress

OB Wingenfeld bei seiner Begrüßung
Lebenskrise im Piemont
Der Roman hat drei Teile: Berge, Straße, Grenze. In dieser Schmucklosigkeit und Reduktion, die sich auch durch den Roman zieht, liegt ein großer Teil des Reizes. Gmeinwieser erzählt eine Geschichte zwischen Western und Roadmovie, verheddert sich aber nie in Klischees oder Romantisierungen. Dafür sorgt schon das Setting. Die eine Königin ist die Ich-Erzählerin des Romans. Sie lässt für vier Wochen alles zurück: ihren Job als Lehrerin, Partner Swen, ihre Schwester Sara. Der Grund dafür ist eine Art Lebenskrise, der die Ich-Erzählerin mit einem Ausstieg auf Zeit begegnen will.
Sie entscheidet sich fürs Bergwandern im Piemont. Das aber stellt sich als ganz anders heraus, als sie dachte: "Das innere Jammern kommt in den Wandergeschichten nicht vor, fehlende Blasenpflaster sind für die Geschichten uninteressant." Die Landschaft ist großartig, aber die Bergdörfer scheinen von der Zeit vergessen. Wo sind die Menschen? Statt der Wanderführer-Idylle wird sie mit einer ganz anderen Realität konfrontiert. Sie könnte umkehren und überlegt sich das auch, entscheidet sich dann aber, weiterzuwandern. Landschaft, Stille und Einsamkeit faszinieren sie. "Ich wollte ja allein sein. Bergeinsamkeit. Und nun so viel davon."
Eine ungewöhnliche Begegnung
Als ihr die Lebensmittel auszugehen drohen, kommt es zu einer fast surrealen Begegnung: Auf einer Wiese steht ein LKW, darum herum grasen trächtige Kühe. Hier begegnet die Erzählerin Anna, die ihre Fracht von Frankreich in die Türkei bringt. Anna bietet der Wanderin an, sie ein Stück mitzunehmen. Man verständigt sich irgendwie – mit brüchigem Englisch oder Übersetzer-Apps. Anna gehört zu jener europäischen Unsichtbarkeit, ohne die der Westen längst zusammengebrochen wäre. Menschen, die unsere Alten pflegen, Tiere zerlegen, Spargel stechen, Waren transportieren – und deren Leben trotzdem immer prekär und immer am Rand der Wahrnehmung bleibt. Hochgespannter Intellektuellen-Drahtseilakt trifft auf erdigen Pragmatismus. "Ich regiere nicht die Welt. Ich mache nur meinen Job."

Elisha Ortlieb spielte Edvard Griegs Etüde "Hommage à Chopin"

Elvira Storch aus dem Beirat der Menschen mit Behinderungen

Verleger Dr. Thomas Schmitt und Verlagsleiter Rainer Klitsch

Jutta Hamberger, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Tourismus und Partnerschaften ...
Die beiden Frauen sind sehr verschieden, und doch finden sie auf diesem Roadtrip zueinander. Gmeinwieser schreibt für dieses Zusammenfinden Sätze, die hängenbleiben – mal auf deutsch, mal in halbschiefen Google-Übersetzungen ins Englische (die genauso stehenbleiben im Roman):
- In unserer Familie Mutterschaft kommt immer eine Generation zu spät.
- Ich denke manchmal, meine Probleme sind Erste-Welt-Probleme. Ihr Problem ist eher ein Null-Welt-problem. Ein Minus-Erste-Welt-Problem.
- Ja, alles ist Scheiße, außer dem Geld, das du bekommst, aber ich liebe dich.
- Die Kühe sind euch sicher dankbar für eure Sympathie. Aber wie ihr seht, können wir hier nicht einfach eine Pause im Schatten machen, denn es gibt keinen Schatten. Wenn ich das Wetter ändern könnte, wäre ich nicht LKW-Fahrer.
- Du stehst hier wie ein Abgrund. Ich weiß kaum etwas über dich. Du bist Tourist in meinem Leben, du kannst alles sehen. Aber wenn ich dir eine Frage stellen, versteinerst du.
Unterwegs in einem erschöpften Europa

Anja Gmeinwieser las aus ihrem Roman "Wir Königinnen"

