30.09.26 - Kultur ist unbezahlbar. Ein schöner Satz. Einer, der auf Plakaten gut aussieht und in Festreden glänzt. Nur leider hilft er einer Autorin nicht unbedingt beim Bezahlen der Miete. Im Bad Hersfelder Buchcafé ging es deshalb um eine Frage, die im Kulturbetrieb gern etwas leiser gestellt wird: Was ist künstlerische Arbeit wert und was bleibt davon bei denen, die sie leisten?
Unter dem Titel "Wie viel Geld braucht die Kunst?" hatte der Verein für Literaturförderung Bad Hersfeld zur Podiumsdiskussion eingeladen. Auf der Bühne trafen drei unterschiedliche Perspektiven aufeinander: der Verleger und Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Sebastian Guggolz, Billy Vavken, Leiter Produktion der Bad Hersfelder Festspiele, Kulturmanager und Produzent, sowie die Bad Hersfelder Stadtschreiberin und Autorin Karen Köhler. Moderiert wurde der Abend von der Kulturjournalistin Saskia Trebing.

Auf der Bühne trafen drei unterschiedliche Perspektiven aufeinander
Schon die Zusammensetzung versprach eine interessante Gemengelage: Verlag trifft Theaterproduktion, Literatur trifft Kulturmanagement, künstlerische Freiheit trifft die nicht ganz so freie Welt der Budgets. Irgendwo dazwischen: die Kunst.
Die Kunst ist frei. Aber wer bezahlt sie?
Es ist einer dieser Sätze, die sich leicht sagen lassen: Kunst muss frei sein. Natürlich muss sie das. Nur ist Freiheit leider keine Haushaltsstelle.
Ein Theater braucht Schauspieler, Techniker, Werkstätten, Bühnenbilder, Rechte, Transport und Licht. Ein Verlag braucht Papier, Druck, Vertrieb, Lektorat und Menschen, die Bücher verkaufen. Autoren brauchen Zeit. Und Zeit ist eine der teuersten Währungen überhaupt. Kunst ist Arbeit. Arbeit möchte aber auch bezahlt werden.

Schon die Zusammensetzung versprach eine interessante Gemengelage.
Zwischen Mythos und Realität
Kunst beginnt oft romantisch. Da ist die Idee, der erste Entwurf, die Bühne im Kopf. Es gibt Begeisterung, Selbstzweifel, Scheitern, neue Versuche. Vielleicht irgendwann den Durchbruch. Aber Talent allein garantiert noch kein Einkommen. Von der eigenen künstlerischen Arbeit dauerhaft leben zu können, bleibt für viele Kulturschaffende schwierig. Nebenjobs, Teilzeitbeschäftigung und wirtschaftliche Unsicherheit gehören für viele zur Realität.
Karen Köhler machte das Problem für die Literatur besonders anschaulich. Von einem verkauften Buch bleibt bei der Autorin oder beim Autor nur ein kleiner Teil des Verkaufspreises. Nach ihrer Darstellung sind es bei einem Buch gerade einmal 30 Cent. Das lässt sich leicht weiterrechnen. 30 Cent pro Buch bedeuten: Für 3000 Euro müsste eine Autorin 10.000 Bücher verkaufen und davon wären noch längst nicht alle Kosten des Lebens bestritten. Der Bestseller-Aufkleber auf dem Buch ist deshalb noch lange kein finanzieller Rettungsring.

Es geht um die Frage, ob eine Gesellschaft es sich leisten kann, dass literarische Arbeit ...
"Ich kann es mir nicht mehr leisten"
Köhler berichtete von einer Kollegin, die irgendwann gesagt habe: "Ich glaube, ich muss aufhören zu schreiben. Ich kann es mir nicht mehr leisten." Ein Satz, der nachwirkt. Denn was passiert mit Literatur, wenn sich nur noch diejenigen das Schreiben leisten können, die über ein finanzielles Polster verfügen? Karen Köhler brachte deshalb die Idee eines Literaturfonds ins Spiel. Ein Instrument, das Autorinnen und Autoren mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit ermöglichen könnte.
Es geht dabei nicht um ein bequemes Künstlerleben auf Staatskosten. Es geht um die Frage, ob eine Gesellschaft es sich leisten kann, dass literarische Arbeit nur unter Bedingungen entsteht, die wirtschaftlich privilegierten Menschen vorbehalten sind.
Theater hat eine andere Ausgangslage
Billy Vavken brachte eine andere Perspektive in die Diskussion: die des Theaters. Eine Welt, in der die öffentliche Förderung eine deutlich größere Rolle spielt. Die Bad Hersfelder Festspiele werden vom Land Hessen seit vielen Jahren unterstützt. Hinzu kommen Bundesmittel und Sponsoring. Theater besitzt damit eine institutionelle Förderstruktur, die es in dieser Form für einzelne Schriftstellerinnen und Schriftsteller kaum gibt.
