25.09.26 - Am Anfang stand eine Idee. Dann brauchte es Kreativität, Mut, Begeisterung und ganz viel Herzblut. Viele Stimmen. Ein Klang. Eine Geschichte. Und irgendwann, nach Monaten der Vorbereitung, wird aus einer Idee Musik und aus Musik ein Abend, der eine Kirche in Bewegung bringt.
Es ist still in der Breitenbacher Kirche, als die Geschichte beginnt. Eine jener Stille, die kurz vor einem großen Ereignis entsteht. Dann kommt der erste Ton und plötzlich ist da Johannes. Johannes der Täufer. Nicht als marmorne Figur aus einer fernen Bibelgeschichte. Nicht als Heiliger hinter Glas. Sondern als unbequemer Mensch aus Fleisch und Blut. Einer, der aneckt. Einer, der aufrüttelt. Einer, der den Finger dorthin legt, wo es wehtut.
Mehr als 100 Sängerinnen und Sänger, eine Live-Band, ein Blechbläserensemble und vier Solisten lassen an diesem Abend die Welturaufführung des Pop-Oratoriums "Johannes der Täufer" zu einem musikalischen Ereignis werden. Die Kirche in Breitenbach am Herzberg wird für 90 Minuten zur Wüste.

Mehr als 100 Sängerinnen und Sänger, eine Live-Band, ein Blechbläserensemble ...
Eine alte Geschichte bekommt einen neuen Klang
Am Anfang stand eine Idee. Hartmut Naumann hat sie in Musik verwandelt und der biblischen Geschichte von Johannes dem Täufer eine ganz eigene Sprache gegeben. Naumann zählt zu den prägenden Persönlichkeiten moderner Kirchenmusik. Pop, Gospel, Jazz und Rock sind für ihn keine Gegensätze zur christlichen Botschaft, sondern musikalische Möglichkeiten, sie neu hörbar zu machen.
Deshalb klingt Johannes an diesem Abend eben nicht nach staubiger Bibelstunde. Er klingt nach heute. Nach großen Chorpassagen und leisen Momenten. Nach Gospel und Rock. Nach Jazz und Pop. Nach Aufbruch, Zweifel und Widerstand. Dazu starke Worte, eingängige Melodien und eine Frage, die sich immer wieder zwischen den Takten versteckt: Was macht Johannes’ Botschaft eigentlich mit uns – heute?
Popkantor Matthias Weber steht dabei im Zentrum des musikalischen Geschehens. Er hält die Fäden zusammen, gibt Einsätze, bündelt Energien und führt mehr als 100 Sängerinnen und Sänger durch ein Werk, das musikalisch einiges verlangt. An seiner Seite: Ulrike Wahren als Erzählerin und Sängerin, Hartmut Naumann als Johannes, Ralf Orth als Jesus und Gunter Schmidt als Herodes. Vier Stimmen, vier Perspektiven und eine Geschichte, die sich ihren Weg durch den Kirchenraum bahnt.
Johannes – verschroben, unbequem und erstaunlich aktuell
Johannes ist kein glatt polierter Held. Eher ein verschrobener, seltsam gekleideter Typ. Einer, der wahrscheinlich schon zu seiner Zeit nicht besonders gut in die höfliche Gesellschaft gepasst hat. Einer mit klarer Kante und einer Stimme, die aus der Wüste kommt. Aber genau das macht ihn interessant. Er ruft die Menschen zu einem radikalen Neuanfang auf. Nicht irgendwann. Nicht wenn es gerade passt. Sondern jetzt.
Unbequem. Leidenschaftlich. Mutig.
Johannes ist ein Prophet, der seine Kompromisslosigkeit schließlich mit dem Leben bezahlt. Hartmut Naumann macht aus ihm keinen biblischen Superhelden. Johannes bleibt Wegbereiter. Er verweist auf einen anderen und weiß, dass es nicht um seine eigene Person geht.
"Er muss wachsen, ich aber muss mich zurücknehmen." Ein Satz, der an diesem Abend weit über die biblische Geschichte hinausweist. Denn Menschen haben sich auch 2000 Jahre später nicht grundlegend verändert. Wir richten uns ein. In Gewohnheiten. In Sicherheiten. In Ausreden. Oft auch in der Vorstellung, dass Veränderung bitte möglichst erst morgen beginnen möge. Johannes hätte dafür vermutlich wenig Verständnis gehabt.
"Friede, Freude, Eierkuchen – von wegen"
Dass ein Abend über einen Propheten nicht bierernst daherkommen muss, dafür sorgt Moderator Rainer Hess. Mit biblischem Augenzwinkern führt er durch das Programm und bringt die Geschichte immer wieder mit leichter Hand auf den Boden der Gegenwart. "Friede, Freude, Eierkuchen – von wegen", lautet eine seiner pointierten Ansagen.
Plötzlich ist klar: Dieser Johannes hat nichts mit süßlicher Wohlfühlreligion zu tun. Hier geht es um Reibung. Um die Frage, was passiert, wenn jemand den Mut hat, Dinge beim Namen zu nennen.
