Holger Marx ist seit 1. Juli im Amt als Bürgermeister von Lauterbach. - Fotos: Laura Struppe

LAUTERBACH Holger Marx seit über 100 Tagen im Amt

Schwieriger Start im Rathaus: Wie der Altstadtbrand die Stadt bis heute fordert

16.10.26 - Drei Wochen war Holger Marx als neuer Bürgermeister von Lauterbach im Amt, als es in der Innenstadt zum verheerenden Brand am Marktplatz kam. Der Großbrand und seine Folgen beschäftigten ihn und die Stadtverwaltung bis heute tagtäglich - neben den anderen Aufgaben, die als Rathauschef der Kreisstadt anstehen. Genau 107 Tage ist Marx heute im Amt. Im Interview mit OSTHESSEN|NEWS blickt er auf die ersten drei Monate zurück.

"Was mich natürlich in meiner Anfangszeit am meisten bewegt hat, war der Brand. Das war eine große Herausforderung - und ist es eigentlich immer noch. Bis zu zwei Stunden nimmt das Thema jeden Tag noch Zeit in Anspruch. Das hätte ich wirklich nicht gedacht", beginnt Marx auf die Frage, was er sich im Vorfeld leichter vorgestellt hatte, als es tatsächlich war. Angefangen damit, dass noch am selben Abend Notunterkünfte gesucht werden mussten - "die Betroffenen standen da mit kurzer Hose und T-Shirt und hatten sonst nichts, das war schon Wahnsinn", ging es weiter mit Verteilungen der Soforthilfeauszahlungen.

Der Brand wirkt nach

Der Altstadtbrand - drei Wochen nach Amtsantritt - war bislang die größte Aufgabe ...

In den nächsten Tagen und Wochen kamen weitere ToDo´s hinzu: Spendengeldvergaben - wo bislang 190.000 Euro zusammengekommen sind –, regelmäßige Abstimmungen mit Planern und Eigentümern und jetzt der Abriss zweier Gebäude. "Es soll irgendwann wieder so aussehen wie vorher. Es ist wichtig, dass das Stadtbild erhalten bleibt", bekräftigt Marx. Die Brandursache wurde bislang abschließend noch immer nicht ermittelt - "ich hoffe, dass das in den nächsten Tagen passiert, weil der Abriss ansteht. Die Fachleute müssen jetzt nochmal in eines der Gebäude rein". Im nächsten Schritt - angedacht für Dezember - soll der Marktplatz dann endlich wieder eröffnet werden. "Aktuell darf kein Auto drauf fahren - das merken die Geschäftsleute natürlich", erklärt Marx. "Wir hatten bereits einen Termin mit den Gewerbetreibenden und haben darüber gesprochen, wie wir sie unterstützen können. Für das Winter- und Weihnachtsgeschäft ist es wichtig, dass der Marktplatz wieder zugänglich ist."

Was hat die Stadt nun aus diesem Fall gelernt? Welche Schlüsse kann man daraus mit Blick auf den Brandschutz in einer historischen Stadt wie Lauterbach ziehen? "Das hat große Wellen geschlagen, auch was die Feuerwehr angeht. Unser stellvertretender Stadtbrandinspektor hat dazu bereits Vorträge gehalten. Das Thema wird jetzt neu gedacht. Der Brandschutz im Bestand ist nicht so, wie er sein sollte. Das muss man sich anschauen. Wo kann man Begehungen machen, um zu sehen, wie die Gebäude überhaupt aufgebaut sind? Sind die Häuser brandschutztechnisch auf dem aktuellen Stand? Das sind Dinge, die wir jetzt betrachten müssen. Auch seitens der Verwaltung habe ich mitgenommen, dass der Verwaltungsstab gut funktioniert hat."

Trotz all den Widrigkeiten spricht Marx von einem Riesenglück, dass nicht mehr passiert ist. "Wir konnten das Feuer so eindämmen, dass es bei den betroffenen Häusern geblieben ist. Und es ist auch nicht nachts passiert. Wenn das nachts passiert wäre, hätten wir mit Sicherheit Menschen retten müssen, die nicht rechtzeitig eigenständig herausgekommen wären."

Zwei Gebäude müssen abgerissen werden.