Das bedeutet keineswegs, dass Theaterproduktionen finanziell sorgenfrei wären. Im Gegenteil: Hinter einem zweistündigen Theaterabend stehen Monate der Vorbereitung, Schauspieler, Musiker, Technik, Bühnenbau, Kostüme, Werkstätten, Verwaltung, Rechte und viele weitere Arbeitsbereiche.
Vavken kennt diese Seite des Kulturbetriebs aus Erfahrung. Als Produktionsleiter steht er dort, wo Kunst auf Organisation trifft – und wo aus einer künstlerischen Idee irgendwann ein finanzierbarer Produktionsplan werden muss. Theater ist deshalb vielleicht das beste Beispiel dafür, dass Kulturförderung nicht bedeutet, Geld einfach über Kunst auszuschütten. Sie bedeutet, Strukturen zu ermöglichen, in denen Kunst überhaupt entstehen kann.
Der Markt sitzt am Tisch
Sebastian Guggolz brachte die ökonomische Seite der Diskussion deutlich ins Spiel. Als Verleger muss er davon ausgehen, dass Bücher nicht nur geschrieben, sondern auch hergestellt, vertrieben und verkauft werden müssen. Als Vorsteher des Börsenvereins vertritt er zugleich die Interessen einer gesamten Branche. Guggolz steht damit gewissermaßen zwischen Literatur und Marktwirtschaft.
Er kann sich der Logik des Marktes nicht entziehen und will es auch nicht. Ein Verlag braucht Leserinnen und Leser. Eine Buchhandlung braucht Kundschaft. Ein Buch muss seinen Weg ins Regal und aus dem Regal in die Hände eines Menschen finden. Doch genau hier liegt auch der kulturpolitische Punkt: Wenn ausschließlich das produziert wird, was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit verkauft, wird Literatur irgendwann ärmer. Denn Kunst hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie weiß nicht immer vorher, ob sie erfolgreich sein wird.
Das Publikum liebt Bekanntes. Der Markt liebt Kalkulierbares. Die Avantgarde hingegen hat die unangenehme Angewohnheit, zunächst einmal niemandem zu versprechen, dass sie funktioniert. Viele künstlerische Entwicklungen waren zu ihrer Zeit keineswegs sichere Publikumserfolge. Wenn nur noch das produziert wird, von dem man vorher weiß, dass es funktioniert, entsteht irgendwann vor allem das, was schon einmal funktioniert hat. Das ist bequem. Aber kulturell gefährlich.
Denn Kunst entsteht häufig dort, wo das Ergebnis noch nicht feststeht. Wo jemand etwas ausprobiert. Wo ein Verlag einem unbekannten Autor eine Chance gibt. Wo ein Theater einen Stoff auf die Bühne bringt, von dem niemand weiß, ob er das Publikum erreicht. Das ist Risiko. Aber Risiko ist im Kulturbetrieb ungefähr so beliebt wie ein Minuszeichen in der Bilanz.
Ort des Entdeckens
Guggolz betonte deshalb die Bedeutung von Buchhandlungen als Orte des Entdeckens. Denn eine Buchhandlung ist mehr als ein Verkaufsraum. Sie kann ein kultureller Treffpunkt sein, ein Ort, an dem Leserinnen und Leser auf Bücher stoßen, nach denen sie gar nicht gesucht haben. Man geht wegen eines Krimis hinein und kommt mit einem Roman heraus. Oder mit einem Gedichtband. Oder mit einer Idee.
Genau diese Vielfalt ist gefährdet, wenn wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass nur noch sichere Verkaufserfolge Platz bekommen. Guggolz argumentiert dabei aus dem Markt heraus für die kulturelle Bedeutung einer Branche, die vom Markt allein nicht immer leben kann. Das macht seine Position interessant: Er ist Branchenvertreter und Lobbyist der Buchbranche, aber zugleich jemand, der darauf aufmerksam macht, dass Bücher mehr sind als Waren.
Kultur ist auch Konsum
Natürlich ist Kultur ein Markt. Das muss man nicht romantisieren. Menschen kaufen Bücher, Eintrittskarten, Musik und Kunst. Sie entscheiden mit ihrem Geld darüber, was sie sehen, hören und lesen möchten. Das Publikum ist nicht nur Zuschauer. Es ist auch Kunde. Die Kunst wird dadurch nicht automatisch zur Ware. Aber sie steht in einem Spannungsverhältnis zur Ware.
