23.07.26 - Das Verbot von Alkohol an deutschen Bahnhöfen sorgt aktuell vielerorts für Gesprächsstoff und Diskussionen. Immer öfter kommt es an Bahnhöfen oder auch in Zügen zu Gewaltdelikten und Straftaten. Erst vor kurzem wurde ein Bahnmitarbeiter bei einer Ticketkontrolle von einem alkoholisierten Fahrgast aus dem Zug gestoßen und lebensgefährlich verletzt. Und auch wenn Alkohol ohne jeden Zweifel aggressives Verhalten fördert, stellt sich für viele Menschen die Frage, ob ein Verbot nun tatsächlich das Allheilmittel gegen Müll und Gewalt an Bahnhöfen ist.
OSTHESSEN|NEWS hat sowohl bei der Bundespolizei als auch bei der Deutschen Bahn (DB) nachgefragt, wie und wann die Maßnahmen auch in der Region umgesetzt werden, aber auch, ob es konkrete Zahlen von Gewaltverbrechen gibt, die in direktem Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol stehen.
Wie werden die Maßnahmen durchgesetzt?

Rauchen ist schon seit längerem an deutschen Bahnhöfen verboten. Fotos: O|N / Marvin Myketin
Die Anfrage unserer Redaktion bezog sich konkret auf den Bahnhof in Fulda, die Deutsche Bahn antwortete dennoch allgemeingültig auf die Fragen. "Die neue Regel gilt bundesweit und wird bis zum 15. Oktober 2026 schrittweise an 5.400 Bahnhöfen umgesetzt. Dafür sind in den nächsten Wochen lokale Anpassungen von Hausordnungen in Abstimmung mit Kommunen, Behörden, und Verwaltungen nötig", erklärte eine Bahnsprecherin auf Nachfrage und erklärte, dass die DB das Verbot schrittweise einführen und "mit Augenmaß" durchsetzen werde. Was das allerdings für den Realfall bedeutet, ging aus der Antwort der DB nicht hervor.
Für die Bahn stehen derzeit der partnerschaftliche und deeskalierende Ansatz im Vordergrund: "Wir setzen nicht auf sofortige Drohungen oder harte Sanktionen, sondern gehen fest davon aus, dass unsere Sensibilisierungsmaßnahmen greifen und sich die Menschen und Gäste an das geltende Hausrecht halten. Dennoch gilt: Die DB führt ein allgemeines Alkoholkonsumverbot an ihren Bahnhöfen ein. Dazu zählt auch das klassische Feierabendbier", heißt es dahingehend weiter. Auf die Frage, wie die Maßnahmen denn konkret durchgesetzt werden sollen, verwies uns die DB an die Polizei - das ist in diesem Fall die Bundespolizei.

Können Bahnreisende vom Verbot profitieren oder sicherer reisen?
Die Pressestelle der Bundespolizeiinspektion Kassel äußerte sich dahingehend folgendermaßen: "Verstöße gegen das, durch die DB AG in Teilen erlassene Alkoholkonsumverbot, werden durch den Hausrechtsinhaber geahndet. Ich bitte daher um Ihr Verständnis, dass die Bundespolizei sich dazu nicht äußert oder die Maßnahmen der DB AG bewertet."
Was spricht nun für das Alkoholverbot?
Die Deutsche Bahn erklärte, dass sie selbst keine kriminalstatistischen Daten zu alkoholbedingten Straftaten oder Gewalteskalationen auf regionaler Ebene führen. "Für valide Zahlen und Statistiken zu diesem Thema bitten wir Sie daher, sich direkt an die zuständige Pressestelle der Bundespolizei zu wenden", so die Bahnsprecherin. Die Antwort der Bundespolizei aus Kassel hierzu war ernüchternd: "Bitte haben Sie Verständnis, dass uns keine statistischen Auswertungen im Zusammenhang mit Alkohol und Gewaltdelikten vorliegen."
"Ein besseres Sicherheitsgefühl am Bahnhof, mehr Sauberkeit, weniger Pöbeleien gegen Reisende oder Bahnpersonal sind die wichtigsten Argumente für ein Alkoholkonsumverbot", erklärte die Sprecherin der Bahn und verwies auf erfolgreiche Modellprojekte. "Die DB hat in den vergangenen Monaten mit Alkoholkonsumverboten unter anderem in den Bahnhöfen Köln Hbf, Berlin Zoologischer Garten und Hannover Hbf sehr positive Erfahrungen gemacht. In den Modellprojekten konnte gezeigt werden, dass deutlich weniger Müll anfällt und das Verbot dazu auch beiträgt, Gewaltkriminalität zu verringern, wie zum Beispiel am Hamburger Hauptbahnhof."
Ist Alkohol der Eskalationsfaktor Nummer Eins?
Zudem verwies die DB auf einen aktuellen Bericht des Deutschen Zentrums für Schienenforschung (DZSF). Daraus geht hervor, dass Alkohol und Drogen im Allgemeinen die Hemmschwelle für mögliche Gewalttaten gegenüber Bahnpersonal erheblich senken und vor allem auch in Zusammenhang mit Großereignissen wie Fußballspielen, Volksfesten oder Konzerten stehen. "Beispielhaft erhöht Alkohol das Gewaltrisiko einer Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit – das bedeutet aber nicht, dass alle Situationen, in denen ein Fahrgast unter Alkoholeinfluss steht, mit einem hohen Gewaltrisiko assoziiert sind", heißt es in dem Bericht. In einigen Studien, die nicht explizit in Deutschland oder Osthessen durchgeführt wurden, waren mehr als die Hälfte der Gewalttäter alkoholisiert.

Die Bundespolizei führt keine Statistiken, die Gewalt und Alkohol an Bahnhöfen ...Symbolbild: O|N / Rene Kunze
Der Bericht stellt aber auch heraus, dass Gewaltakte auch besonders in Situationen der Bedrängnis entstehen können. "Einerseits schienen Fahrgäste eher zu Gewalt und Aggressionen zu tendieren, wenn sie sich in ihrer Autonomie und persönlichen Freiheit – beispielsweise durch Einschränkungen in ihrer Handlungsfreiheit, durch physische Bedrängung oder die Verhinderung des Erreichens des Zielorts – eingeschränkt sahen", stellt der Bericht heraus. Allgemeine Unzufriedenheit mit dem Transportmittel könnte aber durchaus dadurch gesteigert werden und eskalieren, wenn Alkohol mit im Spiel ist. Etwas, was ebenfalls im Bericht erwähnt wird, ist Folgendes:
"Ein generelles Alkoholverbot wurde zur Reduktion von Gewalt an Beschäftigten empfohlen, dessen Effektivität jedoch nicht mit empirischen Befunden belegt ist. Ebenso wurden niedrigschwellige Beschwerdemöglichkeiten angeregt, um Konflikte der Fahrgäste mit den Verkehrsunternehmen prinzipiell von den Beschäftigten fernzuhalten."

Wie sich das Verbot auswirkt wird die Zukunft zeigen.
Klar ist: Alkohol erhöht das Gewaltpotenzial, aber weder die Bundespolizei noch die Deutsche Bahn führen konkrete Zahlen darüber, ob der Konsum von Alkohol in direktem Zusammenhang mit Angriffen auf Bahnpersonal steht. Oft kommt es zu Eskalationen, in denen die Fahrgäste bereits vor Fahrtantritt betrunken waren. Ob und wie sich die Situation nach Einführung des Verbots entwickelt, bleibt abzuwarten.
(pg) +++