18.09.26 - Wie sieht Vergessen aus? Kann man Trost fühlen? Und hilft Humor auch bei Demenz? Diesen Fragen geht eine außergewöhnliche Ausstellung nach, die vor wenigen Tagen an der Vogelsbergschule (VBS) eröffnet wurde. Gestaltet wurden die eindrücklichen Arbeiten rund um das Thema Demenz von Schülerinnen und Schülern der Klasse 12 ASP (ASP = Assistenz für Sozialpädagogik bzw. Sozialassistenz).
Die Schau bildete den Auftakt zu einer über fünf Jahre angelegten Veranstaltungsreihe unter Federführung des AWO-Kreisverbandes Vogelsbergkreis e.V. in Kooperation mit dem Familienbündnis Vogelsberg, dem VdK Hessen-Thüringen und dem DRK-Kreisverband Lauterbach e.V. Herzstück des Projekts werden Pflegeaktionstage in den Städten und Gemeinden des Vogelsbergkreises sein sowie besondere Veranstaltungen, wie in diesem Jahr noch eine Filmvorführung am 13. Oktober in Lauterbach und eine Lesung am 22. November in Schlitz.

Heike Bohl dankte allen, die die Reihe und die Auftaktveranstaltung unterstützen. ...

Als Gastgeber sprach der stellvertretende Schulleiter Martin Rahner.

Der Senioren- und Inklusionsbeauftragte des Vogelsbergkreises Hans-Jürgen Schäfer ...
Auftakt für eine langfristige Themenreihe
Heike Bohl, Vorsitzende des AWO-Kreisverbandes, begrüßte die Gäste in der vollbesetzten Pausenhalle der VBS. Unter den Gästen waren viele Vertreter aus politischen und gesellschaftlichen Organisationen, darunter Maximilian Ziegler (MdL), Hans-Jürgen Röhr (VdK-Kreisverband) und die Kreistagsvorsitzende Dr. Birgit Richtberg. Im Mittelpunkt der Eröffnungsrede und der anschließenden Grußworte stand das Motiv der Reihe: "Demenz verändert das Gedächtnis, nicht die Würde eines Menschen."
Hervorgegangen aus der vielbeachteten Ausstellung "Frauen im Fokus" widmet sich die komplette Reihe, zu der – neben den Werken der Schülerinnen und Schüler – auch eine Info-Ausstellung mit vier Rollups konzipiert wurde, einem Thema, das alle Menschen betreffe, so Bohl. Sie dankte insbesondere der Klasse 12 ASP und ihren Lehrerinnen Sabrina Wiegand-Mischak, Corina Sammann und Jasmin Grube, die sich intensiv mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt hatten. Dabei war ihnen wichtig, sich nicht nur mit den medizinischen und pflegerischen Grundlagen der Erkrankung zu befassen, sondern auch mit der Frage, was Demenz für die betroffenen Menschen, ihre Angehörigen und ihr soziales Umfeld bedeutet. Als Hauptunterstützer der Reihe nannte Bohl die Sparkasse Oberhessen.
Für die Schule sprach der stellvertretende Schulleiter Martin Rahner. Er freute sich sehr, dass die VBS Gastgeberin der Auftaktveranstaltung ist, und betonte, dass es wichtig sei, den Schülerinnen und Schülern neben aller Theorie auch die Lebenswirklichkeit, die zu ihren Schwerpunkten – hier der Pflege – gehöre, zu vermitteln. "Wie man Menschen in Krisensituationen begegnet, macht einen Unterschied", sagte er, denn "hinter einer Diagnose steckt immer ein Mensch." Die Werke der Schülerinnen und Schüler laden dazu ein, genauer auf die Menschen und ihre Angehörigen zu schauen.