"Menschlich möchte ich derselbe bleiben"

Marx hat in den 100 Tagen Rathauschef schon einiges erlebt - sein berufliches Leben hat sich komplett verändert. "Ich habe vorher 25 Jahre lang auf jedem Dach gestanden. Ich kenne Lauterbach ziemlich gut. Durch meine berufliche Tätigkeit und meine Sportaktivitäten kenne ich viele Menschen, teilweise schon von klein auf. Aber als Bürgermeister wird man anders wahrgenommen. Man kann nicht mehr normal über den Marktplatz laufen oder irgendwo hingehen, ohne von den Bürgern angesprochen zu werden. Auch die Verantwortung für die Verwaltung ist für ihn eine große Veränderung. Menschlich möchte sich der Lauterbacher aber keineswegs verändern. "Ich bin jetzt nicht plötzlich Herr Marx, nur weil ich Bürgermeister bin. Das finde ich Quatsch."

Für seine Mitarbeiter hat Marx immer ein offenes Ohr: "Wenn ich ein Anliegen habe, spreche ich mit den Mitarbeitern. Ich denke, dass sie auch mehr Verantwortung bekommen haben. Das war mir von Anfang an wichtig. Ich bin ein Teamplayer, wir müssen zusammenarbeiten." Innerhalb der Verwaltung hat sich in den vergangenen drei Monaten auch viel in Sachen Digitalisierung getan. So werden Abläufe vereinfacht, Papier wird eingespart. "Das hat nichts mit meinem Vorgänger zu tun. Er hat hervorragende Arbeit geleistet und ein großes Lebenswerk geschaffen. Aber ich bin eine andere Generation und anders strukturiert."

Der Marktplatz in Lauterbach ist aktuell aufgrund der Brandruinen noch vollgesperrt. ...

"Bestehendes Niveau von Lauterbach halten"

Die größte Herausforderung steht für Marx kurz bevor: der städtische Haushalt. Komplettes Neuland für den 52-Jährigen: "Ich muss noch sehr viel lernen, das ist klar. Ich komme aus der freien Wirtschaft, aus dem Handwerk, nicht aus der Verwaltung. Das hat aber auch Vorteile, weil ich manches anders sehe." Der Haushalt wird aktuell in der Verwaltung und der Finanzabteilung aufgestellt - dennoch ist es bis zu einem genehmigungsfähigen Haushalt noch ein langer Weg. "Das wird mein Herbst", sagt und lacht Marx. Die Kosten sind bereits aufgestellt - "das wird ganz, ganz schwer. Davor habe ich Respekt". Die angespannte finanzielle Lage ist aber in Lauterbach kein Einzelfall - "für viele Städte und Kommunen werden die kommenden Jahre eine große Herausforderung." Marx hofft darauf, die Belastungen aus städtischer Sicht stemmen zu können. Dies sei momentan jedoch noch ein Blick in die Glaskugel.

Stellvertretende O|N-Redaktionsleiterin Luisa Heinz.

Denn beim städtischen Haushalt geht es nicht nur um freiwillige Leistungen, sondern auch um Pflichtaufgaben, die erfüllt werden müssen - beispielsweise das Funktionieren einer Feuerwehr. Große Programme wurden bereits über das Stadtentwicklungskonzept ISEK und die Dorfentwicklung angestoßen. "Ich habe immer gesagt, dass das eigentlich das Gebetsbuch für die nächsten zehn Jahre ist. Aber natürlich müssen wir den Eigenanteil finanzieren können." Bei der Entwicklung gehe es nämlich nicht nur um die Kernstadt, sondern auch um die Stadtteile. "Jeder Stadtteil hat sich ein Projekt ausgesucht, das umgesetzt werden soll." In Wernges entsteht beispielsweise ein Dorfplatz, in Rimlos geht es um die Gestaltung des Bereichs am Backhaus. In der Lauterbacher Innenstadt soll der Marktplatz neu strukturiert werden. Hier könnten beispielsweise Bäume und Wasserspiele entstehen - zusätzlich barrierefreie Wege. "Es wäre schade, wenn solche Projekte wegfallen würden, weil wir sie nicht finanzieren können."

Auch wenn einige Projekte im Hintergrund am Laufen sind, ist es dem Bürgermeister wichtig, den Fokus auf das Vorhandene zu legen. "Es ist wichtig, dass wir uns bewusstmachen, was Lauterbach schon alles hat. Uns geht es hier wirklich gut." Marx nennt in diesem Zuge die Kindergärten, das Krankenhaus und das Freizeitzentrum. "Mir ist es wichtig, dass wir dieses Niveau halten. (Luisa Heinz) +++


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