20.10.26 - Der Gemeinsame Fachausschuss Umwelt und Verkehr (GFUV) des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) tagte vom 16. bis 17. Oktober 2026 im Hotel Esperanto in Fulda. Einige Mitglieder des Fachausschusses nutzten den Aufenthalt, um sich bei einer fachkundig geleiteten Stadtführung ein Bild von den bereits umgesetzten barrierefreien Verkehrsanlagen der Stadt zu machen. Dabei prüften sie deren Alltagstauglichkeit insbesondere für blinde und sehbehinderte Menschen.
Unter der Leitung von Wendelin Mühr, bundesweit anerkanntem Fachspezialisten und ehemaligem Straßenplaner des Fuldaer Stadtplanungsamtes, erkundeten die Teilnehmenden eine rund 3,5 Kilometer lange Route. Der Rundgang führte vom Hotel Esperanto über die Magdeburger Straße, den Heinrich-von-Bibra-Platz sowie die Schloss- und Königstraße durch die historische Altstadt. Im Mittelpunkt standen die Orientierung, die Auffindbarkeit und Erkennbarkeit der Anlagen sowie die sichere Nutzung des Verkehrsraums.
Fulda galt als bundesweiter Vorreiter bei Überquerungsstellen
Ein durchweg positives Fazit zogen die Experten zu den Fuldaer Überquerungsstellen. Diese sind überwiegend in differenzierter Bauweise ausgeführt. Sie bieten blinden Menschen, die einen Langstock nutzen, eine taktil erkennbare Bordkante und ermöglichen zugleich Menschen mit Rollstuhl oder Rollator ein barrierefreies Überqueren. Wendelin Mühr erläuterte die Entwicklung dieser Bauweise und der eingesetzten Bodenindikatoren von den ersten Ansätzen im Jahr 2002 bis zum heutigen Standard. Dabei machte er deutlich, dass Fulda bei der Umsetzung dieser Lösungen bundesweit eine Vorreiterrolle eingenommen hatte.
Nachbesserungsbedarf bei Leitsystemen und digitalen Anzeigen
Bei der Begehung wurden neben positiven Eindrücken auch einzelne Aspekte deutlich, bei denen Verbesserungen möglich sind. Das tastbare Reliefmodell bietet blinden Menschen eine wertvolle Möglichkeit zur räumlichen Orientierung. Allerdings erschwert der breite, gegenüber dem Modell angeordnete Natursteinsockel das Ergreifen und Abtasten. Zudem fehlt eine direkt hinführende Leitlinie von der Querungsstelle in der Friedrichstraße.
Auch bei den Bushaltestellen mit dynamischen Fahrgastinformationssystemen (DFI) und Vorlesefunktion sieht der Ausschuss Optimierungsbedarf. Ohne ein akustisches Auffindesignal sind die Anlagen für blinde und sehbehinderte Menschen häufig schwer zu lokalisieren. Kritisiert wurde zudem der Standort einer Anlage in der Königstraße. Da sie unmittelbar im Einstiegsbereich platziert ist, schränkt sie den Bewegungsraum der Fahrgäste ein und erschwert das Ein- und Aussteigen.
Darüber hinaus kann die Anordnung technischer Bedienelemente insbesondere bei blinden und sehbehinderten Menschen zu Verwechslungen führen und die sichere Orientierung erschweren, beispielsweise im Zusammenhang mit lichtsignalisierten Querungsstellen. Zudem wurden Mängel bei der visuellen Erkennbarkeit der Displays festgestellt. Diese können auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Hörbehinderungen Barrieren darstellen.
In der Fußgängerzone wurde bemängelt, dass die Leitlinien in der Altstadt keine durchgängige Wegekette bilden. In der Marktstraße kann die taktile Orientierung aufgrund des groben Pflasters schnell verloren gehen, da die Leitstreifen nicht mehr eindeutig ertastbar sind. Auch die Abzweig- und Orientierungsfelder sind nicht schlüssig in die Wegeführung eingebunden. Lücken im taktilen Leitsystem – beispielsweise am Heinrich-von-Bibra-Platz in Richtung Schlossstraße – erschweren blinden Menschen die selbstständige Nutzung dieser Wege erheblich. Positiv fiel dagegen die gut ertastbare und durchgängige Anbindung über die Bahnhofstraße zum Bahnhof auf.
Fazit: Ganzheitliche Wegeketten sind entscheidend
Die Stadtführung verdeutlichte, dass Fulda mit seinen differenzierten Überquerungsstellen wichtige Maßstäbe gesetzt hat. Für eine umfassend barrierefreie Stadt reicht es jedoch nicht aus, einzelne Verkehrsanlagen barrierefrei zu gestalten. Entscheidend für die selbstständige Mobilität ist vielmehr die konsequente und lückenlose Verknüpfung aller Elemente zu durchgängigen Wegeketten. Die vor Ort gewonnenen Erkenntnisse liefern wertvolle Impulse, um den öffentlichen Verkehrsraum künftig noch inklusiver und für alle Menschen besser nutzbar zu gestalten. (mp/pm) +++