09.06.26 - Nach neunjähriger Planung war es am Montag endlich soweit: Der Alte Jüdische Friedhof wurde seiner Bestimmung als Gedenkort übergeben. Ein Gedenkort für die ca. 2.000 Juden, die hier begraben wurden, und ein Erinnerungsort für die ca. 600 deportierten Juden während der NS-Zeit. Viele waren zu dieser Feier gekommen – aus der Politik und den Kirchen, der jüdischen Gemeinde, verschiedenen Organisationen und natürlich zahlreiche interessierte Fuldaerinnen und Fuldaer.
Über 100 Jahre unrühmliche Geschichte
"Seit 600 Jahren steht dieser Ort für jüdisches Leben in Fulda", so Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld in seiner Begrüßung. Er verwies auf die erste urkundliche Erwähnung eines jüdischen Friedhofs dieser Stelle aus dem Jahr 1442. Bis 1906 wurden hier Bestattungen vorgenommen, dann wurde der neue Friedhof an der Heidelsteinstraße eingeweiht. Im 20. Jahrhundert wurde der Grundsatz, dass ein jüdischer Friedhof immer bleibt und nie seine Bestimmung verliert, oft missachtet. "Dem hat die Geschichte in den letzten 120 Jahren nicht Rechnung getragen", so der OB – und skizzierte die Zerstörung und Schändung des Friedhofs in der NS-Zeit, die von der gleichgeschalteten Fuldaer Zeitung mit feixender Genugtuung als Verschönerung gefeiert wurde.

Laufen und Sitzen darf man nur in dem asphaltierten Bereich des Friedhofs rund um den ...
Aber auch nach 1945 war wenig Besserung zu spüren. Ein Teil des des Friedhofgeländes wurde mit Parkplätzen und dem Hauptzollamt überbaut, dessen durchaus begründeten Abriss Benjamin Ferencz, der Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess, verhinderte. Er vermittelte einen Kompromiss (den Andachtsraum unter dem Zollamt). 1955 sei endlich ein Gedenkstein errichtet worden, aber nicht etwa auf Initiative der Stadt hin, sondern auf Bestrebungen jüdischer Organisationen. "Auf diesem Stein aber war keine Rede von den Deportationen, obwohl doch ca. 600 Fuldaer Juden gegenüber in einer Turnhalle zusammengepfercht wurden, bevor man sie in Viehwaggons in die Todeslager deportierte. Es dauerte bis zum Jahr 2017, als Anja Listmann und Bella Gusman der Stadt nachdrücklich den Wunsch vortrugen, dem alten jüdischem Friedhof seine Würde wiederzugeben."

Das Spruchband mit Psalm 23 von der Rabanusstraße aus gesehen

OB Dr. Wingenfeld und Jutta Hamberger
Heute rahmt den Platz der für Juden und Christen so wichtige Psalm 23 ein: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser… – das Wortband beginnt in der Sturmiusstraße, läuft diese hinunter, die Mauer an der Rabanusstraße entlang und die Mahram-Schiff-Straße wieder hinauf. "Wer hier vorübergeht, wird mit Fragen konfrontiert und macht sich seine Gedanken. Das ist in meinen Augen der erste Schritt zu einer Erinnerungskultur. Denn was in Gegenwart und Zukunft geschieht, liegt an uns, dieser Ort formuliert einen Auftrag an uns", so der OB.
Darf man sagen: "Das ist aber schön geworden?"
Stadtbaurat Daniel Schreiner erinnerte an die Diskussionen rund um die Neugestaltung des Alten Jüdischen Friedhofs. Er habe sich gefragt: Darf man eine Gedenkstätte, die auf eine Tragödie verweist, schön finden, wenn sie fertig ist? Die Arbeitsgruppe Jüdisches Fulda habe einen langen Weg der Eintrübungen und Erhellungen genommen, letztlich aber doch die verschiedenen Perspektiven zusammengebracht. Einig sei man sich immer in diesem Punkt gewesen: Wir bleiben dem Gedenken treu. Deswegen gäbe es die – noch einzupflanzende Rasenfläche, das Band der Erinnerung – das vom Provisorium noch in die endgültige Form zu überführen sei, die äußere Begrenzung durch den Buchstabenzaun mit Psalm 23, in dem sich Tanach und Altes Testament träfen, und "im Inneren eine geschundene jüdische Welt".

