20.07.26 - Ein Atelier ist niemals nur ein Raum. Es ist Werkstatt und Rückzugsort, Labor und Bühne, manchmal auch ein Speicher für jene Gedanken, die noch keine endgültige Form gefunden haben. In Lauterbach hat ein solcher Ort nun ein neues Kapitel begonnen: Der freischaffende Künstler David Weiss ist mit seiner Familie in die Kreisstadt gezogen und hat die Räume der ehemaligen Malerschule Euler als Atelier bezogen.
Wo einst Farben gemischt, Flächen gestaltet und handwerkliche Techniken vermittelt wurden, entstehen künftig Malereien, Holzschnitte, Comics, Collagen, Skulpturen und wissenschaftlich inspirierte Bildwelten. Es ist ein passender Ort für einen Künstler, dessen Arbeit sich seit Jahren zwischen den Disziplinen bewegt und der sich gerade deshalb nicht auf eine einzige Ausdrucksform festlegen lässt.
Kunst und Wissenschaft
David Weiss ist Künstler. Er ist aber ebenso Agrarwissenschaftler, Forscher, Zeichner, Illustrator und Geschichtenerzähler. Er ist Familienvater von zwei Kindern, international ausstellender Kunstschaffender und zugleich ein Mensch, dessen Lebensweg nicht im geschützten Raum einer klassischen Künstlerbiografie begann.Bevor seine Arbeiten in Galerien, Museen und internationalen Ausstellungshäusern zu sehen waren, sammelte Weiss Erfahrungen auf dem Bau, in der Gastronomie, im Gartenbau und vielem mehr. Er kennt die körperliche Seite der Arbeit, den Umgang mit Material, Werkzeug, Erde und Widerstand.
In den Fußstapfen des Großonkels
Vielleicht liegt auch darin eine Ursache für die besondere Stofflichkeit seiner Kunst: Seine Werke scheinen nicht nur gedacht, sondern erarbeitet, geschichtet und manchmal regelrecht ausgegraben zu sein. Weiss stammt aus Landenhausen und wuchs dort auf. Die künstlerische Ader liegt in der Familie, der Künstler Henry Euler war der Großonkel von David Weiss, förderte und inspirierte ihn. Doch bei ihm entwickelte sie sich nicht zu einer geradlinigen Laufbahn. Sein Weg verzweigte sich früh. Er machte zwei Ausbildungen einmal als Kaufmann im Einzelhandel und später als Gemüsegärtner.
Er studierte auf dem zweiten Bildungsweg Ökologische Agrarwissenschaften und schloss anschließend auch ein künstlerisches Studium im Bereich Illustration und Comic an der Kunsthochschule Kassel mit einem Master, bei Hendrik Dorgathen ab. Vor der Klasse Illustration und Comic besuchte er die Klasse Freie Grafik. Heute promoviert er an der Universität Göttingen. Was bei anderen wie ein Widerspruch wirken könnte, ist bei Weiss längst zum künstlerischen Prinzip geworden. Landwirtschaft und Kunst, Forschung und Intuition, wissenschaftliche Genauigkeit und freie Assoziation stehen sich in seinem Werk nicht feindlich gegenüber. Sie beobachten einander, widersprechen sich, ergänzen sich und finden schließlich in einem gemeinsamen Bild zusammen.

Comics und deren Potenzial sind Teil seiner Doktorarbeit
In seiner Doktorarbeit versucht Weiss, diese beiden Welten miteinander zu verbinden. Dabei beschäftigt er sich unter anderem mit Sachcomics: visuellen Erzählformen, durch die wissenschaftliche Inhalte verständlich, zugänglich und über sprachliche Grenzen hinweg vermittelbar werden können. So wird das Bild bei Weiss selbst zu einem Instrument der Forschung. Sein künstlerischer Blick richtet sich dabei auf einige der drängendsten Fragen der Gegenwart: auf Nachhaltigkeit und Klimawandel, auf Umweltzerstörung, soziale Dynamiken, Vielfalt, Geschichte und wissenschaftliche Erkenntnis. Doch seine Arbeiten liefern keine einfachen Antworten. Sie wollen nicht belehren. Sie eröffnen Räume, in denen Betrachterinnen und Betrachter eigene Zusammenhänge entdecken können.