Karen Köhler brachte dieses Spannungsverhältnis auf eine einfache Formel: Für einen Eisbecher seien wir mitunter bereit, mehr zu bezahlen als für das Kulturangebot. Das klingt banal. Ist aber eine ziemlich unbequeme Frage: Was ist uns Kultur tatsächlich wert, wenn wir selbst entscheiden müssen, was wir dafür ausgeben?
Der Eintritt ins Theater, das Buch, das Konzert, die Lesung – vieles erscheint teuer, solange man nur den Preis betrachtet. Was dabei leicht vergessen wird: Hinter dem Preis stehen Menschen, deren Arbeitszeit ebenfalls einen Wert hat. Der Autor. Die Schauspielerin. Der Techniker. Die Übersetzerin. Der Musiker. Die Verlegerin. Der Bühnenarbeiter. Der Kulturmanager. Der Mensch, der monatelang an einem Projekt arbeitet, das am Ende vielleicht zwei Stunden dauert.
Bildung gerät unter Druck
In der Diskussion schwang noch eine weitere Sorge mit: Bildung und kulturelle Teilhabe geraten angesichts knapper öffentlicher Kassen unter Druck. Wenn Geld knapp wird, beginnt das große Rechnen. Doch gerechnet wird nicht nur mit Euro. Es wird irgendwann auch mit Möglichkeiten gerechnet.
Mit Bibliotheken. Mit Leseförderung. Mit kultureller Bildung. Mit Literaturhäusern. Mit kleinen Buchhandlungen. Mit freien Projekten. Mit Bühnen, die nicht jeden Abend ausverkauft sind. Dabei sind gerade diese Orte oft die Stellen, an denen Menschen entdecken, dass Literatur und Kunst etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Kunst polarisiert. Sie darf das. Sie muss nicht jedem gefallen. Genau das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe.
Die Freiheit, auch einmal "Nein" zusagen
Damit wird die Frage nach der Finanzierung zur Frage nach der Freiheit. Öffentliche Förderung kann Kunst ermöglichen. Sie kann kulturelle Infrastruktur sichern und Risiken abfedern, die der Markt allein nicht tragen würde. Aber Förderung darf nicht zur Gebrauchsanweisung für Kunst werden. Denn Kunst kann widersprechen. Sie kann provozieren. Sie kann irritieren. Sie kann Fragen stellen, auf die niemand vorbereitet ist. Und manchmal gefällt sie genau deshalb jemandem nicht.
Kultur braucht Geld – aber sie braucht ebenso die Freiheit, mit diesem Geld Dinge zu tun, die Politik, Wirtschaft oder Publikum nicht unbedingt gefallen. Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht nur: Wie viel kostet Kultur? Sondern auch: Wie viel Unabhängigkeit ist uns eine freie Kultur wert?
Ein bisschen Hoffnung
Eine endgültige Antwort auf die Frage "Wie viel Geld braucht die Kunst?" gab es im Buchcafé nicht. Vielleicht kann es sie auch gar nicht geben. Kunst hat keinen festen Preis. Aber sie hat Kosten. Sie hat einen Wert, der sich nicht immer sofort bemerkbar macht.
Ein Buch kann einen Menschen zum Nachdenken bringen. Ein Theaterabend kann eine Perspektive verändern. Eine Lesung kann jemanden dazu bringen, selbst wieder zu schreiben. Ein Kind kann in einer Buchhandlung ein Buch entdecken und damit eine lebenslange Beziehung zur Literatur beginnen. Das lässt sich nicht abrechnen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Eine Gesellschaft muss Kultur nicht deshalb finanzieren, weil jede Inszenierung, jedes Buch und jedes Konzert wirtschaftlich erfolgreich ist. Sie kann Kultur finanzieren, weil eine offene Gesellschaft Räume braucht, in denen ausprobiert, widersprochen, geträumt und neu gedacht werden darf. Darin liegt die Hoffnung: dass Kunst auch in schwierigen Zeiten nicht verstummt. Dass Verlage weiterhin Bücher wagen. Dass Buchhandlungen Orte des Entdeckens bleiben. Dass das Theater nicht nur das Erwartbare auf die Bühne bringt.
Und dass sich am Ende vielleicht doch ein paar Menschen mehr fragen: Was ist mir ein Buch wert? Was ist mir ein Theaterabend wert? Was ist mir Kultur wert? Denn manchmal beginnt Kulturförderung nicht erst im Ministerium. Manchmal beginnt sie ganz einfach damit, dass jemand ein Buch kauft, eine Eintrittskarte löst und damit sagt: "Mach weiter." (Jürgen Böthig) +++