Bürgermeister Holger Marx betonte, dass der Mensch im Mittelpunkt des Handels stehe. ...
Demenz als gesellschaftliche Aufgabe
Hans-Jürgen Schäfer, Beauftragter für Senioren und Inklusion des Vogelsbergkreises, lobte das große Interesse der politischen und gesellschaftlichen Gremien an der Ausstellung und die Kooperation der Organisationen AWO, DRK, VdK und Familienbündnis. Mit etwa dreitausend an Demenz erkrankten Menschen im Vogelsberg habe die jetzt eröffnete Reihe eine große Relevanz: "Demenz ist eine gesellschaftliche Aufgabe." Besonders wichtig sei ein Austausch unter den Generationen, wie ihn eine solche Aktion an einem solchen Ort ermögliche. Auch Lauterbachs Bürgermeister Holger Marx lobte das Vorhaben des Netzwerkes: Es stelle den Menschen in den Vordergrund.
Pflege vor großen Herausforderungen
Als Hauptredner des Tages konnte Dr. Oliver Lauxen gewonnen werden. Der ausgebildete Altenpfleger ist nach einem Studium der Pflege- und Gesundheitswissenschaft stellvertretender Leiter des IWAK (Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur) und Arbeitsmarktforscher. Er stellte die Pflegesituation im Vogelsberg dar: Fast neun Prozent der Menschen im Vogelsberg waren im Jahr 2023 pflegebedürftig – eine Zahl, die auch mit der Demografie der Region zusammenhängt. Als Arbeitsmarktforscher warf er einen Blick auf die professionelle Versorgung der Menschen in den verschiedensten Einrichtungen. Schon im Jahr 2024 zeigte sich hier ein großes Defizit, das wachsen wird, wenn in den nächsten Jahren die Anzahl der zu Pflegenden erwartungsgemäß steigt und die Zahl der Pflegepersonen, beispielsweise ruhestandsbedingt, sinkt. Sein Ausblick war dennoch positiv, denn es könne gelingen, sowohl Anreize für Pflegepersonal zu schaffen, als auch die Nachfrage nach Personal beispielsweise durch Digitalisierung oder Modernisierung der Abläufe zu reduzieren.

Dr. Oliver Lauxen gab einen Impulsvortrag zur Pflegesituation im Vogelsberg. ...

Stellvertretend für die Schülerinnen und Schüler der 12 ASP stellten Maximilian ...

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wort "Trost" als eines der Beispiele ...
Schüler machen Gefühle sichtbar
Auf die Werke der Schülerinnen und Schüler der 12. ASP gingen dann Maximilian Theiß, Liliana Kornmann und Barija Michel ein. Sie erklärten, wie sie sich Begriffen wie Trost, Erinnern, Vergessen und anderen Wörtern im Zusammenhang mit Demenz jenseits der Zahlen, Daten und Fakten genähert haben, um zum einen selbst eine neue Perspektive auf die Menschen und die Erkrankung zu gewinnen und um diese auch den Zuschauern zu ermöglichen. Verschiedenste Materialien und Ausdrucksmöglichkeiten wählten die jungen Erwachsenen.
So wurde zum Beispiel ein zerbrochener Teller mit einer Trostbotschaft und einem weichen Watterand zum Symbol für das gute Gefühl, getröstet zu werden. Wut fand ihren Ausdruck genauso wie die heilende Wirkung von Lachen und Humor. Eine Ausstellung, die – wie alle Betrachtenden fanden – so tiefgründig wie vielfältig war und den Blick auf die Erkrankung Demenz weitete. Konzipiert nur für den Eröffnungstag, könnte es sein, dass sie im Kreis auf Reisen geht, sagte Heike Bohl; erste Anfragen verschiedener Einrichtungen gebe es bereits.

Auf großes Interesse stießen die Werke der jungen Künstlerinnen und Künstler ...
Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 13. Oktober im Lichtspielhaus in Lauterbach statt. Dort wird der Film "Romys Salon" gezeigt, der sich auf liebevolle Weise und mit leisem Humor dem Thema Demenz widmet. (pm/jk) +++