05.11.26 - Mit einem derart großen Interesse hatten die Organisatoren offenbar nicht gerechnet: Als am Mittwochabend die Informationsveranstaltung zur Zukunft des bisherigen Tegut-Marktes in Petersberg (Landkreis Fulda) begann, mussten kurzerhand weitere Stühle herangeschafft werden. Zahlreiche Bürger waren ins Propsteihaus gekommen, um sich über das Konzept des Lebensmittelhändlers Tante Enso zu informieren. Schließlich geht es um eine wichtige Frage für die Gemeinde: Wie lässt sich die Nahversorgung langfristig sichern?
"Ich bin schon mal sehr überrascht, wie voll der Saal heute ist!", zeigte sich auch Bürgermeisterin Claudia Brandes angesichts der großen Resonanz erfreut. Die anfänglichen Zweifel an der Zukunft des Marktes scheinen zumindest einer vorsichtigen Zuversicht gewichen zu sein. "Wir waren skeptisch: Kann Tante Enso funktionieren? Aber wenn ich mich hier im Saal umschaue, bin ich sehr optimistisch!", erklärte die Rathauschefin.
600 Teilhaber gesucht – die ersten 64 sind bereits dabei
Im Mittelpunkt des Abends stand das genossenschaftliche Geschäftsmodell von Tante Enso. Das Bremer Unternehmen hat im Zuge der Neuordnung der Supermarktkette Tegut insgesamt 36 Filialen übernommen, darunter auch den Standort in der Edith-Stein-Straße in Petersberg. Damit der Markt langfristig als Tante Enso betrieben werden kann, ist allerdings die Unterstützung der Bevölkerung gefragt.
Konkret werden 600 Menschen gesucht, die sich mit mindestens einem Genossenschaftsanteil im Wert von 100 Euro beteiligen. Die ersten Schritte sind bereits gemacht: Nach Angaben von Projektleiter Timo Jacobs haben sich bislang 64 Teilhaber gefunden. Damit ist die Marke von zehn Prozent bereits überschritten.
Angesichts des großen Andrangs zeigte sich Jacobs zuversichtlich, dass auch die verbleibenden Unterstützer gewonnen werden können. Die Informationsveranstaltung könnte dafür einen wichtigen Impuls liefern. Schließlich soll der Markt nicht allein durch das Unternehmen getragen werden, sondern auch durch die Menschen, die dort künftig einkaufen.
Vom Tegut-Markt zum Tante Enso: Umstellung braucht Zeit
Dass die Übernahme bereits erfolgt ist, bedeutet allerdings nicht, dass der Supermarkt von heute auf morgen vollständig im neuen Gewand erscheint. Vielmehr handelt es sich um einen schrittweisen Prozess, der zahlreiche technische und organisatorische Anpassungen erforderlich macht.
"Die Übernahme hat auf dem Papier schon stattgefunden, allerdings braucht die konkrete Überführung noch etwas Zeit, da wir ja auch viele Filialen parallel überführen. Aber ich bin mir sicher, dass sich das Warten lohnt!", erklärte Jacobs.
Im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS erläuterte der Projektleiter, dass die erste Phase der technischen Umstellung inzwischen weitgehend abgeschlossen sei. So könnten die Beschäftigten bereits mit den neuen Kassensystemen arbeiten. Auch die Warenversorgung über den Handelspartner Rewe funktioniere grundsätzlich. Ganz reibungslos verlaufe die Umstellung allerdings noch nicht: Einzelne Anlaufschwierigkeiten müssten derzeit behoben werden.
Die vollständige Umstellung auf das Tante-Enso-Konzept soll im kommenden Jahr erfolgen. Damit verbunden ist auch eine Veränderung des Einkaufserlebnisses: Das Unternehmen setzt auf ein hybrides Modell, bei dem Kunden während der regulären Öffnungszeiten weiterhin von Mitarbeitern betreut werden. Außerhalb dieser Zeiten soll der Einkauf mithilfe einer Kundenkarte und Selbstbedienungskassen rund um die Uhr möglich sein.
Mehr als nur ein Supermarkt: Ein Treffpunkt für die Nachbarschaft
Doch Tante Enso möchte nicht allein durch moderne Technik überzeugen. Vielmehr soll der Lebensmittelmarkt auch künftig ein Ort der Begegnung bleiben. Jacobs betonte, dass das Unternehmen bewusst an die Tradition klassischer Tante-Emma-Läden anknüpfen wolle. "Wir wollen das Gefühl eines klassischen Tante-Emma-Ladens bewahren – ein sozialer Treffpunkt, wo man sich auch vor Ort mit Nachbarn und Bekannten austauschen kann."
Gerade in kleineren Gemeinden könne ein Lebensmittelgeschäft schließlich weit mehr sein als eine bloße Einkaufsmöglichkeit. Es sei zugleich ein Stück Lebensqualität und ein wichtiger Bestandteil der örtlichen Infrastruktur. Wie bedeutsam diese Aufgabe ist, verdeutlichte Jacobs mit Blick auf die Übernahme der ehemaligen Tegut-Standorte. "Es gibt Orte, wo durch das Aus von Tegut praktisch keine Nahversorgung mehr existieren würde. Vor allem auch dort wollen wir mit Tante Ensogegensteuern." Eine besondere Herausforderung stelle dabei die Größe einzelner übernommener Märkte dar. Manche der bisherigen Tegut-Filialen seien räumlich vier- bis fünfmal so groß wie ein klassischer Tante-Enso-Markt. Deshalb müsse jeder Standort individuell betrachtet und an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.
Zuversicht ist groß – jetzt sind die Petersberger gefragt
Mit dem großen Interesse am Mittwochabend ist zumindest ein ermutigender Anfang gemacht. Sowohl Bürgermeisterin Brandes als auch Projektleiter Jacobs zeigten sich optimistisch, dass sich ausreichend Menschen für eine Beteiligung gewinnen lassen. Jacobs verwies dabei auch auf die Zusammenarbeit mit der örtlichen Marktleitung und den kommunalen Ansprechpartnern. Entscheidend sei nun, dass die positive Stimmung aus dem Propsteihaus in konkrete Genossenschaftsbeitritte münde. Denn bei aller Zuversicht bleibt eine wesentliche Hürde bestehen: Von den angestrebten 600 Teilhabern fehlen noch 536. Ob aus dem großen Interesse tatsächlich eine breite Unterstützung für das neue Nahversorgungskonzept wird, müssen deshalb die kommenden Wochen zeigen.
Eines wurde an diesem Abend allerdings bereits deutlich: Die Zukunft ihres örtlichen Supermarktes lässt die Petersberger keineswegs kalt. (Marvin Hucke) +++