Innenminister Roman Poseck während seiner Rede anlässlich des 13. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in der Rotunde des Biebricher Schlosses in Wiesbaden. - Foto: MdI / Frank Zinn

WIESBADEN Solidarität mit der Ukraine

"Frieden ist keine Selbstverständlichkeit": Poseck setzt Zeichen am Gedenktag

21.09.26 - Anlässlich des 13. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation hat Hessens Innenminister Roman Poseck dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Leid der Betroffenen wachzuhalten und daraus Verantwortung für Gegenwart und Zukunft abzuleiten. Der Gedenktag wurde im Schloss Biebrich gemeinsam mit dem zentralen "Tag der Heimat" des Bundes der Vertriebenen (BdV), Landesverband Hessen, begangen. Poseck vertrat Ministerpräsident Boris Rhein und hielt die Rede der Hessischen Landesregierung, in der er die Bedeutung des Gedenkens und die Verpflichtung zu einem respektvollen, friedlichen Miteinander betonte.

Der diesjährige "Tag der Heimat" stand unter dem Motto "Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa". Im thematischen Mittelpunkt stand die deutsche Minderheit in Ungarn. Die Festrede zum "Tag der Heimat" hielt Patrik Schwarcz-Kiefer, Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen sowie des Komitatsrates von Baranya in Ungarn.

Erinnern an Menschen, die ihre Heimat verloren haben

Innenminister Roman Poseck sagte: "Heute erinnern wir an Millionen Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Wir erinnern an Flucht und Vertreibung, an Deportation, Gewalt und Entrechtung. Hinter diesen Begriffen stehen Menschen, Familien und Lebensgeschichten. Viele verloren Angehörige, Besitz und Heimat. Viele verloren ihr Leben. Doch die Geschichte von Flucht und Vertreibung erzählt nicht nur von Verlust. Sie erzählt auch davon, was Menschen selbst unter schwierigsten Bedingungen bewahren konnten: ihre Sprache, ihren Glauben, ihre Traditionen und ihre Kultur. Und sie erzählt davon, mit welcher Kraft Menschen nach dem Verlust ihrer Heimat ein neues Leben aufgebaut haben."

Anlässlich des 13. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung ...Archivfoto: O|N/Hendrik Urbin

Gerade Hessen sei davon geprägt. "Die deutschen Heimatvertriebenen haben nach dem Zweiten Weltkrieg Häuser gebaut, Betriebe gegründet, Vereine und Gemeinden mitgestaltet und Verantwortung in Politik, Kirche und Gesellschaft übernommen. Auch Aussiedler und Spätaussiedler haben in Hessen eine neue Heimat gefunden und unser Land mit ihrer Lebensleistung, ihren Erfahrungen und ihrer Kultur bereichert. Sie alle sind Teil unserer hessischen Geschichte und Identität. Dafür verdienen sie unseren bleibenden Dank und unsere Anerkennung. Gerade in dem Jahr, in dem unser Bundesland 80 Jahre alt wird, gilt es deutlich zu machen, dass die hessische Erfolgsgeschichte ohne Heimatvertriebene und Spätaussiedler nicht denkbar wäre", führte er weiter aus.

So bleibt Erinnerung lebendig

Wie wichtig es ist, diese Erinnerung an die nächste Generation weiterzugeben, habe dem Innenminister auch der erste hessische Malwettbewerb "Heimat aus junger Perspektive: Erinnern. Erzählen. Malen." eindrucksvoll gezeigt. "Gemeinsam mit unserem Landesbeauftragten Andreas Hofmeister durfte ich Ende August die Preisträgerinnen und Preisträger auszeichnen. Die Bilder zeigen, wie intensiv sich junge Menschen mit ihrer Familiengeschichte, mit Heimat und mit den Erfahrungen früherer Generationen auseinandersetzen. Wenn junge Menschen nachfragen, zuhören und ihre familiären Wurzeln entdecken, bleibt Erinnerung lebendig."

Dazu ergänzte Poseck: "Die deutschen Minderheiten in unseren europäischen Nachbarstaaten machen diese Verbindung bis heute sichtbar. Sie bewahren Sprache, Kultur und Tradition und sind zugleich fest in ihren heutigen Heimatländern verwurzelt. Damit bauen sie Brücken zwischen Menschen und Ländern. Ich freue mich deshalb besonders, dass Patrik Schwarcz-Kiefer heute als Festredner den Blick insbesondere auf die deutsche Minderheit in Ungarn richtet."

Erinnerung richtet unseren Blick aber nicht nur zurück. "Sie schärft unseren Blick für die Gegenwart. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erleben wir mitten in Europa wieder, was wir gehofft hatten, überwunden zu haben: Menschen verlieren ihr Leben, ihre Angehörigen und ihre Heimat. Familien werden auseinandergerissen, Städte und Dörfer zerstört, Kinder wachsen mit Krieg und Angst auf. Hinter jedem zerstörten Haus steht ein Zuhause, hinter jedem Menschen auf der Flucht eine Lebensgeschichte."

