03.11.26 - Der Wechsel hätte ein Wagnis sein können: Nach 22 Jahren im staatlichen Schuldienst gab Franco Gargano sein Beamtenverhältnis auf und übernahm die Leitung des Bildungsunternehmens Dr. Jordan in Fulda. Seit Februar ist der 49-Jährige Direktor der privaten Bildungseinrichtung. Seine Bilanz nach den ersten Monaten fällt eindeutig aus.
Den Übergang habe er sich schwieriger vorgestellt, sagt Gargano im Redaktionsgespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Tatsächlich sei er ihm "erstaunlich leicht" gefallen. Was den Unterschied zu seiner früheren Arbeit ausmacht? "Die Freiheit", betont er.
Damit meint Gargano hauptsächlich die Möglichkeit, eigene Ideen schneller umzusetzen. Ein Beispiel ist das Fach Financial Education, also finanzielle Bildung. Gargano wollte, dass die Schülerinnen und Schüler mehr darüber lernen. Aus der Überlegung wurde ein zusätzliches Unterrichtsangebot. Der staatliche Stundenplan bleibe bestehen, hinzu kämen zwei verpflichtende Stunden, erläutert der Direktor. Im staatlichen System hätte er das nicht einfach entscheiden können, erläutert er.

Jan-Niklas Jordan, Prokurist bei Medienkontor Fulda (von links), Laura Blaski, Vorstandsassistentin ...

Jan-Niklas Jordan, Prokurist bei Medienkontor Fulda

Hendrik Urbin, Geschäftsführer Medienkontor Fulda

O|N-Redaktionsleiter Karl Kovacs
Dass seine Idee im Bildungsunternehmen auf Zustimmung stieß und bereits zum nächsten Schuljahr umgesetzt werden sollte, hat auch bei ihm zunächst ein Umdenken erfordert. "Nun geht es darum, dass das Fach ordentlich läuft." Neben Financial Education gehört das Fach Glück zu den Angeboten, mit denen die Schule über den üblichen Unterricht hinausgehen will. Dieses hat bereits sein Vorgänger auf den Weg gebracht.

Wolfgang Dippel, Professor und Mitglied im Vorstand des Bildungsunternehmens Dr. ...
Die größere Freiheit bedeutet allerdings nicht, dass die Privatschule ohne Vorgaben arbeitet. Ihre Abschlüsse sind staatlich anerkannt. Entsprechend müsse sie die formalen Anforderungen erfüllen und Prüfungen nach den geltenden Regeln abhalten, betont Gargano. Innerhalb dieses Rahmens seien die Entscheidungswege aber kurz.
Geholfen hat ihm beim Einstieg eine Struktur, die Dr. Jordan über Jahrzehnte aufgebaut hat. Das Bildungsunternehmen verfügt unter anderem über eine eigene Buchhaltung, eine Rechtsabteilung und eine PR‑Abteilung. Er habe einen großen mittelständischen Betrieb vorgefunden, dessen Abläufe er zunächst habe kennenlernen müssen.

Franco Gargano und Laura Blaski vom Bildungsunternehmen Dr. Jordan
Für Gargano kommen in der neuen Aufgabe zwei Teile seines Berufswegs zusammen. Er hat Betriebswirtschaftslehre studiert, ist Diplom-Kaufmann und wollte ursprünglich Steuerberater werden. Über einen Quereinstieg und das Referendariat in Baden-Württemberg kam er in den Schuldienst. Später unterrichtete er 14 Jahre an der Richard-Müller-Schule in Fulda und stieg dort zum stellvertretenden Schulleiter auf. 2023 wechselte er in gleicher Funktion an die Eduard-Stieler-Schule. "Das Interesse an wirtschaftlichen Fragen ist immer da gewesen", sagt er.
Bei aller Begeisterung für die neue Aufgabe gab es auch Momente, in denen er sich fragte, ob die Pläne aufgehen würden. Etwa bei der Frage, wie sich angesichts des Schülerzulaufs genügend Räume bereitstellen lassen. Die Möglichkeit, zusätzliche Flächen im Konzepthaus Karl anzumieten und dort Klassenräume zu schaffen, hat schließlich eine Lösung eröffnet.
Die Herausforderungen im Schulalltag beschränken sich allerdings nicht auf Unterricht und Räume. "Junge Menschen bringen zunehmend Probleme mit, die sie psychisch belasten", berichtet Gargano. Dazu zählt er auch Belastungen durch Handynutzung und Cybermobbing. "Diese Probleme gibt es an einer privaten Schule ebenso wie im staatlichen System."
Nach seiner Einschätzung sind solche Probleme bei der eigenen Schülerschaft aber weniger häufig. Dennoch muss die Schule damit umgehen. In Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe gibt es jeweils eigene sozialpädagogische Ansprechpartner. Gargano: "Die Probleme eines siebenjährigen Kindes sind schließlich andere als die eines Jugendlichen oder jungen Erwachsenen."
Wie wichtig Unterstützung sein kann, weiß Gargano aus seiner eigenen Schulzeit. Seine Eltern kamen aus Italien und arbeiteten in den Gummiwerken. Er selbst besuchte zunächst die Hauptschule, machte später über die Berufsfachschule die Mittlere Reife und am beruflichen Gymnasium das Abitur. Anschließend studierte er in Passau und Mainz. "Ich bin der Erste in unserer Familie, der studiert hat", sagt er.
"Meine Eltern konnten bei den schulischen Aufgaben nicht helfen. Sie unterstützten mich aber, wo sie konnten", erinnert sich der 49‑Jährige. Zugleich habe er Lehrkräfte erlebt, die ihm zugewandt waren und seine Entwicklung förderten.
Gargano weiter: "Es ist korrekt, dass die Herkunft den Bildungsweg beeinflusst." Gerade deshalb müsse die Schule unterstützen. Seinen eigenen Werdegang versteht er als Beispiel dafür, welche Möglichkeiten ein durchlässiges Schulsystem bieten kann. Dazu brauche es aus seiner Sicht mehrere Dinge: "eine Schule, die fördert, Eltern, die nach ihren Möglichkeiten unterstützen, und junge Menschen, die selbst bereit sind, etwas für ihren Weg zu tun." (Karl Kovacs) +++ 