04.10.26 - "Jazz is a good barometer of freedom" - der Satz von Duke Ellington stand am Beginn eines besonderen Abends im Bad Hersfelder Johann-Sebastian-Bach-Haus. Am Ende hatte man das Gefühl, dass Jan Luley ihn nicht einfach zitiert, sondern musikalisch auf seine ganz eigene Weise beantwortet hatte.
Zum Tag der Deutschen Einheit hatte der gebürtige Hersfelder Pianist zu einem Konzert eingeladen, das mehr sein wollte als ein Abend mit gutem Jazz. "Barometer der Freiheit" hieß das Programm, veranstaltet vom Arbeitskreis für Musik. Es wurde eine musikalische Reise durch Freiheit, Demokratie und Geschichte, getragen von einem Klangteppich aus Jazz, Blues, Gospel, Swing und Improvisation und verbunden mit Texten von Martin Luther King Jr. bis Michelle Obama und Arvo Pärt. Musik und Texte über das, was Freiheit bedeutet, wenn man sie nicht erklärt, sondern spielt. Jan Luley spielte sie.
Wenn Musik eine Botschaft weiterträgt
Der musikalische Auftakt gehörte Duke Ellington. "Creole Love Call" eröffnete den Abend und legte gewissermaßen den ersten Faden dieses musikalischen Klangteppichs. Schon wenige Takte genügten, um klarzumachen: Dieser Abend würde nicht bei einer bloßen Konzertdramaturgie bleiben. Von Ellington führte die Reise zu Fats Wallers "Handful of Keys", einem Stück voller pianistischer Energie, rhythmischer Spielfreude und jener lässigen Virtuosität, die den Jazz so unmittelbar und lebendig macht.
Dann kamen die Worte hinzu. Martin Luther King Jr. brachte die große politische Dimension des Freiheitsbegriffs in den Raum. Jan Luley rezitierte die Texte selbst. Sie alle kreisten, trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Zeit, um einen gemeinsamen Gedanken: Freiheit als Kraft, die Menschen verbindet, ihnen Mut gibt und Freiheit hörbar macht.
Ein zentraler Satz von King lautete: "The freedom songs are playing a strong and vital role in our struggle. They give the people new courage and a sense of unity." Musik lässt uns diesen Gedanken nicht nur verstehen. Sie lässt uns diesen Ort erahnen. Musik als Sprache derer, die keine Stimme hatten. Duke Ellington wurde dabei zu einer Art Kompass des Abends. Für ihn war Musik eine Kraft, die Menschen verbindet, ihnen Mut gibt und Freiheit hörbar macht. Bei Ellington wird Musik zum Barometer der Freiheit. Bei Arvo Pärt wird die Stille zum Raum der Freiheit. Der eine lässt den Jazz für die Freiheit sprechen, der andere lässt zwischen den Tönen Raum dafür.
Einheit und Freiheit
Luley begrüßte sein Publikum mit jener Mischung aus Lockerheit und Selbstironie, die schnell vergessen lässt, dass hier einer der international erfahrensten Jazzpianisten der Region am Flügel sitzt. "Bestimmt ist jeder von uns heute Morgen mit Gedanken über Einheit, Freiheit und Demokratie aufgewacht, stimmt’s?", fragte er augenzwinkernd. Falls nicht, gebe es ja noch die Möglichkeit, an diesem Abend darüber nachzudenken.
Dann setzte sich Jan Luley an den Steinway. Plötzlich war die Erklärung vorbei. Die Musik übernahm. Was folgte, war kein Vortrag mit musikalischen Unterbrechungen. Luley ließ vielmehr Musik und Texte miteinander ins Gespräch kommen. Gedanken über Freiheit, Demokratie und Menschenrechte standen neben Jazz, Blues, Gospel und den improvisatorischen Möglichkeiten des Klaviers. Das Entscheidende dabei: Luley predigte Freiheit nicht. Er spielte sie.
Improvisation als demokratische Übung
Das Publikum konnte an diesem Abend hören, warum Duke Ellingtons Satz so gut zu diesem Programm passte. Jazz funktioniert nicht nach dem Prinzip des Gleichschritts. Ein Thema gibt Orientierung, aber nicht jeden einzelnen Ton vor. Der Musiker muss entscheiden. Im Augenblick. Er muss reagieren, zuhören, riskieren und Verantwortung übernehmen.
Genau darin lag die stille politische Kraft dieses Konzertes. Luleys Spiel machte hörbar, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf. Wer improvisiert, kann nicht einfach machen, was er will. Er muss das musikalische Gegenüber hören. Er muss wissen, wann der eigene Ton Raum braucht und wann es Zeit ist, zurückzutreten. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen. Auf der Bühne ebenso wie in einer demokratischen Gesellschaft.
