Marc Chagall und Bella – ein SandArt-Bild aus der Veranstaltung mit Natalia Moro - Alle Fotos: Jutta Hamberger

FULDA Begeisterung und Freude

Vielfältige und gelungene Jüdische Kulturtage - "Bei mir bist du schejn"

11.09.26 - Vom 9. August bis zum 9. September dauerten die Jüdischen Kulturtage – mit neun Veranstaltungen und einer dreitägigen Exkursion nach München. Lesungen, Konzerte, Vorträge, Krav Maga, eine Sand-Show und der Tag der offenen Tür in der Jüdischen Gemeinde zeigten, wie vielfältig jüdische Kultur und jüdisches Leben in Fulda sind.

Bella Gusman und Wolfgang Link in der kleinen Kunstausstellung, die während des Tags ...

Rafael Seligmann eröffnet die Jüdischen Kulturtage im Garten der Propstei Johannesberg ...

Unter den Gästen der Eröffnungsveranstaltung waren auch Anja Listmann, Fuldas ...

Kultur braucht viele Partner

Die Jüdischen Kulturtage sind eine Kooperation zwischen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), der Jüdischen Gemeinde Fulda, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Stadt Fulda. Sie fanden in dieser Form zum zweiten Mal statt. Und es geht weiter: vom 8. August bis zum 5. September 2027.

Auch bei diesen Kulturtagen wurde wieder klar: Kultur braucht starke und verlässliche Partner. Sie braucht Menschen, die sie schätzen – und schützen. In Fulda ist das so. Hier ist Kultur kein Streichposten im Etat, wenn Gelder knapper werden, sondern Verpflichtung und Aufgabe. Und: Lust! Denn auch das gehört dazu – immer wieder daran teilhaben zu lassen, wie viel Freude Kultur bereitet und was für ein Geschenk es ist, sie in all ihrer Vielfalt genießen zu können.

Für die Jüdische Gemeinde eröffnete Roman Melamed mit einem Gruß- und Segenswort ...

Ein ernstes Thema behandelte der Vortrag von Norbert Reck – es ging um Rechtsextremismus ...

Der Grüne Saal in der Katholischen Akademie war bis auf den letzten Platz besetzt ...

Jüdisch sein in Deutschland

Zur Eröffnung kam Rafael Seligmann, der im sommerlichen Propsteigarten in Johannesberg aus seinem Buch "Keine Schonzeit für Juden" las – besser: erzählte. Kein leichtes Thema, aber ein wichtiges. Seligmann nahm uns mit in den jüdischen Alltag in Deutschland: in schöne, absurde, überraschende, aber auch abscheuliche Situationen. Mit seinem Humor traf er mitten ins Herz. Und man kann nur hoffen, dass er mit seiner Befürchtung unrecht behält, die Aussichten des Judentums in Deutschland seien düster. Ein Deutschland ohne jüdisches Leben wäre ein menschlicher und kultureller Verlust – und ein Offenbarungseid für die deutsche Demokratie.

Bella Gusman aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde war mit Ehemann Avram gekommen, ...

Ein Kindererziehungsbuch, das nur "Machwerk" genannt werden kann – Johanna Haarers ...

Dave Wollmann und Roman Melamed – Trainer Wollmann führte in Krav Maga ein ...

Mit jüdischem Leben in seinen Höhen und Tiefen befasste sich auch die Ausstellung "Jüdisches Leben in Deutschland" in der Katholischen Akademie. Rafael Herlich dokumentiert es seit Jahrzehnten mit seinen wunderbaren Fotos: im Alltag, bei religiösen Anlässen und bei Familienfeiern.

Auch beim Krav Maga beginnt alles mit dem Aufwärmen

Ganz schön anstrengend – aber es machte auch viel Spaß

Dave Wollmann und Roman Melamed demonstrieren eine Krav Maga-Übung

Einen Blick zurück ermöglichte die Lesung von Susanne Pfankuch. Ihr Vater Peter wurde in der NS-Zeit als "Halbjude" geschmäht und noch 1944 zur Zwangsarbeit verschickt. Übrigens ganz in die Nähe – zum Monte Kali. Da Peter Pfankuch seit früher Jugend Tagebuch schrieb, konnten wir im Vortrag sein Leben, die Demütigungen und Entbehrungen hautnah miterleben, aber auch seine Kraft, nach 1945 seinen Weg zu gehen – Pfankuch wurde einer der einflussreichsten Architekten Berlins.

Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde ...

Abendessen im israelischen Restaurant Eclipse in München

Ohel-Jacob-Synagoge in München

Führung durch das ehemalige Stetl Föhrenwald

Besuch der Gedenkstätte Dachau

Bella Gusman und Roman Melamed führen durch das kleine Museum in der Jüdischen Gemeinde ...

Das zynische Weltkulturerbe des Antisemitismus

Zwei Vorträge widmeten sich dem Antisemitismus und seinen Gefahren. Norbert Reck beleuchtete den Rechtsextremismus aus psychologischer Sicht und ging der Frage nach, wie Hass und Gefühlsabspaltung schon in der frühkindlichen Erziehung beginnen. Eines der schlimmsten Machwerke der Erziehungsliteratur, "Die (deutsche) Mutter und ihr Kind", wurde immerhin noch bis 1987 gedruckt. Sein Einfluss auch auf die Nachkriegsgenerationen kann kaum überschätzt werden.

Roman Melamed demonstriert die Zizit am Tallit (Fäden am Gebetsschal)

Der Lebensbaum auf einem der Glasfenster in der Synagoge

Blick in den Innenraum der Synagoge

Martin Kloke räumte mit der Vorstellung auf, Antisemitismus von links gebe es erst seit dem 7. Oktober – wenngleich das ein Tag gewesen sei, der "unsere Gewissheiten erschüttert hat". Kloke befasst sich seit 40 Jahren mit dem Thema. Was er als "das zynische Weltkulturerbe des Antisemitismus" bezeichnet, war nie weg, nur zeitweise verborgen. Das Furchtbare an dieser menschenverachtenden Ideologie: Sie sei nach links wie nach rechts anschlussfähig und passe sich flexibel den jeweiligen Verhältnissen an. Der Antisemit sehe sich dabei immer als Opfer. Egal, was "der Jude" oder "Israel" tue – das Deutungsmuster stehe schon vorher fest. Der 3D-Test – Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards – helfe, diese Muster zu erkennen.

Roman Melamed am Tora-Schrein

Susanne Pfankuch liest aus "Privilegiert diskriminiert", der Geschichte ihres Vaters ...

Peter Pfankuch schrieb seit frühester Jugend Tagebuch und nutzte dafür Schulkalender, ...

Sich verteidigen können

Sich gegen Angriffe wehren zu können, war auch das Thema der Krav-Maga-Schnupperstunde in der Jüdischen Gemeinde. Das von Imi Lichtenfeld entwickelte Selbstverteidigungssystem setzt auf Vollkontakt und ist offen für unterschiedliche Techniken. "Letztlich gibt es keine Regeln, denn du verteidigst dich und dein Leben", so Trainer Dave Wollmann. "Auf der Straße gibt es nun mal keine Gewichtsklassen."

Blick in eines der Pfankuch’schen Tagebücher

Beliebtes Zoo-Motiv jener Tage – Peter Pfankuch mit Löwenbabys. Die Zeichnung ...

Bewegt vom Zuhören – Bella und Avram Gusman, Anna Litvin und Viktoria Shur ...

Wollmann unterrichtet Krav Maga in der Fuldaer Fight Factory. Nach dem 7. Oktober bot er der Jüdischen Gemeinde an, auch dort Trainingstunden zu geben. "Ich wollte etwas zurückgeben", so Wollmann. Ganz klar sei der beste Kampf immer der, den man nicht kämpft. Wenn man aber kämpfen müsse, solle man sich klarmachen: "Täter suchen keine Gegner, sondern Opfer." Deshalb gehe es darum, die unmittelbare Gefahr zu beseitigen, schnell zum Gegenangriff überzugehen und den Angreifer kampfunfähig zu machen. Krav Maga ist etwas für jedes Alter, für Frauen und Männer. Jeder macht so mit, wie er oder sie es kann und will.

Sehr besonders war der Auftritt des Karsten Troyke Trios

Das Konzert in der Aula der Alten Universität war sehr gut besucht

Viel zu schnell war das Konzert vorüber

München: jüdisches Leben, jüdische Geschichte

Ein besonderer Höhepunkt war die von GCJZ-Schatzmeister Wolfgang Link organisierte dreitägige Exkursion nach München. Die Gruppe besuchte die beiden Synagogen am Jakobsplatz und in der Reichenbachstraße. Dort übernahm Rachel Salamander die Führung; durch das Israelitische Kulturzentrum am Jakobsplatz führte Ellen Presser.

