08.09.26 - Seit 400 Jahren ist die Abtei zur Heiligen Maria ein Ort benediktinischen Lebens in Fulda. Beim Festgottesdienst zum Jubiläum hat Bischof Dr. Michael Gerber die Bedeutung der Abtei für Kirche und Gesellschaft gewürdigt. Im Mittelpunkt seiner Predigt stand dabei ein besonderer Ort des Konvents: der Brunnen im Kreuzgarten, den Sr. Lioba Munz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltet hat.
"Können wir zu Ihrem Brunnen kommen?" Diese Frage hatten Besucherinnen und Besucher der Ausstellung zum Werk von Sr. Lioba Munz im Fuldaer Vonderau Museum gestellt. Ein Hinweis in der Ausstellung hatte auf den Brunnen im Kreuzgarten der Abtei verwiesen. Für Bischof Dr. Michael Gerber wurde die Frage zum Ausgangspunkt seiner Predigt und zu einem Bild für die Bedeutung der Abtei.

Der Brunnen im Kreuzgarten der Abtei St. Maria in Fulda.
Fotos: Abtei St. Maria
Ein Ort, der Leben ermöglicht
Brunnen waren für Dörfer und Städte lange Zeit unverzichtbar. Sie sicherten die Wasserversorgung und damit eine Grundlage des Lebens. Für Gerber weist der Brunnen im Kreuzgarten jedoch über das konkrete Wasser hinaus. Die biblischen Darstellungen auf den Tonreliefs von Sr. Lioba Munz erzählen von Begegnungen, Entscheidungen und der Suche nach dem, was dem Leben Sinn gibt. "Sie, liebe Schwestern, sind nicht selbst der Brunnen. Dafür steht ein anderer – Christus selbst", sagte der Bischof.
Geistliche Tiefe als Auftrag
Die Abtei könne ein Ort sein, an dem Menschen geistlich geformt und geprägt werden. Gerber verwies dazu auf eine Erfahrung von Christian de Chergé, des späteren Priors der Mönche von Tibhirine im algerischen Atlasgebirge. Ein muslimischer Freund hatte ihn mit dem Satz daran erinnert: "Seit langem haben wir nicht mehr unsere Brunnen tiefer gegraben!"
Für Gerber beschreibt dies einen wesentlichen Auftrag einer geistlichen Gemeinschaft: im Gebet, in der Arbeit, in der geistigen Auseinandersetzung und im Umgang miteinander immer wieder nach Tiefe zu suchen. "Alle Lebensvollzüge unserer Gemeinschaft sollen so geschehen, dass dadurch unser Brunnen tiefer wird, dass wir dadurch mit dem Wasser des Lebens, das Jesus einst der Samariterin verheißen hat, tiefer in Berührung kommen."
Über die Klostermauern hinaus
Diese geistliche Tiefe könne auch für die Gesellschaft außerhalb des Klosters Bedeutung gewinnen. Klöster hätten in der benediktinischen Tradition immer auch Kultur geprägt. Gerade Erfahrungen von Grenzen und Zerbrechlichkeit könnten dabei helfen, sensibler und behutsamer miteinander umzugehen. Gerber verband damit auch die Zukunft der Abtei. Trotz der aktuellen Herausforderungen bleibe ihr Auftrag bestehen. "Wo in unseren Klöstern heute – im Bild gesprochen – diese Kultur des Brunnengrabens erfahrbar wird, da kann dies auch die Kultur außerhalb der Klostermauern prägen."
Wasser, das verbindet
In besonderer Weise hob Gerber dabei die verbindende Kraft des Bildes hervor. Christian de Chergé hatte seinen muslimischen Freund einmal gefragt, ob man am Grund des gemeinsamen Brunnens muslimisches oder christliches Wasser finde. Die Antwort lautete: "Was man auf dem Grund dieses Brunnens findet, ist das Wasser Gottes."
Darin sah der Bischof eine Botschaft auch für die Abtei in Fulda: Auch wo Spannungen spürbar sind, gemeinsam nach der Tiefe zu suchen und aus der Quelle des Glaubens zu leben. "Am Grunde dieses Brunnens finden wir das gleiche Wasser, finden wir den, der uns das Wasser des Lebens verheißen hat", sagte der Bischof. Im Anschluss an den Festgottesdienst kamen die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher im Kreuzgang der Abtei zu Begegnung und Austausch zusammen – mit Blick auf den Brunnen im Kreuzgarten, der zum zentralen Bild der Predigt geworden war. (ms/pm) +++