26.10.26 - Gleich vier Punk-Acts haben gezeigt: Osthessen kann laut und unangenehm sein und das im besten Sinne. Die Punknacht im Jugendzentrum (JuZe) Bad Hersfeld, organisiert vom Konzertkollektiv HEF, war nämlich genau das, was man von ihr erwartet hat: energiegeladen, roh und vor allem nicht immer perfekt. Das musste sie aber auch nicht - schließlich macht das das Genre irgendwie auch aus. "Ich glaube, ich habe meinen schlechtesten Auftritt jemals gespielt. Kein Riff hat gestimmt", hieß es im Backstage. Aufgefallen ist das aber niemandem - Hauptsache, es war laut.
Für die musikalische Unterhaltung am Abend sorgten "Werratal Egal" aus dem (wer hätte es gedacht) Werratal und "Lewia" aus Erfurt mit Punk am Klavier, die als Ersatz für "Kellerloch" aus Gerstungen einsprang. Mit dabei war aber natürlich auch die "Dynamit Action Gesellschaft" aus Bad Hersfeld sowie die Band mit der wohl längsten Anreise: "Bierkenstock" aus Kassel.

Die Dynamit-Action-Gesellschaft kommt direkt aus Bad Hersfeld und existiert seit ...
Organisatorin Antonia Rösner (38) spielt selbst Schlagzeug bei der Dynamit-Action-Gesellschaft und hat sich mit OSTHESSEN|NEWS darüber unterhalten, wieso es denn eigentlich wichtig ist, dass solche Veranstaltungen abseits von Mainstream und Kommerzialisierung stattfinden. Große Unterstützung erhält das Konzertkollektiv durch den Förderverein für Kultur und Umweltbildung, an den es gebunden ist.
Erlebt der Punk in Osthessen vielleicht bald eine neue Blüte?
Pro Jahr organisiert das Kollektiv etwa zwei bis drei Konzerte sowie das Schwanenteich-Open-Air in Wildeck-Richelsdorf (ebenfalls Landkreis Hersfeld-Rotenburg). Das Ziel: die durch die Corona-Jahre etwas eingeschlafene alternative Musiksubkultur wieder aufleben lassen. Dazu gehört aber nicht nur Punk, wie die 38-Jährige erklärt. Auch Bands aus dem Metal- und Hardcore-Bereich finden ihren Platz bei den Events.
Wieso die Kultur nicht mehr so sehr blüht wie vielleicht noch in den 90ern, ist schwierig festzumachen. Ein Grund könnte sein, dass viele junge Menschen aus dem doch eher ländlich geprägten Osthessen weg in urbanere Gegenden ziehen, in denen alternativere Subkulturen intensiver gelebt werden. "Aber wir wollen ja nicht, dass Menschen weggehen, sondern dass alles wieder auflebt und denen, die noch hier sind, natürlich auch Veranstaltungen bieten", so Rösner.
Doch es scheint, als würde insbesondere die Punk-Szene wieder aufflammen. Das könne man nach Ansicht der Punk-Drummerin auch darauf zurückführen, dass in turbulenten Zeiten, in denen eine Krise die nächste jagt, Musik eine sehr gute Form des Ausdrucks von Gefühlen darstellt - auch wenn es nicht immer direkt so scheint. Klar - natürlich geht es beim Punk auch ums Trinken und um eine gewisse Anti-Haltung gegenüber der Gesellschaft. Dieser Haltung geht aber auch immer ein Unmut oder auch Unsicherheit über die eigene Zukunft voran.
Musik verbindet Jung und Alt

Antonia Rösner, Organisatorin der Punknacht und Schlagzeugerin bei "Dynamit-Action-Gesellschaft" ...
Auch wenn man es aufgrund des Namens vermuten könnte, waren nicht nur junge Fans der Punk-Musik am Abend vertreten. Das habe auch den Hintergrund, dass das "JuZe" schon seit Jahren eine Subkultur-Ikone in Bad Hersfeld sei, wie Antonia Rösner zu verstehen gibt. "Man trifft hier auch einfach immer wieder Leute, die schon seit 20 Jahren hierherkommen", so die mittlerweile 38-Jährige, die aber schon seit ihren Teenager-Jahren auf Konzerte geht und selbst tief mit der Kultur verbunden ist. "Es freut mich sehr, dass die Events so viele Menschen ansprechen", sagt Antonia Rösner. Am Samstagabend waren im JuZe etwa 75 bis 80 Menschen - für einen so kleinen Raum war es dementsprechend auch voll und die Veranstalter zeigten sich zufrieden.
Die Stimmung in Bad Hersfeld war großartig, familiär und wenn es nicht gerade extrem laut war, auch mal recht entspannt. An der Theke wurde gelacht, beim Merchandise-Stand geplaudert und im Großen und Ganzen kam es einem so vor, als würden sich alle Besucher schon immer kennen.

Helfende Hände finden sich schnell, wenn man zu Boden fällt.
Die nächste Veranstaltung des Konzertkollektivs im JuZe findet am 23. Januar 2027 statt - mit dabei ist dann eine echte Punk-Ikone aus dem Vogelsberg. "Nevermind" prägt nämlich schon seit über 30 Jahren die Szene. Die Vorfreude darf also steigen.
(Philipp Gerhard) +++ 