04.11.26 - Ein Tier in Not, mehrere Hundert Kilogramm Gewicht und eine Lage, in der jeder Handgriff sitzen muss: Die Rettung von Pferden und anderen Großtieren verlangt von Feuerwehren technisches Können, Ruhe und ein abgestimmtes Vorgehen. Bei einem Seminartag in Herbstein beschäftigten sich Einsatzkräfte aus mehreren Kommunen des Vogelsbergkreises mit diesen besonderen Anforderungen. Auf dem Programm standen theoretische Grundlagen ebenso wie praktische Übungen an zwei Pferde-Dummys.
Ein Pferd ist in einen Graben gestürzt. Ein Rind steckt in einem Stall fest. Oder ein schweres Tier muss nach einem Unfall aus einem Gefahrenbereich gebracht werden. Situationen wie diese stellen Einsatzkräfte vor Aufgaben, bei denen technische Hilfeleistung und der verantwortungsvolle Umgang mit einem Lebewesen unmittelbar aufeinandertreffen.
Gerade im ländlich geprägten Vogelsbergkreis, wo Landwirtschaft und Tierhaltung zum Alltag gehören, müssen sich die Feuerwehren auch auf solche besonderen Einsatzlagen einstellen. Um ihre Kenntnisse zu vertiefen und den Umgang mit spezieller Rettungstechnik zu üben, kamen Angehörige der Feuerwehren Herbstein, Lanzenhain, Schwalmtal, Schotten und Grebenhain zu einem gemeinsamen Seminartag an der Feuerwache Herbstein zusammen.
Mit dabei waren Herbsteins Stadtbrandinspektor Bernhard Christen und sein Stellvertreter Steffen Jöckel. Durch den theoretischen und praktischen Teil des Programms begleitete unter anderem Hannah Döring aus dem Team der Großtierrettung. Im praktischen Teil unterstützte außerdem Heiko Steuernagel, Gemeindebrandinspektor der Gemeinde Schwalmtal und Hauptverantwortlicher für den dort stationierten Unimog.
Eine Präsentation vermittelte zunächst die theoretischen Grundlagen, bevor die Teilnehmenden das Gelernte auf dem Gelände der Feuerwache praktisch umsetzen konnten.
Ruhe und Sicherheit als Grundlage
Ein Pferd oder Rind kann mehrere Hundert Kilogramm wiegen. Ist ein Tier verletzt, verängstigt oder in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, kann es unvorhersehbar reagieren. Für die Einsatzkräfte entstehen dadurch besondere Gefahren. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, die Situation für das Tier nicht weiter zu verschlimmern.
Die Schulung sensibilisierte die Teilnehmenden dafür, eine solche Lage zunächst sorgfältig einzuschätzen und anschließend ruhig und abgestimmt vorzugehen. Dazu gehört, Gefahren für Mensch und Tier zu erkennen, die vorhandenen Möglichkeiten zu beurteilen und die nächsten Schritte innerhalb der Mannschaft klar zu besprechen.
Auch Tierhalterinnen und Tierhalter sowie tierärztliches Personal können wichtige Partner sein, wenn es darum geht, das Verhalten und den Zustand eines Tieres einzuschätzen und das weitere Vorgehen abzustimmen. Welche Rettungstechnik geeignet ist, hängt dabei immer von der jeweiligen Situation vor Ort ab.
Vom Rettungssatz bis zur Bergung
Nach dem theoretischen Unterricht stand die praktische Ausbildung auf dem Programm. An zwei Pferde-Dummys konnten die Einsatzkräfte verschiedene Handgriffe erproben und den Umgang mit dem Rettungssatz Großtierrettung kennenlernen.
Im Mittelpunkt standen das Anlegen der für die Tierrettung vorgesehenen Gurte und Hebemittel sowie das gesicherte Ziehen und Bergen mit geeigneten Hilfsmitteln und Rettungsplatten. Die Übungsmodelle boten die Möglichkeit, Abläufe in Ruhe durchzugehen und das Zusammenspiel innerhalb der Mannschaft zu trainieren.
Dabei wurde deutlich, wie eng die einzelnen Arbeitsschritte miteinander verbunden sind: Das Material muss vorbereitet, die Rettungsmittel müssen sorgfältig angelegt und jede Bewegung zwischen den Beteiligten abgestimmt werden. Die Übungen helfen dabei, die Technik kennenzulernen und im Einsatz besonnen handeln zu können.
Auch die Möglichkeiten einer Rettung mithilfe des Fahrzeugkrans wurden am Dummy veranschaulicht. Hebemittel, Anschlagmittel und Kran bilden dabei ein technisches System, dessen Einsatz eine sorgfältige Vorbereitung und entsprechend geschulte Kräfte erfordert.
Spezialtechnik für unterschiedliche Einsatzlagen
Ein besonderes Augenmerk galt dem Fahrzeug der Feuerwehr Schwalmtal: dem in Brauerschwend stationierten Gerätewagen Logistik Katastrophenschutz, kurz GW-L KatS. Der geländegängige Unimog U 5023 ist für unterschiedliche Einsatzlagen ausgelegt und kann mit wechselbaren Modulen ausgestattet werden. Dazu gehören Ausrüstungen für Vegetationsbrände, Hochwasser und Evakuierungen.
Sein Kran und die zusätzliche Spezialausrüstung eröffnen auch bei der Großtierrettung weitere Möglichkeiten. Der Kreisfeuerwehrverband Vogelsberg hat für diesen Aufgabenbereich den Rettungssatz Großtierrettung zur Verfügung gestellt und damit die technische Ausstattung im Kreis ergänzt.
So steht für eine Region, in der Großtiere Teil des landwirtschaftlichen und alltäglichen Lebens sind, Spezialgerät zur Verfügung. Das Fahrzeug kann die örtlich zuständigen Feuerwehren bei entsprechenden Lagen unterstützen. Wie das Zusammenspiel von Ausrüstung und Mannschaft funktioniert, konnten die Teilnehmenden beim Seminartag unmittelbar kennenlernen.
Gemeinsam auf besondere Einsatzlagen vorbereitet
Die Ausbildung in Herbstein brachte Feuerwehrangehörige aus verschiedenen Kommunen zusammen. Sie lernten das Spezialgerät kennen, erprobten praktische Handgriffe und vertieften ihr Verständnis für eine Einsatzlage, die Fachwissen und eine enge Zusammenarbeit verlangt.
Gerade bei seltenen und komplexen Situationen ist eine gemeinsame Vorbereitung wichtig. Wenn örtliche Kräfte und überörtliche Einheiten mit Spezialausrüstung im Ernstfall zusammentreffen, helfen vertraute Abläufe und klare Absprachen dabei, die vorhandenen Möglichkeiten sicher einzusetzen.
Der Seminartag zeigte, dass Großtierrettung weit über das Bewegen eines schweren Tieres hinausgeht. Sie verbindet technische Hilfeleistung mit Umsicht, Fachkenntnis und Verantwortung – für die Einsatzkräfte ebenso wie für das Tier, dem geholfen werden soll. (Philipp Stock)+++