19.08.26 - Etwa 300 "Thermo Fisher"-Beschäftigte demonstrierten heute erneut gegen den geplanten Stellenabbau am Standort Langenselbold (Main-Kinzig-Kreis). Der US-amerikanische Medizintechnikhersteller will in Produktion und Verwaltung gut 60 der derzeit ca. 600 Stellen streichen. Die Ankündigung folgt auf einen mehrjährigen, schleichenden, Abbau, dem bereits über 100 Stellen zum Opfer gefallen sind.
Am Protest beteiligten sich auch MKK-Landrat Thorsten Stolz (SPD) sowie der Erste Kreisbeigeordnete, Andreas Hofmann (ebenfalls SPD). Der Betriebsrat hatte versucht, ein Gespräch zwischen den beiden Spitzenvertretern der örtlichen Politik und der Thermo-Geschäftsführung zu vermitteln, was letztere aber ohne nähere Begründung ablehnte. Zunächst wollte das Unternehmen Stolz und Hofmann den Zugang zum Betrieb komplett verweigern, musste aber letztlich das Hausrecht des Betriebsrats über dessen eigene Räumlichkeiten akzeptieren.
Bei der anschließenden Kundgebung vor dem Werkstor richtete sich Landrat Thorsten Stolz direkt an die Beschäftigten, aber auch an die Unternehmensleitung: "Wir haben es hier mit einem Stellenabbau völlig ohne Not zu tun. Das Unternehmen steigert seit Jahren Umsätze, Gewinne und letztlich die Aktionärsdividenden. Deshalb stehen wir als Main-Kinzig-Kreis an der Seite der Beschäftigten und sind solidarisch mit dem berechtigten Kampf um die Arbeitsplätze. Nur wer sich zu Wort meldet, kann am Ende auch gehört werden. Das habt ihr Thermo- Beschäftigten 2020 schon einmal gezeigt, als ihr den damals geplanten Stellenabbau zu-mindest deutlich abschwächen konntet. Wir werden eure Aktionen weiter unterstützen!"

Der erste Kreisbeigeordnete Andreas Hofmann und Landrat Thorsten Stolz (v.l.n.r.) ...
Der Erste Kreisbeigeordnete Andreas Hofmann fügte hinzu: "Dass die Geschäftsführung nicht mit uns sprechen wollte, wundert mich schon sehr. Ich hoffe, dass die Unternehmensleitung in Zukunft wenigstens auf die eigenen Arbeitnehmervertreter und ihre Alternativen zum Stellenabbau eingeht. Denn der Langenselbolder Betriebsrat zeichnet sich traditionell durch inhaltlich starke Konzepte aus. Immerhin haben die Belegschaften in Deutschland mit betrieblicher Mitbestimmung und Tarifautonomie Mittel und Wege, sich Gehör zu verschaffen."

Betriebsratsvorsitzender Walter Heidenfelder
Betriebsratsvorsitzender Walter Heidenfelder berichtet zum Stand der innerbetrieblichen Gespräche: "Wir entwickeln derzeit gemeinsam mit einem Sachverständigen eine plausible Alternative zum Abbaukonzept des Unternehmens. Auf Basis des bisherigen Konzernverhaltens sind wir zwar skeptisch, ob der Arbeitgeber darauf wirklich eingehen wird. Letztlich sind wir von unseren Ideen aber sehr überzeugt und deshalb gespannt auf die Reaktion der Geschäftsführung." Zugleich bereitet sich die IG Metall darauf vor, Forderungen für einen Sozialtarifvertrag zu erheben, die den Beschäftigten andere Durchsetzungsmöglichkeiten, bis hin zum Streik, geben würden.
Unternehmen will Wettbewerbsposition stärken
Das Unternehmen äußerte sich im Nachgang zur Protestaktion folgendermaßen: "Wir überprüfen kontinuierlich unsere weltweiten Geschäftsaktivitäten, um bestmöglich aufgestellt zu sein und den Bedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden. Hierzu haben wir Änderungen an unserem Betrieb in Langenselbold vorgeschlagen und befinden uns in Abstimmung mit dem Betriebsrat. Die Vorschläge sollen unsere langfristige Wettbewerbsposition stärken. Wir blicken auf eine lange Geschichte an unserem Standort Langenselbold zurück. Wir sind uns bewusst, dass die Vorschläge bei Beschäftigten Unsicherheit auslösen können, und wir unterstützen sie während des Prozesses,", sagte ein Sprecher von Thermo Fisher Scientific.
Der geplante Stellenabbau in Langenselbold würde auch zum fortgesetzten industriellen Kahlschlag in der Region beitragen. Erst im vergangenen Jahr wurde das Werk des Baumaschinenherstellers Putzmeister in Gründau geschlossen. Letzte Woche kündigte dann der US-Automobilzulieferer Lear Corporation an, sein Werk in der unmittelbaren Nachbarschaft des ehemaligen Putzmeister-Standorts abzuwickeln. (pg/pm) +++