30.10.26 - Auf ihrem Schreibtisch steht stets ein frischer Blumenstrauß – ein vertrautes Bild, das Kolleginnen, Kollegen und Patienten über anderthalb Jahrzehnte hinweg begleitet hat. Dieses Arrangement war über anderthalb Jahrzehnte hinweg ein vertrautes Markenzeichen – ein stilles Symbol für Wärme und Beständigkeit inmitten eines oft fordernden klinischen Alltags. Die 67-jährige Nierenspezialistin blickt auf eine eindrucksvolle Karriere zurück, die weit über die Grenzen Osthessens hinausreicht – geprägt von wissenschaftlicher Exzellenz, gesundheitspolitischem Einfluss und einer außergewöhnlich engen Bindung zu ihren Patienten.

Im gemeinsamen Gespräch durften wir von OSTHESSEN|NEWS die Medizinerin persönlich ...

Eines ihrer Markenzeichen: ein wunderschöner Blumenstrauß auf dem Schreibtisch. ...
Weichenstellung in Gießen und wissenschaftliche Meilensteine
Das Fundament für ihren Werdegang legte Marion Haubitz an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium in ihrer Geburtsstadt Bad Nauheim. Früh reifte dort der Entschluss, Humanmedizin zu studieren. Während ihrer Studienjahre an der Justus-Liebig-Universität Gießen prägte sie vor allem ein engagierter Professor, der ihr zum fachlichen wie menschlichen Vorbild wurde. Ein Schlüsselmoment ereignete sich im Hörsaal: Die Demonstration eines Dialysegeräts weckte ihre Faszination für die Nephrologie – jenes hochkomplexe Teilgebiet der inneren Medizin, das sich mit den Funktionen und Erkrankungen der Niere befasst. Ihre Promotion über Autoimmunerkrankungen, bei denen das körpereigene Abwehrsystem fälschlicherweise gesunde Gewebe angreift, besiegelte schließlich diese Spezialisierung.
In den darauffolgenden Forschungs- und Berufsjahren erwarb sich Haubitz internationale Anerkennung. Prägend war unter anderem die Zusammenarbeit mit Dr. Charles Dinarello aus Boston, einem Pionier der Zytokinforschung, dessen Arbeiten wesentlich dazu beitrugen, die Verträglichkeit von Dialysebehandlungen in Deutschland entscheidend zu verbessern.

"Fulda und das Klinikum sind mit einer großen nephrologischen Abteilung attraktiv." ...Archivfoto: O|N/ Moritz Pappert
Stimme im Sachverständigenrat: Engagement für das Gesamtsystem
Haubitz verstand ihren ärztlichen Auftrag jedoch nie als reine Labortätigkeit oder rein bettenbezogene Versorgung. Ihr Bestreben galt stets auch den strukturellen Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens. Als berufenes Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) analysierte sie über Jahre hinweg Schwachstellen in den Versorgungsstrukturen und erarbeitete Handlungsempfehlungen für die Bundespolitik und das Parlament.
Viele der Themen, für die sie sich damals einsetzte, besitzen bis heute ungebrochene Dringlichkeit: die drohende medizinische Unterversorgung im ländlichen Raum sowie die zukunftssichere Neuordnung der Notfallversorgung. Insbesondere das Konzept integrierter Notfallzentren, die organisatorisch und finanziell auf soliden Füßen stehen, trieb sie maßgeblich voran – eine Baustelle, an der die Gesundheitspolitik bundesweit bis heute arbeitet.
Ruf nach Fulda: Ausbau eines nephrologischen Zentrums
Nach ihrer Zeit als leitende Oberärztin an der renommierten Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entschied sich Haubitz für den Wechsel nach Osthessen. Als die Stelle der Klinikdirektion in Fulda ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich erfolgreich und trat ihren Dienst am 1. Januar 2011 an. Eine Entscheidung, die sie bis heute uneingeschränkt bekräftigt: Das Klinikum bot mit seiner bereits etablierten nephrologischen Abteilung exzellente Voraussetzungen und ein für Krankenhäuser dieser Größenordnung außergewöhnlich breites Behandlungsspektrum. Dazu gehört nicht zuletzt ein spezialisierter nephrologischer Notdienst, der an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr einsatzbereit ist.

