19.10.26 - Nach elf Jahren und 28 Tagen ist für ihn bald Schluss: Der Gießener Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (CDU) geht zum 31. Oktober in den Ruhestand. Dabei war seine Amtszeit von vielen Krisen und Herausforderungen geprägt: die Flüchtlingskrise, die Corona-Pandemie, die Ausschreitungen im Dannenröder Forst und auch der Überfall Russlands auf die Ukraine. Im Interview mit OSTHESSEN|NEWS spricht der 66-Jährige genau über diese Herausforderungen.
"Ich habe auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Oktober 2015 mein Amt angetreten", erinnert sich Ullrich. Auch die Corona-Pandemie habe die Behörde stark gefordert. "Wir hatten die Corona-Überbrückungshilfen, die uns viel Aufwand gekostet haben. Fünfeinhalb Milliarden Euro auf über 200.000 Anträge, die ausgezahlt wurden, woran wir maßgeblich beteiligt waren."

Der Gießener Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich geht zum 31. Oktober in ...Foto: Moritz Pappert
Hinzu kam die A 49, eines der wichtigen Infrastrukturprojekte der Region. Von der Freiräumung der Trasse bis zur Begleitung der Bauarbeiten war das Regierungspräsidium eng eingebunden. Trotz der zahlreichen Herausforderungen zieht Ullrich eine positive Bilanz seiner Behörde: "Ich bin froh, dass wir das Haus in den elf Jahren ohne besondere Skandale, ohne besondere schräge Geschichten als ordentliche Verwaltung durchführen konnten."

"Langweilig wird mir im Ruhestand nicht"

Auf der SteinExpo 2026 in Homberg Archivfotos: ON

Ullrich hat das Regierungspräsidium ohne besondere Skandale geführt
Dannenröder Forst und Flüchtlingskrise
Zum Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums Gießen gehört auch der Vogelsbergkreis. Dazu sagt er: "Der Vogelsberg ist der Kreis mit den meisten Windrädern hier bei uns in der Region. Und auch mit einer großen Akzeptanz für die Windkraft. Man muss sie nicht mögen, aber irgendwie muss man zum Strom kommen." Ein großes Projekt, welches auch O|N eng begleitet hat, war der Bau der A 49 und die damit verbundenen Proteste im Dannenröder Forst. Hier war das Regierungspräsidium in die Planungen und Umsetzung der Autobahn eng involviert.
"Ich bin froh, dass die A 49 in Betrieb ist. Das ist eine Entlastung für die Region", so Ullrich. Und weiter erklärt er: "Wir waren damit befasst, als es um die Räumung der Trasse ging, und hatten da auch übergreifende Zuständigkeiten für das Versammlungsrecht. Die Entscheidungen der Frage, welche Demonstrationen erlaubt oder verboten wurden, mussten bei uns im Hause getroffen werden. Anschließend waren wir mit der Ausführungsplanung befasst. Ich freue mich, dass diese Achse für Mittelhessen jetzt fertiggestellt ist."

In regelmäßigen Pressemeldungen warnte er vor illegalen Böllern Archivfoto: RP Gießen

Im Dannenröder Forst: "Ich bin froh, dass die A 49 in Betrieb ist."

Festveranstaltung zu 50 Jahre Vogelsbergkreis
Zu den heftigen Protesten macht er klar: "Ich bedauere, dass es Gruppen in unserem Land gibt, die die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. Wenn es Menschen gibt, die mit Kot von Bäumen auf Polizisten werfen, hört es bei mir auf. Man darf in Deutschland demonstrieren, für und gegen alles. Aber wenn es in den Bereich Gewalt geht, fehlt mir jegliches Verständnis dafür."
Doch schon der Amtsantritt war eine herausfordernde Zeit für Ullrich: Er fing im Oktober 2015 als Regierungspräsident an - inmitten der Flüchtlingskrise. Zuvor war er Präsident des Landgerichts Limburg. "In der Anfangsphase konnte ich mich um fast nichts anderes kümmern als die Flüchtlingskrise. Ich musste sehr schnell auf Bürgerversammlungen präsent sein und dort vor mehreren hundert Bürgern erklären, dass wir in der Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft aufmachen müssen." Für den 66-Jährigen war das keine leichte Zeit. Der Regierungspräsident sagt aber rückblickend auch: "Ich hielt es für wichtig, diese Veranstaltungen zu machen und einfach mit den Bürgern zu reden und zu erklären, was wir da machen, um uns deren Ängsten und Sorgen zu stellen."

Auf der SteinExpo in Homberg

Bei der Vorstellung des Regionalplanes

RP besucht WEA in der Rabenau

Im Tierpark Herborn
Sechs Enkel und handwerkliche Projekte statt Amtsgeschäfte
Auch wenn Ullrich auf viele erfolgreiche Projekte zurückblicken kann, gibt es eins, dass er innerhalb seiner Amtszeit nicht erfolgreich abschließen konnte. "Ich bin schon seit langem dran, für das Regierungspräsidium Gießen einen einheitlichen Standort zu bekommen. Wir sind alleine in Gießen an fünf vrschiedenen Standorten mit sieben Bürogebäuden vertreten. Das dient nicht der Effizienz." Dieses Projekt soll nun sein Nachfolger angehen - den gibt es aber noch nicht. Hier ist die Landesregierung am Zug, so bald wie möglich einen neuen Regierungspräsidenten zu ernennen - die Zeit bis zur Vakanz am 1. November wird knapp.
Für seinen Ruhestand hat Ullrich schon einige Pläne. Mit sechs Enkeln und einigen handwerklichen Projekten steht bei ihm auch in Zukunft einiges an. "Meine Töchter haben schon einige Ideen, darunter auch einen Terrassenumbau. Aber auch sonst bin ich von Fliesenlegen bis zu Elektroarbeiten breit aufgestellt - langweilig wird mir nicht", freut sich der 66-Jährige. (Moritz Pappert) +++ 