Von New Orleans nach Bad Hersfeld
Dass Luley diese musikalische Sprache so selbstverständlich beherrscht, hat mit seiner Biografie zu tun. Mehr als 2.800 Konzerte in 18 Ländern, internationale Kooperationen, die langjährige Verbindung zur Frankfurter Barrelhouse Jazzband, seine intensive Beschäftigung mit der Musik von New Orleans und Louisiana und nicht zuletzt die Auszeichnung des Berklee College of Music für "Outstanding Musicianship" zeichnen einen Künstler aus, dessen musikalischer Radius weit über Hessen hinausreicht.
Das Bemerkenswerte ist jedoch: Bei aller internationalen Erfahrung klingt Jan Luley nicht wie jemand, der seine musikalischen Visitenkarten vor sich herträgt. Er spielt einfach. Das mit einer Selbstverständlichkeit, die technische Virtuosität nie zum Selbstzweck werden lässt. Sein musikalischer Kosmos reicht von New Orleans Jazz über Blues und Gospel bis Boogie-Woogie und Swing. Tradition ist für ihn dabei kein Museum, sondern Material, aus dem etwas Neues entstehen kann. Auch das ist eine Form von Freiheit.
Der Klang der Freiheit
Mit jedem Stück bekam dieser Gedanke eine andere Farbe. Mal tanzte die Freiheit im Rhythmus. Mal schlug sie Blueswurzeln. Mal kam sie als kraftvolle Improvisation daher.
Dann wurde es plötzlich still
Mit "Ukuaru Valss" von Arvo Pärt öffnete Luley einen völlig anderen Klangraum. Die temperamentvolle Energie des Jazz wich einer beinahe meditativen Konzentration. Einzelne Töne bekam plötzlich Gewicht. Pärt und New Orleans Jazz scheinen zunächst zwei musikalische Welten zu sein. Hier der pulsierende Rhythmus, dort die Stille. Hier Improvisation, dort Reduktion. Doch passten sie an diesem Abend erstaunlich gut zusammen. Denn Freiheit braucht nicht immer Lautstärke. Manchmal braucht sie Stille. Vor allem aber die Fähigkeit zuzuhören.
Der Jazz und seine deutsche Geschichte
Im Bach-Haus bekam diese musikalische Haltung eine zusätzliche Bedeutung. Denn Jazz hat auch eine deutsche Geschichte der Freiheit. Während der nationalsozialistischen Diktatur wurde Jazz als "entartet" und kulturell unerwünscht bekämpft. In der DDR entwickelte sich später insbesondere der Free Jazz zu einer Szene, in der musikalische Eigenständigkeit und improvisatorische Freiheit mitunter auch gesellschaftliche Bedeutung bekamen.
Die Verbindung zur Friedlichen Revolution von 1989 lag deshalb an diesem Abend nicht fern. Natürlich ist Jazz keine politische Revolution und eine improvisierte Passage kein historisches Demonstrationsplakat. Aber die Parallele war reizvoll. Die Friedliche Revolution brachte Menschen auf die Straße, die ihre Stimme erheben wollten. Der Jazz hatte seine eigene Form dafür längst gefunden. Er improvisiert.
"Baltic Blues" und die Stimmen der Gegenwart
Mit seiner Eigenkomposition "Baltic Blues" schlug Luley anschließend eine Brücke in die Gegenwart. Blues ist schließlich mehr als ein musikalisches Genre. Im Blues steckt Geschichte. Schmerz. Hoffnung. Widerstand. Die Fähigkeit, aus schwierigen Erfahrungen Kunst entstehen zu lassen. Dazu kam ein Text von Michelle Obama. Wieder trafen zwei Ebenen aufeinander: Musik und gesellschaftlicher Gedanke. Der Blues lieferte den musikalischen Boden, die Worte öffneten den Blick darüber hinaus. So entstand ein Abend, der nicht versuchte, Freiheit mit einem einzigen Begriff zu definieren. Er zeigte ihre vielen Klangfarben.
Einheit ist kein Gleichklang
Besonders stark wurde das Programm dort, wo es um den Begriff der Einheit ging. Denn was bedeutet deutsche Einheit eigentlich, wenn man sie musikalisch betrachtet? Bestimmt nicht, dass alle dasselbe spielen. "Ein Jazzensemble wäre ziemlich langweilig, wenn jedes Instrument exakt dieselbe Melodie spielen müsste", so Jan Luley.
Das Piano braucht den Bass. Der Rhythmus braucht den Freiraum. Der Solist braucht das Ensemble und das Ensemble muss dem Solisten zuhören. Einheit ist deshalb nicht Gleichklang. Freiheit ist kein Solospiel ohne Rücksicht auf die anderen. Diese Erkenntnis musste Luley nicht ausformulieren. Sie war in seinem Spiel zu hören.