In ihrer gesamten Laufbahn hat die Nephrologin eine Menge erreicht.
Dass fachliche Exzellenz und menschliche Zuwendung eng zusammengehören, zeigte sich rasch auch am Patientenaufkommen: Zahlreiche Patientinnen und Patienten nahmen nach Haubitz’ Wechsel bewusst den weiten Weg aus Hannover und Norddeutschland auf sich, um weiterhin in Fulda von ihr betreut zu werden. Für die Ärztin war dies nicht allein ihr persönlicher Verdienst als vielmehr auch ein Beleg für den hohen Qualitätsstandard des gesamten Fuldaer Hauses und für den unschätzbaren Wert einer langfristigen Arzt-Patienten-Beziehung. Manche chronisch Nierenkranke begleitete sie über mehr als 30 Jahre hinweg durch kritische Phasen, darunter Frauen, die trotz schwerer Vorerkrankungen und dank engmaschiger Betreuung gesunde Kinder zur Welt bringen konnten.
Zwischen medizinischen Wundern und schmerzhaften Grenzen
Die Erinnerungen an die vergangenen 16 Jahre sind reich an berührenden Begegnungen. Haubitz erinnert sich an dramatische Familienschicksale wie jene Lebendspende, bei der zeitgleich beide Elternteile im Operationssaal lagen, während die Kinder auf dem Flur bange auf Nachrichten warteten – mit glücklichem Ausgang. In einem anderen Fall zeigten Geschwisterkinder eine bewegende Solidarität: In einer vierköpfigen Familie litten zwei Kinder an Zystennieren; die beiden gesunden Geschwister boten von sich aus an, im Ernstfall eine Niere zu spenden. Ebenso in Erinnerung geblieben ist ihr ein Patient mit schweren neurologischen Lähmungen, der dank einer speziell abgestimmten immunologischen Therapie wieder so weit genesen ist, dass er sein geliebtes Schlagzeugspiel wieder aufnehmen konnte.

Während ihrer fast 16 Jahre am Klinikum Fulda sind ihr so einige Geschichten in Erinnerung ...

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickt sie auf ihre Verabschiedung am ...
Doch Haubitz verschweigt auch die Schattenseiten des Berufs nicht. Es gehöre zur bitteren Realität eines Maximalversorgers, mit Behandlungsverläufen konfrontiert zu sein, die trotz aller Anstrengungen nicht den erhofften Ausgang nehmen. Angehörigen in solchen Momenten beizustehen und zu vermitteln, dass manche Krankheitsverläufe schicksalhaft und ohne individuelles Verschulden verlaufen, bezeichnet sie rückblickend als die schwerste Aufgabe ärztlichen Handelns.
Teamgeist als Fundament und ein lachendes sowie weinendes Auge
Wenn Dr. Haubitz über den Erfolg ihrer Klinik spricht, rückt sie stets das Team in den Mittelpunkt: von den Pflegekräften auf den Stationen und der Dialyseabteilung über die Assistenz- und Fachärzte bis hin zu den Mitarbeiterinnen im Sekretariat. Medizinische Spitzenleistung, so ihr Credo, sei niemals das Werk von Einzelkämpfern, sondern stets das Ergebnis reibungsloser interdisziplinärer Zusammenarbeit. In diesem Sinne schätzt sie auch den Standort des Klinikums Fulda, das einst mit Weitblick "mitten auf der grünen Wiese" errichtet wurde und heute optimale räumliche und technische Möglichkeiten bietet.
Bis zur offiziellen Benennung der Nachfolge wird der leitende Oberarzt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Benöhr die Klinik für Nephrologie bis Februar kommissarisch leiten. Haubitz weiß ihr Lebenswerk damit in erfahrenen Händen.

Mit Priv.-Doz. Dr. med. Peter Benöhr, leitendem Oberarzt, als kommissarischem Leiter ...
Ausblick auf den Ruhestand: Familie, Ehrenamt und Brauchtum
Der Abschied fällt der engagierten Ärztin sichtlich schwer. Mit einem Schmunzeln bemerkt sie, sie würde gerne noch einmal 30 sein, um mit dem heutigen Erfahrungsschatz und dem medizinischen Fortschritt weiterarbeiten zu können. Nun jedoch rückt das Privatleben in den Vordergrund: Seit vier Jahrzehnten ist sie verheiratet, das Paar hat zwei erwachsene Kinder und freut sich in Kürze auf die Ankunft des vierten Enkelkindes. Neben familiären Aufgaben engagiert sich Haubitz bereits ehrenamtlich für hilfsbedürftige Menschen.
Der Domstadt und Osthessen ganz den Rücken kehren wird sie keineswegs: Die Verbundenheit bleibt bestehen – und auch für den regionalen Humor ist gesorgt. Nach einer augenzwinkernden Einladung aus den Reihen des Aufsichtsrats steht bereits fest, dass man Marion Haubitz künftig wohl auch beim Fuldaer Karneval antreffen wird. (mis) +++