Das Percussion-Ensemble der Musikschule mit Konrad Kaffanke, Lisanna Tomazic, Lars ...
"Wir Königinnen" ist weit mehr als ein Roman über gesellschaftliche Schieflagen oder weibliche Selbstfindung. Anja Gmeinwieser erzählt auch von Sehnsucht, körperlicher Nähe, Verlangen und dem Wunsch, wenigstens für einen Moment aus den festgefahrenen Rollen des eigenen Lebens auszubrechen. Ihr Roman riecht nach Schweiß, Kuhstall, Rastplatzkaffee und Sommerhitze. Menschen streiten, kotzen, reden, lachen, begehren einander. Alles ist in Bewegung.
Tatsächlich erinnert "Wir Königinnen" manchmal an Roadmovies wie "Thelma & Louise" oder klassische Western wie "Red River". In Gmeinwiesers Roman fahren Frauen mit einem Viehtransporter quer durch ein erschöpftes Europa, das viele blinde Flecken hat. Sie suchen weder Ruhm noch Abenteuer, sondern ein Leben, das sich wieder echt oder doch wenigstens weniger brüchig anfühlt.

Stadtverordnetenvorsteherin Marga Hartmann mit ihrem Stellvertreter Dr. Thomas ...
Von der Jury des Fuldaer Literaturpreises waren Christoph Peters, Julia Schröder und Christoph Schröder anwesend, Anna Yeliz Schentke und Zsuzsa Bánk konnten aus privaten Gründen nicht kommen. In ihrer Laudatio betonte Julia Schröder – Literaturkritikerin u.a. für SWR und Deutschlandfunk – dass Gmeinwiesers Buch "an die Grenzen des Sagbaren" führe, indem sich durch die unbearbeiteten, oft schiefen KI-Übersetzungen "erhellende V-Effekte" ergäben. Gmeinwiesers Roman zitiere den Western – ein zutiefst männliches Genre – aber eben nicht, indem er einfach Männer gegen Frauen tausche, sondern "die Frauenrollen wie nebenbei skizziere, verhandle und vergleiche." Die Autorin besitze eine unvergleichliche Gabe des genauen Hinschauens, Beobachtens und Beschreibens. Genau das stellte Anja Gmeinwieser dann bei ihrer Lesung aus dem Buch unter Beweis.
Beschwingt und bezaubernd
Die Musikschule Fulda schickte einige ihrer besten Schülerinnen und Schüler, um der Preisverleihung einen festlichen Rahmen zu geben. Mit Konrad Kaffanke (Percussion) und Elisha Ortlieb (Klavier) standen dabei zwei junge Musiker auf der Bühne, die zuletzt selbst große Wettbewerbserfolge erzielt hatten. Ihre Beiträge verliehen dem Abend zusätzlichen Glanz.
Kaffanke spielte im Percussion-Ensemble der Musikschule – Lisanna Tomazic, Lars Neuhaus, Jonas Wagner und Hagen Pfaff – die Stücke "Coming of Age" von Chad Henry (*1980) und "Ghanaia" von Matthias Schmitt (*1958), Elisha Ortlieb trug die Etüde "Hommage à Chopin" von Edvard Grieg (1843-1907) vor. Für Ensemble wie Solist gilt, was Julia Schröder in ihrer Laudatio auf Anja Gmeinwiesers Roman "Wir Königinnen" gesagt hatte: "geglückt – und beglückend."

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld mit Anja Gmeinwieser und Laudatorin Julia ...

Stadträtin Susanne Jobst mit ihrem Mann

Das Percussion-Ensemble der Musikschule mit Konrad Kaffanke, Lisanna Tomazic, Lars ...
Nach der Überreichung der Urkunde des Fuldaer Literaturpreises durch Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld bedankte sich eine sichtlich gerührte Anja Gmeinwieser: "Als ich zu schreiben begann, wusste ich noch gar nicht, ob ich ein Buch schreibe oder für die Schublade", gestand sie. Wer schreibe, brauche Vertrauen in seine Geschichte, Zeit und Ermutigung. So verstünde sie diesen Preis und danke allen, die an seinem Zustandekommen beteiligt gewesen seien.
Damit ging die diesjährige Literaturreihe mit einem stimmungsvollen Abend im bis auf den letzten Platz besetzten Fürstensaal zu Ende. (Jutta Hamberger) +++