04.11.26 - Der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing fordert Papst Leo XIV. auf, die systemischen Ursachen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche eindeutig anzuerkennen. In einem Standpunkt auf der Website des Bistums Limburg zeigt er sich irritiert über Äußerungen des Papstes und warnt davor, wissenschaftlich belegte Erkenntnisse zur Missbrauchsaufarbeitung zu relativieren. "Die Frage nach systemischen Ursachen ist keine sprachliche Spitzfindigkeit. Sie entscheidet darüber, ob wir die richtigen Konsequenzen aus den Verbrechen der Vergangenheit ziehen", schreibt Bätzing. Wer Missbrauch wirksam verhindern wolle, müsse nicht nur Täter zur Verantwortung ziehen, sondern auch jene kirchlichen Strukturen verändern, die Missbrauch begünstigt und dessen Vertuschung ermöglicht hätten.
Anlass für die Positionierung sind Aussagen von Papst Leo XIV. auf dem Rückflug von seiner Frankreichreise Ende September. Auf die Frage nach dem systemischen Charakter sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche erklärte der Papst, er bevorzuge eine andere Formulierung. Er habe von bestimmten Organisationen innerhalb der Kirche gesprochen, die zeitweise als System missbräuchlich gehandelt hätten. Zugleich bezeichnete er sexuellen Missbrauch als "in erster Linie ein menschliches Problem".
Bätzing hält diese Formulierung für unzureichend und in ihren möglichen Konsequenzen für höchst problematisch. Zwar komme sexueller Missbrauch auch außerhalb der Kirche vor. Entscheidend sei jedoch, die spezifischen kirchlichen Bedingungen zu erkennen, die solche Verbrechen begünstigt hätten.

Archivfotos: O|N
Wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen
Der Limburger Bischof verweist auf die 2018 veröffentlichte MHG-Studie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellt wurde. Diese habe deutlich gemacht, dass sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche nicht allein auf individuelles Fehlverhalten zurückgeführt werden könne. Zu den begünstigenden Faktoren gehörten unter anderem Klerikalismus, asymmetrische Machtverhältnisse, die sakrale Überhöhung priesterlicher Autorität und eine institutionelle Kultur, in der der Schutz des Ansehens der Kirche vielfach über den Schutz Betroffener gestellt worden sei.
Für Bätzing folgt daraus eine grundlegende Verpflichtung: Die Kirche müsse nicht nur individuelles Fehlverhalten verfolgen, sondern auch ihre eigenen Macht- und Verantwortungsstrukturen kritisch überprüfen und verändern. Dazu gehörten verbindliche Rechenschaftspflichten, transparente Entscheidungsprozesse und wirksame, möglichst unabhängige Kontrollen.
Veränderungen müssen konkret werden
In seinem Standpunkt verweist Bätzing auf den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland und das Limburger Projekt "Betroffene hören – Missbrauch verhindern". Beide hätten sich intensiv mit den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Aufarbeitung auseinandergesetzt und notwendige strukturelle Veränderungen in den Blick genommen.
Auch der am 2. November 2026 veröffentlichte Compliance-Bericht 2025 des Bistums Limburg dokumentiere die Weiterentwicklung von Kontroll- und Verantwortungsstrukturen sowie Maßnahmen zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt. Zugleich betont der Bischof, dass die Kirche bei diesem Veränderungsprozess noch längst nicht am Ziel sei. Ein grundlegender Kulturwandel verlange mehr als neue Regelwerke. Entscheidend sei die Bereitschaft, Macht zu teilen, das eigene Handeln überprüfen zu lassen und Verantwortung konsequent einzufordern.
Bätzing erwartet Klarstellung von Papst Leo
Der Bischof von Limburg würdigt ausdrücklich, dass Papst Leo die besondere Verantwortung der Kirche gegenüber Betroffenen und die Verletzung des Glaubens durch sexuellen Missbrauch angesprochen habe. Er wolle dem Papst nicht unterstellen, wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich zurückzuweisen. Dennoch ließen dessen Äußerungen eine entscheidende Frage offen: ob auch spezifische Strukturen der katholischen Kirche als Ursachen für Missbrauch und Vertuschung anerkannt würden.
"Gerade deshalb wünsche ich mir von ihm eine ebenso eindeutige Anerkennung der systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt", schreibt Bätzing. Eine entsprechende Klarstellung halte er für dringend erforderlich.
Kritisch äußert sich der Bischof auch über die römische Kurie. Dort erkenne er bislang zu wenig von dem grundlegenden Kulturwandel, den die Kirche brauche. Transparenz, Rechenschaft und wirksame Kontrolle müssten für alle Ebenen kirchlicher Verantwortung gelten.
Glaubwürdigkeit der Kirche steht auf dem Spiel
Bätzing warnt davor, die systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt zu relativieren oder zu bestreiten. Dies wäre ein schwerer Rückschlag für die Aufarbeitung, könnte Betroffene erneut verletzen und die Glaubwürdigkeit kirchlicher Reformbemühungen gefährden.
"Wir schulden diesen Menschen, dass wir nichts beschönigen, nichts relativieren und keine unbequeme Erkenntnis ausblenden", schreibt der Bischof. Am Ende seines Gastbeitrags formuliert er eine Forderung an die gesamte katholische Kirche: "Wer Missbrauch wirksam verhindern will, muss deshalb mehr verändern als das Verhalten Einzelner. Er muss auch die Strukturen verändern, die Missbrauch begünstigen. Daran muss sich unsere Kirche messen lassen – in Deutschland, in Rom und überall auf der Welt." (js/pm)+++