11.09.26 - Es gibt Tage, nach denen die Welt nicht mehr dieselbe ist. Der 11. September 2001 ist so ein Tag. Für Ruprecht von Butler ist dieses Datum aber noch einmal auf besondere Weise mit seinem Leben verbunden. Der heutige Generalmajor der Bundeswehr erlebt die Terroranschläge damals mitten in den USA. Er sieht die Türme des World Trade Centers live im Fernsehen einstürzen, sitzt anschließend tagelang in einem stillgelegten Land fest - und wird nur wenige Monate später selbst nach Afghanistan geschickt.
Am Morgen des 11. September 2001 entführen 19 Terroristen des islamistischen Terrornetzwerks Al-Qaida vier Passagiermaschinen in den USA. Zwei Flugzeuge rasen in die Türme des World Trade Centers in New York, ein drittes schlägt im Pentagon bei Washington ein. Die vierte Maschine stürzt nach dem Widerstand von Passagieren und Besatzungsmitgliedern in Pennsylvania ab. Knapp 3.000 Menschen werden getötet. Es ist der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Zwei Tage zuvor noch in New York
Ruprecht von Butler ist zu dieser Zeit Teilnehmer des Generalstabslehrgangs. Zu dessen Abschluss gehörte eine zweiwöchige Reise durch die USA. Die deutschen Offiziere besuchen militärische Einrichtungen und Kommandos. Am 9. September sind sie noch in New York. Einige Lehrgangsteilnehmer gehen sogar in das berühmte Restaurant "Windows on the World" im World Trade Center.
Zwei Tage später sitzt von Butler in Fort Leavenworth im Bundesstaat Kansas. Ein amerikanischer Oberst hält gerade ein Briefing, als sich die Tür öffnet. Ein Mann kommt herein, flüstert ihm etwas ins Ohr und verschwindet wieder. Der Oberst spricht zunächst weiter. Wenig später kommt der Mann erneut. Dann bricht der Amerikaner ab.
"Er sagte uns, dass zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen seien und ein Flugzeug ins Pentagon. Man müsse von einem größeren Anschlag auf die USA ausgehen. Wir wussten überhaupt nicht: Ist das jetzt echt? Ist es nicht echt?" Heute wäre binnen Sekunden das Smartphone draußen. 2001 ist das anders. Die Männer haben Mobiltelefone, können telefonieren und SMS schreiben - mehr nicht. Weil an diesem Tag ohnehin eine Heimatschutzübung geplant ist, hält von Butler die Nachricht für einen Augenblick sogar für ein außergewöhnlich realistisches Szenario.
"Du hättest eine Stecknadel fallen hören"

