20.10.26 - Wenn das mal kein Abenteuer war: Nur mit einem Rucksack, einem Pappschild und einer ordentlichen Portion Mut machte sich der 20-jährige Joshua Ens aus Fulda auf den rund 2.300 Kilometer langen Heimweg von Athen in die Domstadt - und das größtenteils per Anhalter. Eigentlich hatte er ein Segelabenteuer im Mittelmeer geplant. Doch als dieses kurzfristig ins Wasser fiel, wurde daraus eine spontane Reise per Anhalter ins Ungewisse. OSTHESSEN|NEWS hat erzählt, wie er quasi mit seinem Daumen quer durch Europa kam.
Als Ens am vergangenen Mittwochmorgen in der griechischen Hauptstadt aufbricht, weiß er weder, wo er schlafen wird, noch, wer ihn mitnimmt. Nur das Ziel steht fest: Fulda. Für den angehenden Mediengestalter ist es die erste Reise dieser Art.
Wenn aus Plan B ein Abenteuer wird

Er lieh sich einen Rucksack, packte das Nötigste ein und informierte sich grob über ...Fotos: Privat
Eigentlich sollte es für Joshua gemeinsam mit einer Gruppe aus seiner Kirchengemeinde und weiteren Teilnehmern aufs Mittelmeer gehen. Geplant war ein Segel- und Leiterschaftstraining in Griechenland mit anschließender Überfahrt nach Malta, wo die Gruppe am renommierten Rolex Middle Sea Race teilnehmen wollte - einer international bekannten Hochsee-Segelregatta im Mittelmeer. Doch eine Woche vor der Abreise kam alles anders: "Das vorgesehene Segelboot erlitt einen Totalschaden. Auch der Versuch, kurzfristig eine andere Yacht für ein Training zu organisieren, scheiterte", erzählt Ens. Somit stand er vor einer ungewöhnlichen Situation.
Der Hinflug nach Athen war allerdings längst gebucht - als One-Way-Ticket. Statt einen Rückflug zu kaufen, entschied sich Ens für eine Idee, die ihn schon länger reizte: Trampen. "Ich hatte das sowieso schon mal im Kopf, mal so trampen zu gehen. Das war einfach mal eine Challenge an mich." Er lieh sich einen Rucksack, packte das Nötigste ein und informierte sich grob über mögliche Routen. Mehr Vorbereitung gab es kaum.
Ein schwieriger Start im griechischen Regen

Sein Abenteuer beginnt im Süden Athens.
Sein Abenteuer beginnt im Süden Athens. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt Ens zu einer größeren Kreuzung. Dort versucht er sein Glück - mit ausgestrecktem Daumen und einem Pappschild. Darauf steht "Chalkida", eine Stadt weiter nördlich. Auf der Rückseite das Wort "North". Doch der erste Tag entwickelt sich anders als erhofft. Zwar findet der Fuldaer mehrere Mitfahrgelegenheiten, kommt aber nur langsam voran. Hinzu kommt das Wetter: "Der Tag war echt anstrengend, weil es richtig geschüttet hat. Meine ganzen Klamotten waren nass, alles war eingeweicht, und die Pappschilder waren kaputt", erinnert er sich.
Schließlich nimmt der Fuldaer einen vierstündigen Zug nach Thessaloniki, um seine Sachen zu trocknen und etwas zu schlafen. Nachts angekommen, sucht er einen Platz zum Übernachten. Er läuft mehrere Kilometer, auch durch ein Rotlichtviertel, und legt sich schließlich auf einem Spielplatz schlafen. "Es waren auf jeden Fall schon komische Gegenden", sagt er. Große Angst habe er dennoch nicht gehabt.

