17.08.26 - 2023 spürte Michael "Shaggy" Schwarz, dass er eine Veränderung in seinem Leben brauchte. Trotz Traumjobs im Fuldaer Kulturzentrum Kreuz war er in einer Phase, in der es ihm persönlich nicht so gut ging. Im Laufe des Jahres gründete er daher das Improtheater Fulda. Wie es dazu kam, was er seitdem erlebt hat und wieso er nun im Halbfinale um den Hessischen Gründerpreis steht, erzählt er uns im sehr persönlichen Gespräch.
Shaggy, wie ihn wohl die meisten kennen, trifft uns in seinen Räumlichkeiten im Konzepthaus Karl, mitten in Fulda. Hier hat er einiges an Fläche gemietet. Für Workshops, um seine Podcasts aufzuzeichnen, und natürlich viel Platz für das Improtheater. Im Untergeschoss findet man außerdem das U1, eine möblierte Eventlocation für Meetings, Lesungen, Kabarett oder gemütliche Konzerte.
Wir dürfen seine heiligen Hallen betreten

Im Interview mit OSTHESSEN|NEWS zeigt Shaggy uns auch die Eventlocation U1 ...

Auch seine Podcasts nimmt er hier auf
Vom Kreuz zum Improtheater
"Ich merkte, dass das Motto des Improtheaters mein Leben verändern kann. Es geht um das Annehmen, das Ja-Sagen zu Situationen, wie sie gerade sind", erinnert sich Shaggy im Gespräch mit
OSTHESSEN|NEWS. Schon vor der Gründung des Improtheaters spielte der Ende 40-Jährige Theater, gab auch schon kleine Kurse. Und in dieser Zeit spürte er, dass er das Motto des Annehmens an sich selbst anwenden wollte. Situationen annehmen, das Beste daraus machen und diese Erfahrung wollte er an andere Menschen weitergeben. Förderungen erhielt er für die Gründung nicht, das Startkapital stammte aus eigener Tasche.
Shaggy, der sich vor einigen Jahren einen Traum erfüllte und eine Ausbildung zum Clown absolvierte, beschreibt das Improtheater wie folgt: "Improtheater ist fast wie das richtige Leben - nur viel lustiger. Ganz ohne Drehbuch und gelernten Text auf der Bühne stehen, Lebendigkeit, Spontanität, Kreativität und ganz neue Seiten an einem entdecken. Sich selbst überraschen, neu ausprobieren, über den eigenen Schatten springen - mal emotional, berührend, herausfordernd, doch immer spielerisch, mit ganz viel Spaß, Leichtigkeit, Lachen und schönen Begegnungen"
Noch heute wird der Name Shaggy mit dem Kulturzentrum Kreuz in Verbindung gebracht. "Es war eine harte Entscheidung für mich, beim Kreuz aufzuhören und in die Selbstständigkeit zu gehen. Das Kreuz war auch mein Baby". Kooperationen gibt es weiterhin, man arbeitet zusammen, unterstützt sich gegenseitig. Und bis heute hat er dort selbst Auftritte.
Der Hessische Gründerpreis
Ein Bekannter der Region Fulda meinte dann, Shaggy solle sich doch mit dem Improtheater beim Hessischen Gründerpreis bewerben. Gesagt, getan. Die Auszeichnung ist dafür gedacht, Unternehmen in der Gründung oder danach sichtbar zu machen. In der Kategorie "Gesellschaftliche Wirkung" kam das Improtheater für mehr Selbstvertrauen, Resilienz und Teamfähigkeit ins Halbfinale. Wie er erfuhr, wohl recht eindeutig. Und das nicht wegen finanzieller Mittel, die erwirtschaftet werden, sondern wegen dem, was das Improtheater für die Gesellschaft leistet.

Die Kurse des Improtheaters wachsen oft eng zusammen
Denn das ist einer der wichtigsten Aspekte des Improtheaters. Es stärkt Menschen in ihrem Selbstbild. Man wird schlagfertiger, selbstbewusster. Shaggy sieht seine Aufgabe darin, Menschen zusammenzubringen. Zu sehen, wie sie an sich selbst wachsen, sie dabei unterstützen, ihnen dafür die Bühne geben. Aber beim Improtheater geht es nicht um die besten Ideen, sondern darum, sich von Druck zu lösen. Viele Gruppen spielen noch Jahre miteinander weiter, es entstehen Freundschaften und sogar Partnerschaften.
Abschied mit dem Improtheater
Jede Gruppe, mit der Shaggy auf der Bühne steht, ist ihm wichtig, aber ein Erlebnis ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Ein seit seiner Kindheit schwerkranker Teilnehmer spielte beim Theater mit. Als er noch ein Kind war, gaben die Ärzte ihm maximal bis zur Pubertät. Er wurde über 40, hat bis zuletzt noch drei Jahre beim Improtheater mitgespielt, die Gruppe bedeutete ihm sehr viel. Irgendwann wollte er aber nicht mehr mit den Schmerzen seiner Krankheit leben, stellte die Behandlung ein und ging in ein Hospiz, um in Ruhe zu sterben.
An seinem letzten Abend lud er die Improgruppe zu sich nach Hause ein. "Wir saßen dann um ihn herum, er lag auf dem Bett und wir haben gelacht, geweint und Erinnerungen geteilt. Das war ein super besonderer Moment, der nur dadurch entstanden ist, dass sich die Gruppe im Impro-Theater kennengelernt hat. Und zwei Tage später ist er schon verstorben und hat die Auftrittsklamotten der Impro-Gruppe angehabt, weil ihm das so viel bedeutet hat," erinnert sich Shaggy.
Ausblick auf die Zukunft
Seit Gründung ist das Improtheater stark gewachsen. Ging es mit drei Kursen los, startet demnächst Nummer 21. Auch in Lauterbach werden Kurse gegeben. Shaggy bezahlt zwei Angestellte, die ebenfalls Kurse geben oder sich um Buchung oder Koordination kümmern. Dazu kommen einige Honorarkräfte.
In den nächsten Jahren möchte er auch über die Region hinaus wachsen. Der Hessische Gründerpreis ist dabei sicherlich hilfreich, um die Bekanntheit über Fulda hinaus zu steigern. Aber alles zu seiner Zeit. Mittlerweile hat er seine Work-Life-Balance gefunden. Und für Fulda hat er auch noch Ideen. So findet am 2. September eine Talkrunde in der Eventlocation U1 statt. Dabei treffen Stadtpfarrer Stefan Buß und Kabarettist Franz Habersack aufeinander, moderiert von Shaggy selbst. Tickets sind bereits erhältlich.
Das Spannende an den Kursen ist für ihn persönlich, dass dort Menschen zusammenkommen, die im Alltag kaum unterschiedlicher sein könnten: Vom Studenten bis zum Chefarzt stehen sich auf der Bühne alle auf Augenhöhe gegenüber. (fw) +++