Materialien als Speicher von Geschichten
Weiss arbeitet multimedial. Malerei steht neben Holzschnitt, Comic neben Bronzeguss, Collage neben Installation. Seine Kunst folgt keinem Materialgehorsam. Verwendet wird, was eine Geschichte in sich trägt: Altmetall, Schafwolle, ausgediente Landkarten, alte Drucke oder vergessene Gemälde. Dinge, die ihren ursprünglichen Zweck verloren haben, erhalten in seinen Arbeiten ein zweites Leben. Eine alte Landkarte ist dann nicht mehr nur ein geografisches Dokument. Sie wird zur Erinnerung an Grenzen, Reisen und politische Ordnungen. Ein Stück Metall bleibt nicht bloß industrieller Rest, sondern kann zum Körper einer Skulptur werden. Ein überholtes Bild wird nicht entsorgt, sondern übermalt, verwandelt und in eine neue Zeit überführt.
Der Künstler interessiert sich für das was übrigbleibt, Spuren und Fragmente. Seine Kunst fragt danach, welche Geschichten Materialien speichern und was geschieht, wenn man sie aus ihrer bisherigen Ordnung löst. Dass sein Blick weit über die Region hinausreicht, zeigt auch seine Biografie. Künstlerische und wissenschaftliche Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem in die Mongolei, nach Madagaskar und Burkina Faso. Die Weite der mongolischen Landschaft, die außergewöhnliche Artenvielfalt Madagaskars und die kulturellen Erfahrungen in Westafrika wurden Teil seines künstlerischen Archivs.
Auch die Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern bildet einen festen Bestandteil seines Schaffens. Weiss arbeitet unter anderem mit Andreas Schmelzer sowie regelmäßig mit David Hardy (Suisse-Marocain, Künstlername) zusammen. Mit Suisse-Marocain und Andreas Schmelzer entstanden zahlreiche gemeinsame Werke und Ausstellungen. Gerade in diesen Gemeinschaftsarbeiten zeigt sich Kunst als Gespräch. Zwei Handschriften begegnen sich auf einer Fläche, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Bilder werden weitergeführt, überarbeitet, beantwortet und manchmal bewusst gestört. Nicht die makellose Einheit steht im Mittelpunkt, sondern die Spannung zwischen unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen.
Internationale Wege und die Rückkehr in den Vogelsberg
Die Liste der bisherigen Ausstellungsorte ist lang. Weiss zeigte seine Arbeiten unter anderem in Paris, Madrid, Granada, Prag, Berlin, Heidelberg, Koblenz, Kassel, Mannheim, Fulda und Kleinsassen. Bereits seit 2014 ist er regelmäßig an Einzel- und Gruppenausstellungen beteiligt. Seine Werke waren unter anderem in der Akademie der Künste Berlin, im Schloss Heidelberg, im Ludwig Museum Koblenz, im Otto-Pankok-Museum sowie mehrfach im Pariser Kunsthaus 59 Rivoli zu sehen. 2026 ist Weiss in der Ausstellung "Metamorphose des Denkens" der Stiftung Kai Dikhas und des Kunstraums Dikhas Dur vertreten. Der Titel könnte zugleich als Beschreibung seines eigenen Schaffens verstanden werden: Denken erscheint darin nicht als starrer Zustand, sondern als etwas Wandelbares. Es nimmt Einflüsse auf, verändert seine Form und sucht nach neuen Verbindungen.
Mit seinem Umzug nach Lauterbach kehrt Weiss nun in eine Region zurück, die ihm biografisch und kulturell vertraut ist. Doch das neue Atelier bedeutet keine Abkehr von seiner internationalen Arbeit. Vielmehr könnte es zu einem Knotenpunkt werden: einem Ort, an dem Erfahrungen aus Paris, Berlin, Madagaskar oder der Mongolei auf die Landschaft und die Menschen des Vogelsbergs treffen. Die ehemalige Malerschule Euler bietet dafür mehr als nur Wände und Arbeitsfläche. Sie bringt ihre eigene Geschichte mit. In den Räumen wurde bereits gestaltet, gelernt und mit Farbe gearbeitet. Nun setzt sich diese Geschichte unter anderen Voraussetzungen fort. (pm/kru) +++