26.09.26 - Manchmal wird Geschichte plötzlich ganz persönlich. Ein Name aus einem Heiligenkalender bleibt nicht mehr nur eine Erinnerung an vergangene Zeiten, sondern bekommt ein Gesicht und einen Ort. So ging es mir im Sommer in Paris. Ich durfte das Grab des heiligen Vinzenz von Paul besuchen und auch an der Rue du Bac jenen Ort erleben, an dem der Geist der Vinzentinerinnen bis heute spürbar ist. Und nun wird morgen der Gedenktag des Hl. Vinzenz begangen.
Vinzenz von Paul ist kein Heiliger, den man nur aus der Ferne bewundern sollte. Seine Botschaft beginnt mit einer einfachen, aber bis heute unbequeme Frage: Siehst du den Menschen, der deine Hilfe braucht?
Vinzenz lebte in einer Zeit großer Gegensätze. Paris war eine Stadt des Reichtums und der Macht – und zugleich eine Stadt der Bettler, Kranken, Findelkinder, Gefangenen und Alten. Vinzenz sah diese Not. Aber er blieb nicht beim Mitleid stehen. Er fragte: Was können wir tun? Wie können wir helfen? Und wie können wir Hilfe so organisieren, dass sie wirklich bei den Menschen ankommt?

Aufnahmen des Grabes des Hl. Vinzenz in der Kirche st. Vinzenz in Paris. ...Fotos: Stefan Buß

Fotos: Stefan Buß
Gerade darin liegt seine Größe. Vinzenz von Paul war nicht nur ein Mann des guten Herzens. Er war ein Mann des Handelns. Er gründete Bruderschaften der Nächstenliebe, kümmerte sich um Arme und Kranke, um Galeerensträflinge, um ausgesetzte Kinder und alte Menschen. Mit Luise von Marillac gründete er 1633 die Gemeinschaft der Töchter der christlichen Liebe, der Vinzentinerinnen. Das war für die damalige Zeit geradezu revolutionär: Frauen sollten nicht hinter Klostermauern leben, sondern hinausgehen – dorthin, wo die Menschen litten.
Ein Satz, der Vinzenz zugeschrieben wird, bringt dieses neue Verständnis wunderbar zum Ausdruck: "Das Kloster der Schwestern sollte dort sein, wo die Kranken sind; ihr Kreuzgang sollten die Straßen der Stadt sein." Der Glaube muss auf die Straße gehen. Und genau das macht diesen Heiligen so aktuell.
Auch unsere Zeit kennt Armut – mitten unter uns. Vielleicht anders als im Paris des 17. Jahrhunderts, aber nicht weniger bedrängend. Menschen leben in Einsamkeit. Alte Menschen fühlen sich vergessen. Familien wissen nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Flüchtlinge suchen eine neue Heimat. Menschen schlafen auf der Straße. Andere sind äußerlich abgesichert und innerlich völlig ausgebrannt.
Die Frage des heiligen Vinzenz lautet deshalb heute: Wo sind die Armen unserer Zeit? Und vielleicht müssen wir noch genauer fragen: Wen sehen wir nicht mehr?
Denn das ist die große Gefahr: dass wir uns an die Not gewöhnen. Dass wir vorbeigehen, weil wir denken: "Dafür ist doch der Staat zuständig. Dafür gibt es die Caritas. Dafür gibt es soziale Einrichtungen."
Vinzenz würde vermutlich antworten: Ja, wir brauchen Strukturen. Wir brauchen Organisationen. Wir brauchen professionelle Hilfe. Aber Nächstenliebe darf niemals delegiert werden.
Der Staat kann unterstützen. Eine soziale Einrichtung kann beraten. Die Caritas kann helfen. Aber niemand kann uns die persönliche Begegnung abnehmen. Das freundliche Wort. Den Besuch. Das Zuhören. Das Wahrnehmen eines Menschen, der sonst übersehen wird.
Und deshalb beginnt christliche Nächstenliebe immer mit dem Hinschauen.

Stadtpfarrer Stefan Buß. Archivfoto: O|N/ Carina Jirsch
Ich denke dabei an meinen Besuch in Paris. Im Sommer stand ich am Grab des heiligen Vinzenz von Paul. Und ich war in der Rue du Bac, an jenem Ort, der so eng mit der Geschichte der Vinzentinerinnen verbunden ist. Dort wird deutlich: Aus dem Glauben eines Menschen und aus seiner Begegnung mit der Not anderer kann etwas entstehen, das Jahrhunderte überdauert.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Botschaft des heiligen Vinzenz für uns: Wir müssen nicht die ganze Welt retten. Aber wir dürfen auch nicht sagen: "Ich kann ja doch nichts tun." Denn alles beginnt mit einem Menschen.
Vinzenz von Paul hat nicht große Programme geschrieben. Er hat Menschen zusammengebracht und sie in Bewegung gesetzt. Vielleicht brauchen wir heute wieder etwas mehr von diesem vinzentinischen Geist. (Stefan Buß)+++