15.09.26 - Wie war die Stimmung in der DDR wirklich? Diese Frage wird seit dem Ende der DDR immer wieder kontrovers diskutiert. Dr. Jens Gieseke vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat diese Frage historisch untersucht und seine Ergebnisse in einem Vortrag in der Gedenkstätte Point Alpha vorgestellt. Nach der Begrüßung durch den geschäftsführenden Vorstand Benedikt Stock erhielten die interessierten Zuhörer im Haus auf der Grenze einen Einblick in die Gefühlswelt der DDR-Bevölkerung.
Meinungsumfragen gehören heute zur alltäglichen Berichterstattung. Doch in der DDR-Öffentlichkeit gab es keine Stimmungsbilder. Trotzdem wurde das öffentliche Meinungsbild von der SED, aber auch in der Bundesrepublik hinterfragt und dokumentiert. Diese Befragungen wertete Dr. Gieseke aus und veröffentlicht seine Erkenntnisse in seinem neuen Buch "Die ostdeutsche Volksmeinung. Politische Einstellungen in der DDR-Gesellschaft 1961-1989", das im November im Ch. Links Verlag erscheint.

Nicht nur zusätzliches Wissen, sondern auch ein Erinnerungsfoto nahm manch Zuhörer ...
Der Historiker nutzte für seine Forschung vier verschiedene Erfassungsquellen. "Die Auswertung ist sehr komplex und gestaltete sich schwierig. Jede Quellenart hat ihre Eigenheiten und Tücken. Sie müssen sehr kritisch gelesen und bewertet werden, doch im Vergleich sind bei bestimmten Themen klare Muster erkennbar" erklärte der Referent den Zuschauern auf Point Alpha.
80 Prozent standen der SED positiv gegenüber - oder etwa nicht?
Die DDR-Führung erforschte die Meinung im Land über Umfragen des Instituts für Meinungsforschung, das der SED unterstand. Diese Umfragen versuchten, die Befindlichkeit der Bevölkerung abzubilden, doch die Anteile der Befragten, die keine Angaben machen wollten, oder aus Angst vor Repressionen staatstreu antworteten, war immer sehr hoch. Nur noch wenige Umfragen sind tatsächlich überliefert, da das Institut 1979 auf Weisung von Erich Honecker geschlossen wurde. Grund: Für den Staatsratsvorsitzenden waren die Resultate zu kritisch. Auch die Stasi hörte genau hin - 80 Prozent der Bevölkerung stehen der SED-Führung positiv gegenüber. So jedenfalls die Annahme. Seitenlange Berichte belegten aber, dass auch als treu geltende Genossen teils scharfe Kritik an der Politik übten.

Der Experte antwortete ausführlich und mit großer Detailkenntnis.

Der Referent genoss gebannte Blicke und die volle Aufmerksamkeit des Publikums. ...

Zuhörende im Publikum erfuhren, wie die SED-Spitze die Meinung erforschen ließ. ...
In der Bundesrepublik wurde die Stimmung in der DDR über Beobachtungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) verfolgt. Die meisten Informationen sammelten die Agenten durch das Abhören des Telefonverkehrs innerhalb des Zentralkomitees der SED. "Das Institut Infratest München (heute: Infratest dimap) hat im Auftrag Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen in den 1950er Jahren Flüchtlinge befragt. Als es nach dem Mauerbau 1961 deutlich weniger Geflüchtete gab, wurden Stellvertreterbefragungen durchgeführt. Dabei haben Personen, die die DDR besucht haben, stellvertretend für einen DDR-Bürger die Umfrage beantwortet," verdeutlichte Gieseke den Gästen. Die Personen seien in fünf Typen eingeteilt worden, die entweder eher der DDR oder der Bundesrepublik zugewandt oder auch politisch nicht interessiert waren.
Die Gesamtstimmung der DDR-Bevölkerung lässt sich laut Gieseke mit diesen Umfragemethoden nicht vollkommen unabhängig bestimmen, aber es zeigen sich klare Tendenzen: Von Mitte der 1960er-Jahre bis etwa 1975 wurde eine stabile Zufriedenheit mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage und in der Folge damit eine Zunahme der Akzeptanz des politischen Systems in der DDR registriert. Besser war die Stimmungslage also, wenn die Wirtschaft im Land weitgehend stabil blieb. Mit dem Rückgang des Lebensstandards ab Mitte der 1970er Jahre, nahm die Unzufriedenheit allerdings zu und sich spitzte sich bis 1989 merklich zu.

Benedikt Stock, Geschäftsführender Vorstand der Point Alpha Stiftung, und Dr. ...
Dr. Gieseke betonte zum Abschluss, dass es durch diese Komplexität keine einfache Antwort auf die große Frage der Stimmung in der DDR gebe. Es habe, wie in der Bundesrepublik auch, nicht die eine vorherrschende Meinung in der DDR-Bevölkerung gegeben, sondern viele unterschiedliche Wahrnehmungen und Perspektiven.
Dementsprechend könne man auch keine direkten Linien in die Gegenwart ziehen. Meinung bilde sich unter vielen Faktoren auf komplexe Weise und müsse immer wieder neu untersucht werden. Im Anschluss an den Vortrag gab es interessante Fragen aus dem Plenum, die Dr. Gieseke ausführlich beantwortete. (pg/pm) +++