Vom Blues zum großen Finale
Gegen Ende nahm der Abend noch einmal Fahrt auf. "Larry’s Groove" brachte Bewegung und Energie zurück in den Raum. Danach öffnete "On the Sunny Side of the Street" einen musikalischen Horizont, der seinem Titel alle Ehre machte. Es war einer jener Momente, in denen Jazz gleichzeitig leicht und tiefgründig sein kann.
Mit "The Dilemma" wurde es wieder nachdenklicher. Dann schloss sich der musikalische Kreis. Duke Ellingtons "Creole Love Call" kehrte als Reprise zurück. Was am Anfang wie ein musikalischer Auftakt geklungen hatte, bekam nun die Qualität einer Antwort. Der Klangteppich hatte sich geschlossen. Vom ersten Ellington-Ton bis zum letzten Nachhall war eine musikalische Erzählung entstanden: von Freiheit, Verantwortung, Erinnerung, Vielfalt und dem Mut, den eigenen Ton zu finden.
Luley bleibt Luley
Bei aller politischen und historischen Dimension blieb der Abend aber vor allem eines: ein Konzert von Jan Luley. Das war auch gut so. Denn die Botschaft funktionierte gerade deshalb, weil sie nicht über die Musik gestülpt wurde. Luley musste keinen politischen Zeigefinger auspacken. Er konnte ihn am Bühnenrand liegen lassen. Sein Instrument sagte genug.
Sein Spiel zeigte die enorme technische Sicherheit eines erfahrenen Pianisten, gleichzeitig aber auch die Lust am Risiko, am Überraschungsmoment und an der musikalischen Kommunikation. Man hörte die Freude am Groove ebenso wie die Lust an der Stille. Man hörte die Tradition und zugleich den Willen, sie weiterzudenken. Die Haltung war spürbar, ohne aufdringlich zu werden.
Ein anderer Blick auf den Feiertag
Der 3. Oktober wird häufig mit offiziellen Reden, Fahnen und historischen Rückblicken begangen. Im Bach-Haus war es diesmal anders. Hier wurde der Feiertag nicht erklärt. Hier wurde er gespielt. Auf einem Flügel. Und darin lag die besondere Stärke dieses Abends. Denn Musik kann etwas, was politische Reden nur schwer schaffen: Sie kann einen Gedanken nicht nur vermitteln, sondern fühlbar machen. Ein Rhythmus kann aufbrechen. Eine Improvisation kann überraschen. Eine Pause kann Raum schaffen. Ein einzelner Ton kann nachklingen. Ein Ensemble kann zeigen, dass Verschiedenheit kein Hindernis für Gemeinsamkeit sein muss.
Das Publikum antwortet
Immer wieder brauste Applaus auf. Nicht als höfliche Zwischenreaktion, sondern als unmittelbare Antwort auf das, was sich zwischen Bühne und Publikum entwickelte. Am Ende erhob sich das beinahe bis auf den letzten Platz gefüllte Bach-Haus zu Standing Ovations.
Es war der Moment, in dem sich der Kreis schloss. Die Musik hatte ihren Weg durch Geschichte und Gegenwart genommen, durch Jazz und Blues, durch Worte und Stille, durch Erinnerung und Improvisation. Und nun kam die Antwort nicht mehr aus dem Flügel, sondern aus dem Raum selbst: Applaus wurde zum gemeinsamen Klang. Das war genau der passendste Schluss für einen Abend über Freiheit und Einheit. Nicht ein letzter Satz. Sondern ein gemeinsamer Moment.
Das Barometer zeigt Temperatur
Duke Ellingtons Satz bekam an diesem Abend eine neue, sehr deutsche Bedeutung: "Jazz is a good barometer of freedom." Jan Luley hat dieses Barometer im Bach-Haus nicht nur aufgestellt. Er hat daran gedreht. Mal wurde es laut, mal leise. Mal temperamentvoll, mal nachdenklich. Mal verspielt, mal ernst. Mal tief im Blues verwurzelt, mal fast schwebend. Aber immer blieb da diese Freiheit des nächsten Tons.
Genau das war die schönste Botschaft zum Tag der Deutschen Einheit: Freiheit bedeutet nicht, dass alle denselben Ton spielen. Freiheit bedeutet, dass jeder seinen Ton finden darf und wir trotzdem gemeinsam Musik machen können. Demokratie klingt dann nicht nach Gleichschritt. Sie klingt nach einem Ensemble. Nach Zuhören. Nach Reaktion. Nach gegenseitigem Respekt. Nach dem Mut zum eigenen Ton. Und manchmal auch nach einem richtig guten Groove.
Ein politischer Gedanke? Natürlich. Aber einer, den Jan Luley an diesem Abend nicht mit Worten behaupten musste. Er hat ihn gespielt. Am Flügel und damit der Demokratie und Freiheit ihre eigenen musikalischen Flügel verliehen. (Jürgen Böthig) +++