Podcast-Trio Criminale - Shaggy Schwarz, Lisa Cardinale und Zeno Diegelmann begeistern in der Orangerie - Fotos: Marvin Myketin

FULDA Sommerspecial Mörderische Heimat

Warum uns das Böse in den Bann zieht

19.07.26 - Volles Haus in der Fuldaer Orangerie. Zwei Mikrofone, ein kleiner Tisch, blutrotes Bühnenlicht – mehr brauchte es an diesem Abend nicht, um mehrere hundert Menschen in den Bann zu ziehen. Ein Podcast lebt nicht von spektakulären Bühnenbildern, sondern von guten Geschichten.

Zeno Diegelmann, Shaggy Schwarz und Lisa Cardinale hatten zum Sommerspecial ihres Podcasts "Mörderische Heimat" eingeladen – und trafen damit offensichtlich den Nerv ihres Publikums.

Am Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts

An einer Frage kommt man an so einem Abend nicht vorbei: Warum hören so viele Menschen Podcasts? Eine Antwort ist sehr pragmatisch. Podcasts begleiten uns genau dann, wenn es in unseren Alltag passt – beim Autofahren, Spazierengehen, Putzen oder Kochen. Sie verlangen keine ungeteilte Aufmerksamkeit und fügen sich nahezu mühelos in einen oft hektischen Tagesablauf ein.

Es gibt aber noch eine zweite, fast archaische Antwort. Jahrtausendelang saßen Menschen am Feuer und hörten dort Geschichten von Gefahr, Mut, Verrat und Liebe. Heute sitzen wir oft allein im Auto, auf dem Sofa oder in der Badewanne – das Lagerfeuer ist verschwunden. Die Geschichten aber sind geblieben. Podcasts knüpfen genau daran an. Sie verwandeln Fakten in Erlebnisse. Die Bilder dazu entstehen im Kopf der Zuhörer. Gerade dadurch entwickelt sich eine besondere Nähe zwischen Erzählern und Publikum. Man hört nicht nur zu – man erlebt mit. Mit dem Sommerspecial wird die Orangerie selbst zum Lagerfeuer – einem Ort, an dem Hunderte Menschen gemeinsam einer guten Geschichte lauschen.

Handwerk vom Feinsten

Dass "Mörderische Heimat" dieses Prinzip beherrscht, zeigen nicht zuletzt die hohen Abrufzahlen. Der Podcast lebt vom Zusammenspiel seiner beiden Protagonisten: Krimiautor Zeno Diegelmann recherchiert die Fälle akribisch und erzählt sie mit großer Ruhe und Präzision. Shaggy Schwarz oder Lisa Cardinale übernehmen die Rolle des interessierten Zuhörers, stellen Fragen, wundern sich, staunen und reagieren spontan. Diese Dynamik macht einen großen Teil des Reizes aus.

Beeindruckend ist dabei vor allem die Qualität der Recherche. Die Fälle werden nicht reißerisch ausgeschlachtet, sondern sorgfältig rekonstruiert. Historische Zusammenhänge werden erläutert, Akten ausgewertet, Motive hinterfragt, Theorien entwickelt und wieder verworfen. So entsteht weit mehr als bloße Kriminalunterhaltung. Jeder Fall erzählt zugleich etwas über seine Zeit, über gesellschaftliche Verhältnisse und über die Menschen, die darin handeln.

Hinzu kommt fachliche Kompetenz. Professor Gerhard Schmelz, Kriminalwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, ordnet mit Moderatorin und Synchronsprecherin Lisa Cardinale die kriminalistischen Aspekte ein. Diese Kombination aus spannendem Erzählen und fundierter Analyse erfüllt genau das, was viele Podcast-Hörer suchen: Sie wollen gut unterhalten werden – und dabei etwas lernen. Deshalb ist die Auswahl der Fälle so entscheidend: Es sind Geschichten voller Grautöne, die sich einfachen Antworten konsequent verweigern.

