28.10.26 - Es war eine ganz besondere Premiere, die die etwa 250 Gäste an diesem Abend im Kurhaus Wiesbaden begleiten durften: Erstmals wurde der Verfassungspreis des Landes Hessen verliehen. Landtagspräsidentin Astrid Wallmann ehrte die Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und den Künstler Gunter Demnig für ihr herausragendes Engagement für die Demokratie.
"Sie sind Vordenker auf ihrem jeweiligen Feld, die vorbildhaft den Geist der hessischen Verfassung in das Hier und Jetzt transportieren und damit an den Pioniergeist der Mütter und Väter der Landesverfassung anknüpfen", sagte Wallmann, "Der neu gestiftete Verfassungspreis soll das lebendige Erbe der Verfassung in die Gegenwart und Zukunft überführen und diejenigen ehren, die unsere Demokratie stärken und weiterentwickeln."

Die Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim.
"Nguyen-Kim stärkt das Vertrauen in Wissenschaft und Journalismus"
In ihrer Laudatio lobte die Parlamentspräsidentin die journalistische Arbeit von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim in einer herausfordernden medialen Umgebung: "Angesichts von Falschmeldungen, Desinformation und KI-generierten Bildern fällt es zunehmend schwerer, Fakten von Behauptungen und Wahrheit von Lügen zu unterscheiden. Diese Entwicklung hat weitreichende gesellschaftliche und politische Folgen und gefährdet unsere Demokratie. Mit ihrer Arbeit als Wissenschaftsjournalistin wirkt Dr. Mai Thi Nguyen-Kim dieser Tendenz wirkungsvoll entgegen, indem sie auf wissenschaftliche Expertise, fundierte Recherchen und verständliche Erklärungen für komplexe Zusammenhänge setzt." Durch ihre innovative Art der Wissensvermittlung leiste sie einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Vertrauens in Wissenschaft und Journalismus und belege eindrucksvoll, wie sich mit ansprechenden Inhalten positive Reichweite in den neuen Medien erzeugen lasse, um diese für zuversichtliche Visionen für die Gesellschaft zu nutzen.

Der Alsfelder Künstler Gunter Demnig. Archivfoto: O|N/ Hans-Hubertus Braune
"Demnigs Stolpersteine sind ein bleibendes Mahnmal, das aufruft, hinzuschauen"
Mit Blick auf Preisträger Gunter Demnig betonte Astrid Wallmann den zentralen Stellenwert der Erinnerungskultur für Deutschland: "Das Erinnern bildet eine Brücke, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Was wir erinnern und wie wir es erinnern, prägt unser Selbstverständnis und unseren Blick auf die Welt und beeinflusst, welche Werte wir hochhalten und wie wir handeln. Der Künstler Gunter Demnig aktiviert diese Prozesse für das namentliche Gedenken: Seine Stolpersteine tragen die Namen der Opfer, holen sie aus der Anonymität und geben ihnen so ein Stück ihrer Identität zurück." Die Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur dürfe niemals an den Rand gedrängt werden, wie derzeit mancherorts gefordert werde – weder räumlich noch im übertragenen Sinne. Gunter Demnig habe die Räume für das Gedenken gesellschaftlich erweitert und das Wissen um die nationalsozialistischen Verbrechen im Bewusstsein der Menschen verankert. "Er hat ein bleibendes Mahnmal für die nachkommenden Generationen geschaffen, das dazu aufruft, hinzuschauen und zu handeln, wenn Unrecht im eigenen Umfeld geschieht."

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein. Archivfoto: O|N/ Carina Jirsch
Boris Rhein: "Demokratie braucht Vorbilder"
Ministerpräsident Boris Rhein sagte bei der Verleihung im Wiesbadener Kurhaus: "Seit 80 Jahren bildet die Hessische Verfassung das Fundament unserer lebendigen Demokratie. Doch selbst das stabilste Fundament trägt nur dann, wenn es Menschen gibt, die es stärken und verteidigen. Es reicht nicht, Werte festzuschreiben. Sie müssen unsere Haltung und unser tägliches Handeln prägen."
Der Ministerpräsident fügte hinzu: "Jede Generation braucht Menschen, die für die Werte der Verfassung eintreten, Fakten gegen Desinformation verteidigen und die Erinnerung an die Vergangenheit wachhalten. Der neue Hessische Verfassungspreis würdigt diesen Einsatz für unsere Demokratie." Die beiden Preisträger wurden mit einer eigens kreierten Bronzeskulptur des weltweit renommierten Kasseler Bildhauers Stephan Balkenhol sowie einer Urkunde ausgezeichnet. Andrea Kiewel führte durch den Abend, für dessen musikalischen Rahmen die Sängerin Yvonne Catterfeld sorgte.
Stimmen der Preisträger 2026
Die gebürtige Heppenheimerin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim sagte zur Auszeichnung: "Demokratie braucht eine gemeinsame Basis auf deren Grundlage Meinungsbildung und -austausch stattfinden. Wissenschaft und Forschung leisten daher einen essenziellen Beitrag für demokratische Gesellschaften. Ich freue mich sehr, dass der Verfassungspreis des Landes Hessen dies anerkennt und ein sichtbares Zeichen setzt."
Freude über die Auszeichnung, auch wenn der Grund für die Arbeit ein äußerst trauriger sei, so empfand Gunter Demnig aus Alsfeld die Ehrung. "Niemals habe ich zu Beginn der Stolpersteine 1996 mit einem so großen Interesse gerechnet. Ich bin von ein paar Hundert Steinen ausgegangen, nun sind es bereits 126.000. Jeder Stein bietet einen Ort der Erinnerung für die Angehörigen, die in der Regel keine Gräber haben, zu denen sie gehen können. Darüber hinaus bin ich dankbar, dass gerade junge Menschen durch die Stolpersteine einen ganz neuen, lebensnahen Bezug zur Geschichte erfahren können."

Landtagspräsidentin Astrid Wallmann. Archivfoto: O|N/ Hendrik Urbin
Über den Verfassungspreis des Landes Hessen
Landtagspräsidentin Astrid Wallmann stiftete den Preis anlässlich des 80. Verfassungsjubiläums: "Mit dem Verfassungspreis möchten wir an den Pioniergeist jener Parlamentsmitglieder anknüpfen, die damals eine Verfassung schufen, die bis heute gilt und die zugleich eine wichtige Grundlage für die Ausgestaltung des deutschen Grundgesetzes war." Die Hessische Verfassung ist die älteste Landesverfassung Deutschlands, die noch in Kraft ist. Die erste Preisverleihung fand am Vorabend des Tages statt, an dem die Hessische Verfassung 1946 durch die damalige Landesversammlung beschlossen wurde.
Künftig soll der Preis alle fünf Jahre jeweils zu einem runden oder halbrunden Jubiläum der Hessischen Verfassung vergeben werden und wird gemäß dem zugrunde liegenden Stiftungserlass "in der Regel jeweils zwei Personen des öffentlichen Lebens aus dem In- oder Ausland zuteilwerden, die sich als Vordenker und Wegbereiter um wichtige Impulse für die Stärkung und Weiterentwicklung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, des Föderalismus, des Rechtsstaates oder des demokratischen Gemeinwesens verdient gemacht haben". (js/pm)+++