Herodes bekommt den Sound der Gegenwart
Besonders deutlich wird die Aktualität des Stücks in den einzelnen Liedern. Da ist etwa "Opportunist", in dem Gunter Schmidt als Herodes gemeinsam mit dem Chor musikalisch auftritt. Eine Figur zwischen Macht, Eitelkeit und Anpassung und damit erschreckend zeitgemäß.
Oder "Seid nicht so sorglos", gesungen von Ulrike Wahren und Hartmut Naumann. Ein Titel, der fast wie eine Warnung aus dem Heute klingt. Und dann "Es ist geschehen", in dem Ralf Orth gemeinsam mit dem Chor einen musikalischen Höhepunkt setzt. Die Lieder erzählen die Handlung nicht einfach nach. Sie kommentieren sie. Sie holen sie ins Heute. Irgendwann verschwimmt die Grenze zwischen damals und jetzt.
Wenn aus vielen Stimmen eine wird
Mehr als 100 Menschen auf einer Bühne – das kann beeindruckend sein. Es kann aber auch schnell laut werden. Hier passiert etwas anderes. Aus vielen Stimmen entsteht eine. Der Chor wächst mit der Musik, wird mal gewaltig und raumgreifend, dann wieder beinahe intim. Die Live-Band legt rhythmische Fundamente, das Blechbläserensemble setzt kraftvolle Akzente. Dazwischen die Solisten, die der Geschichte Gesichter und Charaktere geben.
Es sind diese Momente, in denen man plötzlich spürt, was gemeinsames Musizieren bedeuten kann. Viele Menschen atmen im selben Rhythmus. Viele Stimmen folgen einem Gedanken. Viele einzelne Geschichten werden für einen Moment zu einer einzigen. Viele Stimmen. Ein Klang. Eine Geschichte. Genau darin liegt das Geheimnis dieses Abends.
"Einfach grandios"
Auch Breitenbachs Bürgermeister Schäfer zeigt sich tief beeindruckt von der Welturaufführung. "Es war etwas ganz Besonderes für uns, diese Welturaufführung hier in Breitenbach am Herzberg erleben und gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern feiern zu dürfen", sagt der Bürgermeister. Das Ensemble habe auf eindrucksvolle Weise gezeigt, "welche Kraft entsteht, wenn musikalische Qualität, Begeisterung und gemeinsames Engagement zusammenkommen". Auch die Kirche habe ihren Teil zu diesem besonderen Abend beigetragen: "Die Akustik unseres Gotteshauses hat den großartigen Klang noch einmal ganz besonders getragen. Für Breitenbach war das ein herausragender und schlichtweg grandioser Abend."
Wenn der letzte Ton noch nicht das Ende ist
90 Minuten dauert diese musikalische Reise. 90 Minuten Johannes der Täufer. 90 Minuten Aufbruch, Zweifel, Macht, Glauben und die Frage nach Veränderung. Dann verklingt der letzte Ton. Für einen kurzen Moment bleibt diese besondere Stille. Dann bricht der Applaus los. Jubel. Bravo-Rufe. Lang anhaltender Beifall. Das Publikum erhebt sich.
Die Begeisterung gilt dem gesamten Ensemble, den Solisten, dem Chor, der Band, den Bläsern, der Musik und der Idee, aus einer uralten Geschichte etwas Gegenwärtiges entstehen zu lassen. "Wunderschön gemacht. Großartig", sagt eine Zuschauerin.
Vielleicht ist das tatsächlich die kürzeste und treffendste Zusammenfassung dieses Abends. Denn das Poporatorium macht Johannes nicht zum Denkmal. Es gibt ihm eine musikalische Stimme und diese Stimme klingt erstaunlich nah. Sie fragt nicht, ob alles bleiben kann, wie es ist. Sie fragt, ob wir bereit sind, etwas zu verändern.
Die Geschichte zieht weiter
Die Welturaufführung in Breitenbach am Herzberg ist zugleich der Auftakt für drei weitere Aufführungen. Am Freitag, 25. September, gastiert das Ensemble um 19:30 Uhr in der Kreuzkirche Eschwege. Am Samstag, 26. September, folgt um 19.30 Uhr die Stadtkirche Melsungen. Zum Abschluss ist das Poporatorium am Sonntag, 27. September, um 17 Uhr in der Stadtkirche Heringen zu erleben.
Wieder werden mehr als 100 Stimmen erklingen. Wieder wird Johannes aus der Wüste kommen. Und wieder wird er vermutlich nicht besonders bequem sein. Das ist vielleicht auch gar nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist eine andere: uns daran zu erinnern, dass Veränderung meistens dort beginnt, wo es ein wenig unbequem wird.
Am Anfang stand eine Idee
Am Ende dieses Abends geht das Publikum nicht nur mit Musik im Herzen nach Hause. Sondern auch mit dem einen oder anderen Gedanken im Kopf. Das ist vielleicht ist die schönste Wirkung eines solchen Abends. Wenn eine fast 2000 Jahre alte Geschichte plötzlich wieder etwas mit uns zu tun hat. (Jürgen Böthig) +++