Roman Melamed mit Stadtbaurat Schreiner

Unter den Gästen Roman Melamed (Jüdische Gemeinde Osthessen), Bischof Dr. Michael ...

Daniel Neumann mit OB Dr. Wingenfeld

Dr. Thomas Heiler – langjähriger Kulturamtsleiter. Ihm war die Gestaltung des ...

Bella Gusman aus dem Vorstand der jüdischen Gemeinde
Ein Ort, der flüstert
Daniel Neumann, der Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Hessen, sagte in seiner ergreifenden Rede, es gäbe Orte, die seien laut und schrien. Und es gäbe Orte, die flüsterten aus den Tiefen der Vergangenheit. Ein solcher Ort sei dieser Friedhof, der Gewalt erfahren habe und geschändet worden sei. "Das war ein Ort, dem jahrelang alles fehlte, was Würde widerspiegelt", so Neumann. Zwar habe man ihm mit Jerusalemplatz einen schönen Namen gegeben, aber den Zweck des Ortes vergessen.
Es sei nur der Hartnäckigkeit einiger Menschen zu verdanken, auf jiddisch sagt man dazu "nudschen" (bedrängen, nerven), die immer wieder darauf hingewiesen hätten, dass hier etwas nicht stimme. Die goldene Schrift rundherum erinnere an die goldene Stadt Jerusalem. "Heute ist dieser Friedhof zu einem Ort geworden, an dem man die Namen der Verstorbenen erinnert und ihnen die Würde zurückgibt, die man ihnen einst geraubt hat." Neumann zitierte Jonathan Sachs, den ehemaligen Oberrabbiner Londons: Geschichte und Erinnerungen sind nur dann wertvoll, wenn sie die Gegenwart verändern und die Zukunft gestalten.

Roberto Fabian, der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Landesverbands ...
Heute stehen wir auf heiligem Boden
Ethan Bensinger sprach für die Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde: "Heute stehen wir auf heiligem Boden, geheiligt durch Erinnerung und Traurigkeit". Auch er erinnerte an die Finsternis der NS-Zeit, deren Wunden in der Nachkriegszeit zunächst vertieft worden seien. "Aber heute wendet sich die Geschichte der Würde zu", so Bensinger, "heute bekräftigen wir, dass Heiligkeit verdeckt, aber niemals ausgelöscht werden kann."

Stefan Retter
Amtsleiter
Amt für Grünflächen und Stadtservice

Beginn des Wortzauns mit Psalm 23
Roman Melamed dankte im Namen der Jüdischen Gemeinde und erklärte die Prinzipien einer Jüdischen Totenstätte, wie sie in Talmud und Halacha niedergeschrieben sind. "Wer hier liegt, hat ewiges Ruherecht, und auch die Mazzevot (Grabsteine) bleiben stehen. Dies sei hier viele Jahre missachtet worden, aber: "Der Herr korrigiert die Fehler der Menschen, und gutgesinnte Menschen helfen ihm dabei."

Die Silhouette Gabriel Eschweges – aus der Ausstellung "Lebendige Spuren" steht ...
Im Herbst geht die Website online
Thomas Bensch vom Kitzinger Planungsbüro arc.grün erzählte von der Herausforderung für die Landschaftsplaner, diesen Gedenkort als einen Ort des Innehaltens, aber auch der Begegnung zu gestalten und wies auf die vielen Einzelpersonen, Ämter und Behörden hin, die an der Realisierung mitgearbeitet hätten.

