Tennet betreibt ein Umspannwerk an der Bundesstraße B27 zwischen Bad Hersfeld und Bebra nahe Ludwigsau-Mecklar - Archivbilder: O|N/Gerhard Manns

REGION Umspannwerke im Fokus

Die Angst vor Sabotageangriffen: Wie wird die kritische Infrastruktur geschützt?

04.09.26 - Die weltweiten Unruhen und Kriege sorgen auch in Deutschland vermehrt für Vorfälle, die bislang kaum aufgeklärt werden konnten. In den vergangenen Tagen häuften sich Sabotageangriffe auf Umspannwerke, um das Stromnetz zu beschädigen und damit die Wirtschaft und Bevölkerung empfindlich zu treffen.

Die Umspannwerke verteilen den Strom aus den Fernleitungen in die regionalen Netze. Nahe dem Ludwigsauer Ortsteil Mecklar befindet sich das Umspannwerk des Versorgers Tennet. Es dient als zentraler Höchstspannungs-Knotenpunkt und Drehkreuz für den überregionalen Stromtransport in Deutschland.

Wie sieht es dort mit der Sicherheit aus? OSTHESSEN|NEWS hat beim Betreiber nachgefragt. "Aus Sicherheitsgründen äußern wir uns grundsätzlich nicht zu konkreten Schutzmaßnahmen oder Sicherheitsvorkehrungen", schreibt der Sprecher von Tennet. Ein allgemeiner Sprachgebrauch der Versorger nach den jüngsten Vorfällen.

Grundsätzlich gelte: "Wir sind über die Vorfälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen informiert, stehen dazu im Austausch mit den anderen Übertragungsnetzbetreibern und beobachten weiterhin die Situation. Vergleichbare Fälle in der Regelzone von TenneT Germany sind uns aktuell nicht bekannt. Grundsätzlich gilt, dass wir mögliche Angriffe auf die Infrastrukturen der Energieversorgung sehr ernst nehmen. Als Betreiber kritischer Infrastruktur überprüfen wir unsere Sicherheitsmaßnahmen laufend, führen ein systematisches Risikomanagement durch und arbeiten eng mit den zuständigen Sicherheitsbehörden zusammen."

Bei Ausfall springt alternative Leitung ein

Hoch- und Höchstspannungsleitungen seien in Deutschland redundant ausgelegt. Das bedeutet, dass bei Ausfall einer Stromleitung eine andere Leitung einspringen kann und somit verhindert, dass die Stromversorgung unterbrochen wird. Hinzu komme, dass das europäische Verbundnetz "vermascht" aufgebaut sei, also gegen lokale Angriffe recht gut zu schützen sei. "Klar ist aber auch: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Für den Ernstfall verfügen wir daher über klare Notfall- und Wiederanlaufpläne, die wir durch regelmäßige Übungen kontinuierlich erproben und verbessern", schreibt Tennet abschließend auf O|N-Nachfrage.

Hessens Innenminister Professor Dr. Roman Poseck äußert sich zur Sicherheitslage ...Archivfoto: O|N/Hendrik Urbin

Das sagt Hessens Innenminister Professor Dr. Roman Poseck: "Insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben wir es zunehmend mit Cyberangriffen und hybriden Angriffen auf KRITIS zu tun. Russlands Politik wird immer aggressiver. Sie verfolgt das Ziel, uns und unsere Demokratie zu destabilisieren. Dabei kennt Putin offensichtlich keine Grenzen mehr. Das hybride Anschlagsszenario mit einer Drohne am Leipziger Flughafen zeigt, wie real die Gefahr ist.

Die offensichtlichen Anschläge auf Stromnetze in den vergangenen Tagen nehmen wir auch in Hessen sehr ernst. Aktuell liegen aber keine Hinweise auf vergleichbare Aktionen in Hessen vor. Die Anschläge zeigen vor allem zweierlei: Zum einen die angespannte Sicherheitslage und zum anderen die hohe Bedeutung des Schutzes der kritischen Infrastruktur. Beides steht in Hessen im Mittelpunkt. Wir tun alles dafür, auch in dieser Zeit für ein Höchstmaß an Sicherheit in Hessen Sorge zu tragen. Dazu gehören unmittelbare Schutzvorkehrungen der Einrichtungen der kritischen Infrastruktur selbst genauso wie das Handeln unserer Sicherheitsbehörden. Die hessische Polizei hat sensible Einrichtungen schon seit längerem besonders in den Blick genommen, auch im Rahmen regelmäßiger Bestreifungen. Infolge der aktuellen Geschehnisse sind diese Maßnahmen noch einmal verschärft worden.

Hessens Innenminister Professor Dr. Roman Poseck Archivfoto: O|N/Marvin Myketin

Die potentiellen Anschläge sind auch Beleg für die Richtigkeit der politischen Prioritätensetzungen, die wir in Hessen vorgenommen haben. Dazu zählen moderne Polizei- und Verfassungsschutzgesetze, die den Sicherheitsbehörden in Hessen die Möglichkeiten eröffnen, die sie brauchen, um wirkungsvoll arbeiten zu können. Mehr denn je war es richtig und notwendig, dass wir vor wenigen Wochen eine eigene Abteilung beim Landesamt für Verfassungsschutz eingerichtet habe, die den Schwerpunkt Spionage und Sabotage hat. Es ist offensichtlich, dass die Gefahren der hybriden Kriegsführung durch Russland immer größer werden. Dem müssen wir mit Kraft und Macht entgegentreten."

Resilienz in den Mittelpunkt der hessischen Politik

Hessen stelle das Thema der Resilienz in den Mittelpunkt der Politik: "So verfügen wir über einen ressortübergreifenden Sicherheits- und Resilienzrat, der kritische Szenarien proaktiv behandelt, um Risiken auszuschließen oder zumindest zu reduzieren. Schon der Anschlag Anfang des Jahres in Berlin hat das Thema der Stromversorgung in den Mittelpunkt des Resilienzrates gerückt. Zahlreiche konkrete Maßnahmen wurden bereits angestoßen oder umgesetzt, etwa in der zivilen Alarmplanung, der technischen Behördenkommunikation oder der Orientierung an Referenzszenarien. Darüber hinaus haben wir zu aktuellen Sicherheitsthemen einen gemeinsamen Sicherheitsdialog mit Vertretern hessischer Ministerien, Sicherheitsbehörden, der Bundeswehr und US-Streitkräften sowie der Wirtschaft initiiert", sagte Poseck auf Nachfrage von O|N. (Hans-Hubertus Braune) +++


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