23 Saxophone sorgten für ein fulminantes Finale der Bäderkultur. - Fotos: Anja Kierblewski

ALSFELD Ein letzter Sprung in die Musik

"Last Splash": 23 Saxophone setzen den Schlusspunkt der BäderKultur

20.08.26 - Noch einmal wurde das leergepumpte Hallenbadbecken zum Resonanzraum: Das Saxophon-Orchester Schwalm-Vogelsberg unter Leitung von Stefan Reitz setzte mit einem facettenreichen Konzert den Schlusspunkt unter die BäderKultur 2026. Der "Last Splash" wurde dabei nicht nur zum musikalischen Finale, sondern auch zum Rückblick auf ein Kulturprojekt, das Menschen zusammengebracht, das Erlenbad neu ins Bewusstsein gerückt und weit über Alsfeld hinaus Aufmerksamkeit gefunden hat.

Für einen Abend schien das Wasser zurückgekehrt zu sein. Nicht kühl und chlorblau, sondern als Klang: in Wellen, in Strömungen, in tiefen Baritonlinien und hellen Sopransaxophon-Spitzen, die an den Fliesen des leergepumpten Hallenbadbeckens entlangliefen. Beim "Last Splash" war das Becken bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige Gäste standen; selbst die Schräge zwischen Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich wurde zur improvisierten Tribüne. Noch einmal wollten viele erleben, was neun Wochen lang aus einem Schwimmbad einen Kulturraum gemacht hatte.

Und dann: 23 Saxophone. Das neu gegründete Saxophon-Orchester Schwalm-Vogelsberg unter Leitung von Stefan Reitz setzte zum Finale nicht auf leise Abschiedsgesten, sondern auf orchestrale Fülle. Vom Sopran- bis zum Baritonsaxophon entstand ein homogener, zugleich farbiger Mischklang, in dem Melodie, Gegenstimmen und Bassfundament plastisch hervortraten. Die Akustik des Beckens gab den Tönen Nachhall.

Vielfältiges Programm mit Tiefgang

Mit "Wow!" begann der Abend selbstbewusst, rhythmisch pointiert und mit präzisen Einsätzen. "Little Serenade" setzte einen kantableren Kontrapunkt; "Strawberry Velvet" machte seinen Titel beinahe zur Klangbeschreibung: samtige Mittellagen, warme Tenorfarben, darüber helle Akzente – Schmelz, ohne Süße.
Dann öffnete sich das Programm weit in die Musikgeschichte. Die "Fanfare" zu Paul Dukas’ Ballett "La Péri" lebt von festlicher Strahlkraft; im Saxophonsatz bekam ihre Akkordik eine überraschend geschlossene Leuchtkraft. "Stranger in Paradise", dessen Melodie auf Alexander Borodins "Polowetzer Tänze" zurückgeht und später im Musical "Kismet" berühmt wurde, ließ das Ensemble mit weit gespannten, sehnsuchtsvollen Linien atmen.

Mit Herbie Hancocks "Cantaloupe Island" wechselte die Szenerie in den Jazz. Der Standard von 1964 lebt von ostinatem, funkgetränktem Groove und modaler Harmonik; nun saßen Synkopen, Offbeats und kurze, federnde Phrasen dort, wo zuvor breite Legatobögen dominiert hatten. Noch näher an den Ort rückte "Wade in the Water": Das afroamerikanische Spiritual trägt das Wasser bereits im Titel und verbindet es mit Bildern von Bewegung, Befreiung und Hoffnung. Ausgerechnet im trockenen Becken wurde musikalisch durchs Wasser gewatet.

Dass ein Saxophonorchester nicht nur Druck, sondern auch Atem kann, zeigte das "Largo": lange Bögen, getragenes Legato, feine dynamische Abstufungen und gemeinsames Ausschwingen der Phrasen. "Pizza-Party" brachte danach rhythmische Leichtigkeit zurück. Stefan Reitz verband die Stücke mit kenntnisreichen Moderationen zu Entstehung, Anlass und musikalischem Hintergrund. So bekam das Konzert einen zweiten roten Faden: Man hörte nicht nur, man verstand auch mehr.

Als der letzte reguläre Ton verklungen war, erhob sich das Publikum zu Standing Ovations. Die Zugabe "Simple or What?!" beantwortete ihren eigenen Titel mit einem verschmitzten Nein: scheinbar unkompliziert, rhythmisch aber mit kleinen Widerhaken und Raum für improvisatorische Gesten. Ein Finale mit Witz und Energie.

Dass sich damit zugleich ein Kreis schloss, hatte die künstlerische Leiterin und Vorsitzende des Fördervereins Badefreunde, Anja Kierblewski, zuvor erinnert: Schon bei der Programmvorstellung hatten drei Saxophonistinnen von SaxProTon die ersten Töne der BäderKultur gespielt; nun standen sie wieder im Becken – als Teil eines 23-köpfigen Orchesters.

28 unvergessliche Veranstaltungen

Hinter diesem Finale lagen 28 Veranstaltungen in gut neun Wochen: Musik, Literatur, Kabarett, Kunst, Sport und Begegnung, fast immer ohne Eintritt. Was wie eine Zwischennutzung des im Sommer leergepumpten Hallenbadbeckens begann, entwickelte Strahlkraft weit über Alsfeld hinaus. Beim Hessischen Demografiepreis 2026 "Heimat mit Zukunft – Ideen für Hessen" wurde das Projekt gewürdigt. Stadträtin Eva Schwalm hob den gesellschaftlichen Wert hervor: Kultur schaffe Begegnung, öffne kommunale Räume für neue Gruppen und erweitere den Blick auf eine Einrichtung, die als Schwimmbad Teil der Daseinsvorsorge sei.

Geschäftsführer Ralf Kaufmann brachte die Perspektive des Erlenbades auf den Punkt: Betriebswirtschaftlich sei die BäderKultur kein Geschäftsmodell gewesen, ideell aber sehr wohl ein Gewinn. Und immer wieder fiel an diesem Abend ein Name: Anja Kierblewski. Seit Januar hatte sie Künstler akquiriert, Förderanträge gestellt, Sponsoren gesucht, Termine koordiniert, Öffentlichkeitsarbeit organisiert und unzählige Details zusammengeführt – ehrenamtlich. Kaufmann würdigte ausdrücklich, dass dahinter weder Zusatzauftrag noch Honorar standen, sondern Verbundenheit mit dem Erlenbad. Kierblewski selbst gab den Dank weiter: an Künstler, Sponsoren, Förderer, Team und Vorstand – und vor allem an das Publikum. Erst die Menschen hätten der ungewöhnlichen Idee Leben und Atmosphäre gegeben.

Am Ende blieb das Becken leer. Und war doch voller als je zuvor: voller Musik, Erinnerungen, Begegnungen – und der Ahnung, dass ein Raum seine Bestimmung nicht verliert, wenn man ihn für eine Weile neu denkt. (pg/pm) +++


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