Der neue Gedenkstein

Stadtbaurat Daniel Schreiner und Rabbiner Shimon Großberg, der den Gedenkort weihte ...
Kulturamtsleiter Jürgen Peter hob hervor, wie wichtig es sei, die Geschichte dieses Orts zu zeigen. Ab Herbst gehe eine Website online, in die die gesamte Forschungsarbeit v.a. von Anja Listmann und Dr. Thomas Heiler eingeflossen sei. Hier fände man Informationen über den Friedhof und die hier begrabenen Menschen. Es seien auch weitere Veranstaltungen an diesem Gedenkort geplant.
Weihe durch Rabbiner Großberg
Rabbiner Shimon Großberg aus Hanau begann die Weihe des Gedenkorts mit einem Gleichnis: Ein Wanderer habe einst einen alten Mann beobachtet, der eine tiefe Grube ausgehoben habe, um darin einen Johannesbrotbaum zu pflanzen. Verwundert fragte ihn der Wanderer: Warum tust du das? Der trägt doch erst in 70 Jahren Früchte, die wirst du nie sehen oder essen! Der alte Mann wandte sich ihm zu und antwortete: Ich pflanze diesen Baum nicht für mich, sondern für die, die nach mir kommen.
"Genauso ist es mit diesem Friedhof: Mit ihm bewahren wir unser Erbe und verstehen, dass Erinnerung eine Verpflichtung für die Zukunft ist", so Großberg. Mit zwei auf hebräisch gebeteten Psalmen endete die Weihe. Musikalisch umrahmten Natalya Oldenburg und ihr Sohn Erik die Feier – sie spielten drei Stücke aus Riccardo Joshua Morettis ergreifenden "12 Jewish Songs": Halom, Kaddish und Yr Shalom.

Stadtbaurat Daniel Schreiner spricht über die Neuanlage des Friedhofs

Natalya Oldenburg spielte mit ihrem Sohn Erik die Stücke Halom, Kaddish und Yr Shalom ...

Es waren so viele Gäste bekommen, dass die Stühle nicht ausreichten.
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Vergessen wir eins nicht: Der Blick auf das Band der Erinnerung mit den Namen der deportierten Fuldaer Juden ist auch ein Band des Grauens – dafür stehen Auschwitz, Bergen-Belsen, Kaunas, Kulmhof, Majdanek, Riga, Sobibor, Stutthof und Theresienstadt. Wer den Rednern zuhörte, wer der Musik lauschte, der spürte vielleicht im Herzen, wie die Worte und Töne gen Himmel stiegen und die Menschen fanden, denen man einst ihre Würde genommen und denen man sie heute zurückgegeben hat. Damit es so bleibt, sind wir alle gefordert – jeden Tag aufs Neue. (Jutta Hamberger) +++
Hinter Bischof Dr. Geber sitzen Monika Jacobson und ihr Vater Andreas, Nachfahren von Hermann ...
Kulturamtsleiter Jürgen Peter, der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Dr. Thomas ...
Unter den Gästen auch Bürgermeister Dag Wehner und Ehrenbürger und OB a.D. Dr. Alois Rhiel ...
Jutta Hamberger, Vorsitzende des Kulturauschusses und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische ...
Marga Hartmann, Fuldas Stadtverordnetenvorsteherin und Rabbiner Shimon Großberg
OB Dr. Heiko Wingenfeld bei der Begrüßung
Die CDU-Fraktionsvorsitzende Patrica Fehrmann
Das – noch vorläufige – Band der Erinnerung mit den Namen aller aus Fulda deportierten Mitglieder ...
Der Magen David – der Davidstern ist am neuen Gedenkstein angebracht. Darüber steht auf hebräisch ...
Daniel Neumann
Fuldas Stadtarchivar
Kulturamtsleiter Jürgen Peter führte aus, welche Veranstaltungen und Führungen am Friedhof ...
Erik Oldenburg
Ethan Bensinger sprach als Abgesandter der Nachfahren der ehemaligen Fuldaer Jüdischen Gemeinde ...
Roman Melamed, Vorbeter der jüdischen Gemeinde, spricht Dankesworte
Thomas Besch vom Planungsbüro arc.grün
Rabbiner Shimon Großberg weiht den Gedenkort ein
Großberg zitierte auf hebräisch zwei Psalmen
Sebastian Koch und der ehemalige Kulturausschuss-Vorsitzende Dr. Albert Post
Dr. Andreas Desing und Volker Elm
Pfarrer Michael Oswald, Johannesberg
Stadtbaurat Schreiner legt einen Stein auf dem Gedenkstein nieder
OB Dr. Wingenfeld legt einen Stein auf dem Gedenkstein nieder
Ethan Bensinger legt einen Stein auf dem Gedenkstein nieder
Ethan Bensinger mit Linde Weiland, der ehemaligen Vorsteherin der jüdischen Gemeinde ...
Anja Listmann, Bischof Dr. Gerber und OB Dr. Wingenfeld
Die Rasenfläche muss erst noch angelegt werden
Steinchen, die man als Erinnerung an die Toten auf den Gedenkstein legen kann