Häufig muss er zu Fuß nach einem geeigneten Platz zum Trampen suchen. Als es dunkel ...
Ungewöhnliche Begegnungen und eine Nacht unter der Brücke
Ein Lastwagenfahrer gibt Ens einen Tipp: Am Hafen von Thessaloniki könne er serbische Lkw-Fahrer treffen. Am nächsten Morgen steht er um sechs Uhr dort - doch die Fahrer sind in die falsche Richtung unterwegs. Also versucht er es weiter an der Straße. Lkw-Fahrer und Lebensmittellieferanten nehmen ihn etappenweise mit. An einer Tankstelle hält sogar ein Reisebus. Ens fragt, ob er einsteigen darf, und fährt mit. So sammelt er Begegnungen, kommt aber nur langsam voran. Häufig muss er zu Fuß nach einem geeigneten Platz zum Trampen suchen. Als es dunkel wird, übernachtet er unter einer Brücke. Seiner Mutter erzählt er davon erst am nächsten Morgen per Video. "Ich habe acht Stunden einfach durchgeschlafen", berichtet der 20-Jährige. Nach den langen Fußmärschen war er erschöpft.
Mit dem Polizeiauto bis an die Grenze
Am nächsten Morgen setzt Ens seinen Weg fort. Auf einer holprigen Straße nimmt ihn ein Bauarbeiter mit. Obwohl der Mann ausschließlich Griechisch spricht, gelingt die Verständigung mithilfe von Google Übersetzer. Er setzt den Fuldaer direkt neben einer Polizeistation ab. Dort fragt Ens die Beamten nach dem besten Weg zur nordmazedonischen Grenze. Ein Polizist erklärt ihm zunächst den Weg. Doch als der 20-Jährige weiterlaufen will, ruft der Beamte ihn zurück. Gerade steht ein Schichtwechsel am Grenzposten an. Kurzerhand darf Ens im Polizeiauto mitfahren und wird direkt bis zur Grenze gebracht. Eine ungewöhnliche Mitfahrgelegenheit - doch die größte Überraschung steht ihm noch bevor.

Was er aus der Tour mitnimmt, fasst Ens im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS so zusammen: ...
Das Paar aus Bad Kissingen
An der Grenze zwischen Griechenland und Nordmazedonien legt Ens eine Pause ein, um seine Powerbanks aufzuladen. Da halten zwei Autos mit deutschen Kennzeichen. Er spricht die Reisenden an und fragt, ob sie ihn mitnehmen können. Im Gespräch erfährt er: Ein Ehepaar kommt aus Bad Kissingen, ganz in der Nähe seiner Heimat. "Ich dachte mir nur: Was für ein Zufall!" Denn die beiden nehmen ihn nicht nur ein kleines Stück mit, sondern gleich bis nach Bad Kissingen. Fast 20 Stunden fahren sie gemeinsam durch Nordmazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. "Ab da war es eigentlich schon fast zu einfach, die Reise", sagt Ens lachend. Unterwegs reden und essen sie zusammen. Genau solche Begegnungen hatte er sich erhofft. Für die letzten rund 60 Kilometer ruft er seinen älteren Bruder an, der ihn nach Fulda bringt.

Weitere Abenteuer kann sich der Fuldaer gut vorstellen: erneut per Anhalter reisen ...
Sich selbst herausfordern und Grenzen überwinden
Dass seine Eltern von der spontanen Idee zunächst nicht begeistert waren, überrascht den 20-Jährigen nicht. Schließlich hätten sie akzeptiert, dass ihr volljähriger Sohn selbst entscheiden könne. Sie versprachen ihm, für ihn zu beten. Rückblickend scherzt Ens sogar, seine Mutter habe besonders gut gebetet - schließlich sei er überraschend schnell nach Hause gekommen. Hinter dem Abenteuer steckt für den 20-Jährigen der Wunsch, eigene Grenzen zu überwinden. Sein Motto: "Einfach mal verrückte Sachen machen." Das bedeute nicht, leichtsinnig zu sein, sondern Herausforderungen bewusst anzunehmen. Auch deshalb dokumentierte er seine Reise auf Instagram: Wer seine Pläne öffentlich macht, zieht sich nicht so leicht wieder zurück.
Das nächste Abenteuer wartet schon
Was er aus der Tour mitnimmt, fasst Ens im Gespräch mit
OSTHESSEN|NEWS so zusammen: "Sich selbst besser kennenlernen, Gott besser kennenlernen und neue Menschen kennenlernen." Dabei sei er selbst gar nicht besonders extrovertiert. Gerade das Trampen habe ihn herausgefordert, auf Fremde zuzugehen. Für jeden sei diese Art zu reisen nicht geeignet. "Man muss schon einiges aushalten können." Wohl aber der Gedanke, einmal etwas Neues zu wagen.
Weitere Abenteuer kann sich der Fuldaer gut vorstellen: erneut per Anhalter reisen oder das ausgefallene Segelprojekt nachholen. Ende Januar schließt er seine Ausbildung zum Mediengestalter ab. Danach möchte er ins Ausland, Sprachen lernen und andere Kulturen entdecken. Wohin es geht, ist noch offen. Doch vielleicht ist gerade das der Punkt, der ihn an neuen Herausforderungen besonders begeistert: nicht immer schon vorher zu wissen, was einen erwartet.
(Mathias Schmidt) +++ 