Auch ein Ausflug nach Wolfratshausen stand auf dem Programm – ins ehemalige Schtetl Föhrenwald. Ein halber Quadratkilometer, auf dem nach 1945 zeitweise mehr als 5.000 Juden lebten. "Ferenwald" war das letzte Schtetl in Europa. Im Oktober 1957 wurde es gegen den Willen der Bewohner aufgelöst. Föhrenwald wurde von der Landkarte gestrichen und aus der kollektiven Erinnerung gelöscht. Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert – auch dank Alois Berger, der sein Buch über Föhrenwald im vergangenen Jahr hier in Fulda vorgestellt hat.

Auf der Rückfahrt besuchte die Gruppe die Gedenkstätte Dachau. Im März 1933 eröffnete SS-Chef Heinrich Himmler dort das erste Konzentrationslager auf deutschem Boden. Während der NS-Zeit waren hier mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, ausgeliefert an eine Herrschaft aus Willkür und Terror. Über 40.000 starben durch Krankheit, Hunger, Folter und Mord.

Bella Gusman und Roman Melamed danken im Namen der Jüdischen Gemeinde ...

Karsten Troyke Trio mit Roman Melamed und Bella Gusman

Martin Kloke trägt über Linken Antisemitismus vor…

Viel zu schnell vorbei

In der Aula der Alten Universität erlebten wir ein wunderbares Sonntagskonzert mit dem Karsten Troyke Trio: Karsten Troyke sang und spielte Gitarre, begleitet von Hans Bilger am Bass und Daniel Weltlinger an der Violine. Zu hören waren jiddische, hebräische, russische, englische und deutsche Lieder – von "Tumbalalaika" über "Jerusalem, Stadt aus Gold" und Georg Kreislers "Ich fühl’ mich nicht zuhause" bis zu Leonard Cohens "Dance Me to the End of Love". Die Gäste mit der weitesten Anreise kamen übrigens aus Finnland! Viel zu schnell war das Konzert vorbei.

… und räumt dabei mit vielen Fälschungen und Geschichtsklitterungen auf ...

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßt die Gäste, die zu Natalia Moros ...

So entsteht ein Kunstwerk aus Sand

Bilder aus Sand, die bleiben

Den Abschluss der Jüdischen Kulturtage bildete der Abend mit der ukrainischen Künstlerin Natalia Moro und ihren vergänglichen, berührenden und nachhallenden Bildern aus Sand. Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld begrüßte Künstlerin und Gäste und dankte allen, die die Kulturtage möglich gemacht hatten.

Bis auf den letzten Platz besetzt – das Kanzlerpalais

Die Lovestory von Maler Marc Chagall und seiner Bella berührte zutiefst ...

Natalia Moro bereitet das nächste Kunstwerk vor

Im ersten Teil des Abends erzählte Moro die Liebesgeschichte von Marc Chagall und seiner Bella. Danach widmete sie sich mit "Bey mir bist du schejn" dem zerstörten Leben im jiddischen Schtetl. Im bis auf den letzten Platz besetzten Kanzlerpalais wurden wir alle zu staunenden Kindern, die mit leuchtenden Augen einer großartigen Geschichtenerzählerin lauschten und zusahen.

Unter der Chuppa – ein Bild zum Hochzeitslied "Erev Shel Shoshanim"

"Bey mir bist du schejn" – eines der bekanntesten jiddischen Lieder ...

Kulturamtsleiter Jürgen Peter und OB Dr. Wingenfeld

Was bleibt von diesen Jüdischen Kulturtagen? Vor allem: Begeisterung und Freude. Viele Reaktionen während und nach den Veranstaltungen machten deutlich, wie viel es hier zu entdecken gibt – und wie viel es zu schätzen und zu schützen gilt. In diesem Sinne wandeln wir einen traditionellen jüdischen Wunsch ins Fuldische ab: Nächstes Jahr in Fulda! (Jutta Hamberger) +++


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum
Cookie-Einstellungen anpassen

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Whatsapp
Instagram
TikTok

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön