04.09.26 - Beim 3. Fuldaer Wirtschaftstalk der IHK in der neuen Eventlocation N4 kamen am Donnerstag Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen, um über ein drängendes Thema zu sprechen: "Fachkräfte gesucht. Zukunft gefährdet?" Als Gastredner war Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, mit dabei. Er ist gern gesehener Gast in Talkshows und informativen TV-Formaten.
"Wenn wir auf die vergangenen Jahre zurückblicken, konnten wir beobachten, dass der Fachkräftemangel zeitweise als größtes Risiko für wirtschaftliche Entwicklung wahrgenommen werden konnte", macht IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt deutlich. Glücklicherweise ist diese Situation mittlerweile nicht mehr ganz so drastisch. Mittlerweile sehen 40 Prozent der Unternehmer laut dem IHK-Präsidenten den Fachkräftemangel als größtes Geschäftsrisiko.

Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ...
Und Gebhardt konstatiert: "Der demografische Wandel macht keine Konjunkturpause." Dennoch hätten sich die Erwartungen vieler Unternehmen zuletzt verbessert. Dadurch wird sich auch die Nachfrage nach Mitarbeitern langfristig wieder erhöhen. Mit Blick auf Osthessen zeigt er sich zuversichtlich: "Die Region verfügt über viele Stärken. Eine breit aufgestellte Wirtschaft, hervorragende Familienunternehmen und eine leistungsfähige Hochschule."
Ein Problem, vor dem wir laut Gebhardt stehen: "In den kommenden Jahren werden mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, als junge Menschen nachkommen." Einen Input für dieses Problem bekamen die Gäste des Wirtschaftstalks von den Gastrednern des Nachmittags. "Lasst uns gemeinsam darüber sprechen, wie wir die Zukunft des Wirtschaftsstandortes sichern können."

v.l. Michael Konow, Katharina Henkel, Markus Hillenbrand, Nina Schneider, Dr. Christian ...Foto: Moritz Pappert
"Es muss etwas verschwinden, damit etwas Neues entsteht"
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ist überzeugt: "Wenn wir in 20 Jahren auf die Zeit heute zurückblicken, dann waren die Mitte-20er die entscheidenden Jahre." Er sprach dabei auch über eine mentale Depression der Unternehmen und deren Ursachen. "Wenn man sich die Wirtschaftspolitik anschaut, muss es darum gehen, dass wir Innovationen fördern wollen und etwas Neues entsteht. Die Industrie ist unsere große Stärke. Wir können sie aber nur wettbewerbsfähig machen, wenn wir gewillt sind, dass es auch Veränderungen gibt", so Fratzscher. Transformation heiße: "Es muss etwas verschwinden, damit etwas Neues entsteht."
Seine größte Sorge: die politische Paralyse. "Dass wir in eine Situation hineinschlittern, in der Reformen fast unmöglich sind. Wir brauchen aber große Reformen", macht Fratzscher deutlich. In seiner Keynote blickt er auch auf die Weltmacht China und unsere hohe Abhängigkeit davon. "Wir müssen uns breiter aufstellen, nicht alles auf ein Pferd setzen." Unternehmen müssten sich dafür auch globaler aufstellen.
Das Thema Fachkräfte bezeichnete Fratzscher als "ein massiv unterschätztes Problem". Für viele Unternehmen sei das eine existenzielle Bedrohung. "Wir machen in Deutschland alles, um möglichst unattraktiv für Menschen aus dem Ausland zu sein", verdeutlicht der Experte. Gründe dafür seien unter anderem die Bürokratie, die Sprache und die fehlende Willkommenskultur.

Auch Fuldas Landrat Bernd Woide (CDU) war mit dabei

IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow

Katharina Henkel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad ...
So ist der Blick auf Osthessen
Katharina Henkel, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld – Fulda, gab schließlich einen Einblick in den Arbeitsmarkt mit seinen Engpässen und Entwicklungen in Osthessen. Dabei zeigte Henkel besonders neue Perspektiven für die Zukunft auf. "Qualifizierung ist für mich Unternehmensstrategie. Die Frage ist nicht, welche Stelle muss ich heute besetzen, sondern welche Kompetenz brauche ich in drei oder fünf Jahren", gibt sie zu bedenken. Im Laufe des Jahres wurden laut Henkel bereits fünf Millionen Euro in die Weiterbildung von Beschäftigten investiert.
Wie in vielen anderen Regionen sind auch in Osthessen noch viele freie Ausbildungsplätze verfügbar. Besonders in Osthessen hätten junge Menschen oft die Wahl zwischen mehr als einer Ausbildungsstelle. "Das ist nicht in allen Regionen so", betont Henkel. Ein wichtiger Punkt, an dem einige Unternehmen selbst arbeiten können, ist aber auch: "Fachkräfte bleiben dort, wo sie Wertschätzung erleben."
Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion, moderiert von IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Konow, mit Katharina Henkel, Nina Schneider (Personalchefin der RhönEnergie), Ingo Graupner (Geschäftsführer der INSTEP-Fachkräfte GmbH) und Markus Hillenbrand (Senior Finance Officer von stafftastic) und ein anschließendes Netzwerken im N4. (Moritz Pappert) +++ 