Innenminister Roman Poseck sagte: "Heute erinnern wir an Millionen Menschen, die ...Archivfoto: O|N/Marvin Myketin

"Mahnung für heute und Verpflichtung für morgen"

Gerade an einem solchen Tag seien unsere Gedanken deshalb auch bei den Menschen in der Ukraine, die ihre Heimat mutig und tapfer in einem grauenvollen Angriffskrieg verteidigen. "Ihr Schicksal führt uns schmerzlich vor Augen: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Und auch die Heimat, in der Menschen sicher und selbstbestimmt leben können, ist keine Selbstverständlichkeit. Das Wissen um Flucht, Vertreibung und Deportation ist deshalb nicht nur Erinnerung an gestern. Es ist Mahnung für heute und Verpflichtung für morgen.

Für Hessen ist die Solidarität mit der Ukraine nach bald fünf Jahren Krieg nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch eine Frage völkerrechtlicher, humanitärer und historischer Verantwortung. Ich sehe mit großer Sorge, dass politische Kräfte an den extremen Rändern erstarken, die die Ukraine im Stich lassen und Putin Türen öffnen wollen. Diese Politik ist verantwortungslos, weil sie Aggressoren belohnt und Angriffskriegen Vorschub leistet. Zudem würde diese Politik die Grundlage für Flucht und Vertreibung in einer enormen Dimension schaffen. Das darf nicht unser gemeinsamer Weg sein, gerade auch aufgrund unserer historischen Erfahrung und Verantwortung."

Für den Innenminister ist klar: "Wir können die Geschichte nicht ändern. Aber wir können aus der Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Deportation Verantwortung ableiten: für Frieden, Freiheit und Verständigung in Europa. Heimat braucht Erinnerung. Erinnerung braucht Begegnung. Und Begegnung schafft Verbindung."

Andreas Hofmeister: Bedeutung des Gedenktages für Erinnerung, Gegenwart und Zukunft

Der Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Andreas Hofmeister, betonte ebenfalls die Bedeutung des Gedenktages für Erinnerung, Gegenwart und Zukunft: "Veranstaltungen wie der Hessische Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation behalten für die Pflege der Erinnerungskultur sowie zum Erhalt des Bewusstseins für die langen Linien hessischer, deutscher und europäischer Geschichte eine hohe Relevanz. Gleichzeitig richten wir stetig den Blick auf die Gegenwart und zukünftige Wege, um Schicksal und Leistungen von deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern im kollektiven Gedächtnis unseres Landes zu bewahren und daraus die richtigen Lehren zu ziehen. Dieses wichtige Ziel vereint der Ausspruch 'Zukunft braucht Herkunft' in wenigen Worten." Hofmeister hielt zum Abschluss des gemeinsamen Festaktes das Schlusswort.

"Der 85. Jahrestag des sogenannten 'Stalin-Erlasses' erinnert uns an ein dunkles ...Archivfoto: O|N/Carina Jirsch

85 Jahre "Stalin-Erlass"

Der diesjährige Gedenktag stand auch im Zeichen des 85. Jahrestages des sogenannten "Stalin-Erlasses". Mit dem Erlass vom 28. August 1941 ordnete die sowjetische Führung unter anderem die Auflösung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen sowie die Deportation der dort lebenden deutschen Bevölkerung nach Sibirien und Zentralasien an. Hunderttausende Menschen verloren ihre Heimat, Familien wurden auseinandergerissen und zahlreiche Betroffene später zur Zwangsarbeit herangezogen.

Hessen ist der Geschichte der Wolgadeutschen in besonderer Weise verbunden und hält seit mehr als vier Jahrzehnten die Patenschaft über die Volksgruppe. Rund 280.000 Menschen mit Aussiedler- und Spätaussiedlerhintergrund haben in Hessen eine neue Heimat gefunden.

Roman Poseck betonte: "Der 85. Jahrestag des sogenannten 'Stalin-Erlasses' erinnert uns an ein dunkles Kapitel von Entrechtung, Deportation und Leid. Menschen wurden aufgrund ihrer deutschen Herkunft kollektiv entrechtet und ihrer Heimat beraubt. Zugleich beeindruckt mich, wie es den Betroffenen und ihren Nachkommen gelungen ist, über Generationen ihre kulturelle Identität zu bewahren. Viele haben später in Deutschland und gerade auch in Hessen eine neue Heimat gefunden. Sie sind heute ein selbstverständlicher und wertvoller Teil unserer Gesellschaft." (mis/pm)


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