30.08.26 - Positive Wirtschaftsnachrichten sind in der heutigen Zeit selten. Vielmehr rücken Pleitewellen in den Fokus. Selbst Großbetriebe geben auf. Die Gründe sind vielfältig. Sie reichen von Kostendruck, Fachkräftemangel bis hin zu fehlenden Nachfolgern in den Betrieben.
Schuld ist unter anderem die Lage in der Welt. Kriege und Unruhen treiben die Preise nach oben. Allen voran die Energiekosten werden für Unternehmen und Privathaushalte zu einem immer größer werdenden Problem. Dazu gesellt sich eine große Unsicherheit. Wie entwickelt sich die Lage im Nahen Osten, wie geht es im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine weiter? Was treiben die Mächtigen in den USA und China?
Es ist kompliziert. Obendrauf sorgt sich auch Deutschland um die eigene Sicherheit. Spätestens der Drohnenvorfall vor wenigen Wochen am Flughafen Leipzig-Halle hat die Problematik endgültig in die Öffentlichkeit gehoben. Hinter den Kulissen wird längst daran gearbeitet, das Land sicherer zu machen.

OSTHESSEN|NEWS-Chefreporter Hans-Hubertus Braune (links) und Kameramann Maurice ...
Ich hätte niemals geglaubt, dass die Rüstungsindustrie ihre Produktion so hochfahren muss, dass Verteidigung eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist. Mir ist mulmig beim Anblick in den Werkshallen von Rheinmetall. Der Rüstungskonzern und das Land Hessen haben eingeladen. Rund 50 Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet sind angereist. Das zeigt die Dimension des Themas. Das Projekt wird mit "Defence Hub Nordhessen" wohl bewusst einigermaßen friedlich umschrieben. Frieden mit Waffen? Die Beweggründe sind jedoch nachvollziehbar. Leider.
Panzer auf Panzer werden hier geschweißt. Zuletzt habe ich sie in der Vielzahl bei uns im Wald gesehen, als die Amerikaner mal wieder ein Manöver abgehalten haben. Das ist Jahrzehnte her, die Grenze zwischen den Mächten nur vergleichsweise wenige Kilometer entfernt. Die US-Militärs nutzten das Nachbardorf Hattenbach in Planspielen als Zielpunkt (Ground Zero) für die Detonation einer nuklearen Atomgranate. Lange her. Die Grenzöffnung kam, wir alle hatten das Gefühl von Frieden, der niemals enden würde.
Spätestens seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ist diese Zeit vorbei. Wir müssen uns schützen. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein bringt es treffend auf den Punkt: "Wir stärken Deutschlands Verteidigungsfähigkeit. Wir stehen vor einer Wahl. Entweder sichern wir unsere Freiheit selbst, oder andere werden über unser Schicksal entscheiden, und für mich ist jedenfalls klar: An eigener militärischer Stärke führt kein Weg vorbei." Das ist die bittere Wahrheit.
Rheinmetall-Boss Armin Papperger betont in seinen Statements beim Pressetag mehrfach, wieviele Jobs der Ausbau des Konzerns bringt. Er rechnet vor, dass inklusive der Lieferkette rund 300.000 Jobs am Motor der Zeitwende hängen. Und damit rund die Hälfte der gesamten deutschen Automobilindustrie. Viele Arbeiter sind froh, einen neuen Arbeitsplatz gefunden zu haben. Absolut verständlich. Die eigenen finanziellen Sorgen sind jeden Tag spürbar. Es ist ein bitterer Kreislauf.
Dass VW am Standort Osnabrück offenbar auch in die Rüstungsindustrie einsteigen will, zeigt, wie sich die Industrie verlagert. Rheinmetall schielt am Standort in Kassel auf weitere Flächen vom Nachbarn Alstom, einem französischen Hersteller von Lokomotiven, der laut Medienberichten und Befürchtungen des dortigen Betriebsrates in Kassel die Werkstore schließen will. Papperger spricht von einem anstehenden Gespräch mit dem Alston-CEO. Man werde sicher eine Lösung finden.
Kassel ist neben München der Hauptstandort der deutschen Rüstungsindustrie. Auch das wahnsinnige Wettrüsten der Drohnensoftwaretechnik wird mit dem Aufbau eines Drohnentestzentrums am Flughafen in Calden Einzug halten. Das alles bringt neue Jobs. Aber auch viele verständliche Sorgen. Die Werkshallen rücken natürlich auch in den Blick derer, denen sie ein Dorn im Auge sind. Das Schutzbedürfnis vor Drohnen oder Sabotagen wächst. Auch dafür braucht es Antworten.
Die Zeitenwende ist kein Modewort, sie ist Realität. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Leider. Mein mulmiges Gefühl bleibt. (Hans-Hubertus Braune) +++