"Attack on America": Die Bilder brannten sich bei von Butler tief ein. Foto: Joint Warfare Center
Dann werden die Deutschen in die Kantine geführt. An den Wänden hängen Fernsehgeräte. Rundherum sitzen Hunderte amerikanische Offiziere. Auf den Bildschirmen läuft CNN. Die beiden Türme brennen noch. "Es war mucksmäuschenstill. Du hättest eine Stecknadel fallen hören. Wir schauten gespannt auf die Bildschirme - und dann sahen wir live, wie diese Türme zusammenstürzten."
Von Butler erinnert sich bis heute an die Sprachlosigkeit in diesem Raum. Und an die Worte, die CNN unten in das Fernsehbild einblendet: Attack on America! "Es war fassungsloses Schweigen. Jetzt war es den Terroristen gelungen, den Krieg direkt nach Amerika hineinzutragen. Das war ein Schock für diese Nation."
Niemand weiß in diesen Stunden, ob noch weitere Flugzeuge entführt worden sind. Fünf, sechs, zehn? Die USA holen sämtliche Maschinen vom Himmel. Der zivile Flugverkehr kommt zum Erliegen. Von Butler und seine Kameraden sitzen plötzlich in einem Land fest, das sich noch Stunden zuvor unangreifbar angefühlt hatte.
Der Tag verändert auch die NATO
Der 11. September verändert weit mehr als Amerika. Er verändert die westliche Sicherheitspolitik. Zum ersten und bis heute einzigen Mal in ihrer Geschichte aktiviert die NATO nach den Anschlägen Artikel 5: Ein Angriff auf einen Bündnispartner wird als Angriff auf alle verstanden.
Aus den Anschlägen folgt der sogenannte Krieg gegen den Terror. Afghanistan rückt in den Mittelpunkt, weil Al-Qaida dort unter dem Schutz des Taliban-Regimes operieren konnte. Was am Morgen des 11. September mit vier entführten Flugzeugen beginnt, mündet in einen Krieg, der die kommenden zwei Jahrzehnte prägen wird - und auch die Bundeswehr grundlegend verändert. Für von Butler wird diese neue Welt schon auf der Heimreise noch einmal greifbar.
Plötzlich stehen Einsatzkräfte um das Flugzeug
Nachdem der Flugverkehr langsam wieder anläuft, soll es zurück nach Europa gehen. Von Butler sitzt bereits in einer Passagiermaschine. Hinter ihm telefoniert ein Mann ununterbrochen. Die Maschine rollt los - allerdings nicht zur Startbahn. Schließlich bleibt sie am Rand des Flugfeldes stehen.
Erst heißt es, es gebe Probleme mit der Flugsicherung. Dann werden die Triebwerke abgeschaltet. Von Butler schaut aus dem Fenster. "Das war wie in einem schlechten amerikanischen Film. Um uns herum war plötzlich ein rotes Lichtgewitter aus Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei. Da war klar: Es geht um uns." Sicherheitskräfte stürmen die Maschine. Der Mann hinter ihm wird festgenommen, die Passagiere müssen einzeln das Flugzeug verlassen und werden überprüft. Später erfährt von Butler, dass bei einem Telefonat des Mannes der Satz "the threat is on board" gefallen sein soll.
In diesem Moment denkt der Soldat vor allem an eines. "Ich saß genau auf dem Flügel und dachte nur: Zum Glück ist meine Familie nicht dabei. Wenn die jetzt anfangen zu schießen, geht es wenigstens schnell - ich sitze auf dem gesamten Treibstoff."

Foto: Joint Warfare Center

Foto: Joint Warfare Center
Wenige Monate später: Afghanistan
Doch die Geschichte endet für von Butler nicht mit seiner Rückkehr nach Deutschland. Im Juni 2002 fliegt er selbst erstmals nach Afghanistan. Da ist ein anderer von Butler schon dort: sein Bruder Carl-Hubertus. Der damalige Brigadegeneral führt Anfang 2002 das erste ISAF-Vorauskommando aus deutschen, niederländischen, dänischen und österreichischen Soldaten in Kabul. Die ersten deutschen Kräfte treffen am 6. Januar ein. "Ein Vierteljahr später waren wir plötzlich in Afghanistan", erinnert sich Ruprecht von Butler. Für ihn habe das Erlebte vom 11. September seinem späteren Einsatz noch einmal eine ganz andere Bedeutung und Motivation gegeben.

Der 11. September begleitet Ruprecht von Butler bis heute – 2024 übernahm er an genau ...Foto: Joint Warfare Center
Was als Reaktion auf die Anschläge beginnt, wird zu einem fast 20 Jahre dauernden Einsatz. Für die Familie von Butler wird Weltpolitik damit innerhalb weniger Monate sehr persönlich: Der eine Bruder führt die ersten deutschen ISAF-Kräfte in Kabul, der andere folgt wenig später selbst nach Afghanistan.
Und auch Jahrzehnte danach bleibt der 11. September Teil von Ruprecht von Butlers militärischem Weg. Am 11. September 2024, genau 23 Jahre nach den Anschlägen, übernimmt er in Stavanger das Kommando über das Joint Warfare Centre der NATO. Bevor ihm die Flagge des Zentrums übergeben wird, gedenken die Teilnehmer der Zeremonie in einer Schweigeminute der Opfer von 9/11.
Für Ruprecht von Butler schließt sich damit ein ungewöhnlicher Kreis. Der 11. September ist für ihn nicht nur der Tag, an dem er miterlebte, wie Amerika und die Welt für einen Moment den Atem anhielten. Es ist auch ein Datum, das seinen eigenen Weg als Soldat über mehr als zwei Jahrzehnte begleitet hat. (cb) +++