Tod in Miami

Genau so ein Fall eröffnete den Abend in der Orangerie und entführte das Publikum in den Sunshine State. Kerstin Kischnik und Dieter Riechmann reisen 1987 zum wiederholten Mal nach Miami, um dort Urlaub zu machen. Seit zehn Jahren sind beide ein Paar. Sie stammen aus Hamburg, leben inzwischen aber in Lörrach. Kerstin Kischnik arbeitet als Edelprostituierte in einem Baseler Bordell, Dieter Riechmann dürfte zugleich ihr Lebensgefährte und ihr Zuhälter gewesen sein. Am 25. Oktober 1987 essen beide zu Abend und trinken dabei reichlich Alkohol. Gegen 22 Uhr fahren sie mit ihrem Mietwagen zurück zum Hotel. Eine halbe Stunde später ist Kerstin Kischnik tot. Dieter Riechmann wird festgenommen und im November 1988 zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Erst 2010 wird das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Bis heute sitzt er im Gefängnis.

Schon während der Erzählung wird deutlich, warum dieser Fall bis heute fasziniert. Denn nahezu jeder Beteiligte trägt dazu bei, dass Wahrheit und Lüge kaum noch voneinander zu trennen sind. Staatsanwälte verfolgen ihre Karriere, Polizeibeamte geraten in den Ruf systematischer Korruption, Zeugen verschwinden, Beweise werden manipuliert oder tauchen plötzlich nicht mehr auf. Auch das Hamburger Rotlichtmilieu spielt eine wichtige Rolle.

Jahrzehnte später wird der Fall noch einmal aufgerollt. Dabei zeigt sich, wie viele Fehler, Vertuschungen und Fehlannahmen das ursprüngliche Verfahren geprägt haben. Und Dieter Riechmann selbst? Er plante offenbar einen großen Heroin-Deal und träumte von einem neuen Leben in Miami. Ob Kerstin Kischnik darin noch eine Rolle spielen sollte, ist bis heute ungeklärt.

Warum uns True Crime so fasziniert

Gerade dieser Fall verdeutlicht, warum True Crime seit Jahren ein Millionenpublikum begeistert. Es geht dabei längst nicht nur um Mord und Verbrechen. Gute True-Crime-Formate versuchen zu verstehen, wie Menschen handeln, warum Ermittlungen scheitern und welche Rolle Zufälle, Irrtümer, Intrigen oder Machtinteressen spielen. Sie rekonstruieren nicht nur Taten, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge. Wer True Crime liebt, sucht nicht nur die Lust am Grauen, sondern will auch das scheinbar Unbegreifliche begreifen. Podcasts handeln nicht nur von Tätern und Opfern. Sie erzählen von Menschen, ihren Entscheidungen, ihren Irrtümern und ihren Abgründen.

Genau das gelingt "Mörderische Heimat". Diegelmann, Schwarz und Cardinale verzichten auf billigen Voyeurismus und schnelle Urteile. Sie lassen Raum für Zweifel, wägen unterschiedliche Perspektiven ab und erzählen ihre Fälle mit Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Das Publikum in der Orangerie dankte es den Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus.

Wer die nächste Gelegenheit nicht verpassen möchte, kann sich bereits folgende Termine vormerken: Am 8. und 9. Januar 2027 gastiert "Mörderische Heimat" im Kreuz. Und am 16. Mai 2027 folgt dort ein besonderes Special: Dann stellt sich Jens Söring, der in den USA wegen Doppelmordes verurteilt wurde und dessen Fall bis heute kontrovers diskutiert wird, den Fragen von Zeno Diegelmann in einem Kreuzverhör. Eines darf man dabei sicher wieder erwarten: Auch dann geht es nicht um die Verherrlichung von Gewalt oder die Feier des Bösen, sondern um den Versuch, die Abgründe menschlichen Handelns zu verstehen. (Jutta Hamberger) +++


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