1 Pfarrerin Andrea Wiemer steht am Altar der Kirche in Freiensteinau. Mehr als 30 Jahre lang hat sie hier Gottesdienste gefeiert und Menschen durch wichtige Stationen ihres Lebens begleitet. - Foto: Susann Franke

FREIENSTEINAU "Im Pfarrhaus brannte wieder Licht"

Pfarrerin Andrea Wiemer verabschiedet sich nach über 30 Jahren

24.09.26 - Andrea Wiemers erster Besuch in Freiensteinau im Jahr 1994 war alles andere als selbstverständlich: Die Autobahn fehlte noch, die Anfahrt über die Landstraße zog sich, und der Ort war für sie zunächst nur ein Punkt auf der Karte. "Das ist so weit weg", dachte sie – ein Eindruck, der beinahe geblieben wäre. Doch der Weg hinauf zur Kirche änderte alles. Der Blick über die Landschaft beeindruckte sie, ein Rundgang um das Gotteshaus führte sie zum Pfarrhaus – und dort entdeckte sie im Büro einen Computer, damals keineswegs üblich. In diesem Moment war für sie klar: "Das probiere ich."

Eine Entscheidung, die ihr Leben prägen sollte. Mehr als drei Jahrzehnte später verabschiedet sich Andrea Wiemer nun als Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Freiensteinau in den Ruhestand. Dazwischen liegt ein halbes Pfarrerinnenleben. Wiemer unterrichtete an der Schule, war in der Kindergartenarbeit engagiert, leitete viele Jahre eine Seniorengruppe und begleitete Generationen von Menschen bei Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen. "Manche sagen: Du kannst jetzt doch nicht aufhören. Du sollst mich doch noch beerdigen", erzählt sie und lacht.

Nicht am Schreibtisch, sondern bei den Menschen

Kirche war für Wiemer nie nur das, was sonntags hinter den Kirchentüren passiert. In einer Gemeinde mit sechs Dörfern und einer Kirche wollte sie mitten im Leben der Menschen sein. Sie arbeitete mit Feuerwehr und Sportverein zusammen, beteiligte sich am Weihnachtsmarkt und an der Gewerbeschau und feierte Gottesdienste gemeinsam mit den örtlichen Gruppen. Auch ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden nahm sie gerne mit hinaus aus dem Dorf: nach Frankfurt, Worms oder Trier. Sie sollten nicht nur etwas über Glauben lernen, sondern erfahren, woher die Kirche kommt, die sie aus ihrem eigenen Ort kennen.

Und Wiemer gestaltete ihren Ort mit und wurde zur "Baupfarrerin": Das alte Pfarrhaus wurde saniert, der Zugang zur Kirche verändert und der Außenbereich so gestaltet, dass Menschen nach Gottesdiensten und Jubiläen noch zusammenstehen konnten. Auch über Nachhaltigkeit dachte sie früh nach. Eine Regenwasserzisterne für den Garten wurde zunächst belächelt. Heute würde wohl niemand mehr darüber lachen.

Wenn Gemeinschaft plötzlich fehlt

Ein besonders tiefer Einschnitt war für Wiemer die Corona-Pandemie. Gottesdienste fielen aus, Gemeinschaft musste neu aufgebaut werden. Auch das Abendmahl veränderte sich: Wiemer bestellte früh Einzelkelche. Zuvor war in Freiensteinau über Jahrhunderte mit einem gemeinsamen Kelch gefeiert worden. Heute beschäftigt sie erneut die Frage, wie Kirche sich verändern kann, ohne ihre Verbindung zu den Menschen zu verlieren. Sie brachte Themen mit, die nicht immer selbstverständlich waren: Nachhaltigkeit, Klimaschutz, feministische Perspektiven und eine inklusive Sprache. Die Kirchengemeinde steht vor strukturellen Veränderungen, und manche Menschen sorgen sich, ob die Kirche im ländlichen Raum noch ausreichend präsent sein wird. Wiemer versucht, Mut zu machen: "Die Kirche bleibt."

Doch nun heißt es für sie selbst, Abschied zu nehmen, aber das Pfarrhaus soll wieder bewohnt werden. Wiemer wünscht sich, dass dort bald wieder jemand lebt. Denn ein Haus, sagt sie, müsse bewohnt werden. Es brauche Menschen, die sich darum kümmern. "Ein Haus muss gelebt werden. Es braucht diese Liebe." (mis/pm) +++


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