08.11.26 - Wenn viele Jahre nach dem Tod eines Künstlers noch Anstrengungen unternommen werden, herauszufinden, worin genau nun der Zauber seiner Stimme lag: Es dürfte keine Frage sein, dass es sich um ein Ausnahmetalent handelte. Und ebenso wenig dürfte sich die Frage stellen, ob es möglich ist, diese Stimme zu imitieren. Nein. Unter diesem Vorbehalt war es ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend, der am zurückliegenden Samstag im Theatersaal der Bad Orber Konzerthalle die Gäste ein ums andere Mal aus ihren Stühlen holte: Die Tribute-Band "Queen Alive" schaffte es mit Spielfreude, passenden Kostümen und einem in Text und Bild dargebotenen, zeitlichen Rückblick über das Schaffen von Freddie Mercury, die Brücke zu schlagen zur meistgespielten Rockband des 21. Jahrhunderts: Queen.
"Zack! Wieder 20", wie eine vielleicht 60jährige Besucherin begeistert feststellte, die voller Vorfreude auf das knapp zweieinhalbstündige Programm vom initialen Klang an in den Bann gezogen wurde. Der Frontman von Queen Alive, Giuseppe Ravazzolo, sorgte schon rein optisch dafür, dass "Freddie" auf der Bühne stand oder am Flügel saß: Helle Jeans, weiße Turnschuhe mit schwarzen Streifen, weißes Muscle-Shirt, rote Lederjacke mit weißen Streifen und schwarzem Blitz, am rechten Handgelenk das typisch dreifarbige Pulsarmband, das der als Farrokh Bulsara geborene Ausnahmekünstler in den späten 70ern und in den 80ern als Teil seines Bühnenoutfits oft trug. Dazu der Schnauzer – die Anmutung war beeindruckend. Auch die Bewegungen, für die Freddie bekannt war, durften nicht fehlen: Die hochgereckte Faust, das angezogene Knie, die Schrittfolgen quer über die Bühne. Etwas steifer sicher, aber der Sänger und Frontman der Queen-Tribute-Band ist auch schon 49 Jahre und nicht mehr so jung wie seinerzeit Mercury, der heute 80 Jahre alt wäre, aber mit 45 Jahren starb.
Mit auf der Bühne und immer wieder auch mit ihren Soli an Gitarre, Bass und Schlagzeug zu hören: Tiziano Giampieri (Gitarre & Gesang), Simone Fortuna (Schlagzeug) und Fabrizio Palermo (Bass-Gitarre & Gesang). Auch ihnen jubelte das Publikum begeistert zu, denn die drei italienischen Profimusiker ließen es an Spielfreude und Präzision nicht mangeln. In euphorische Höhen schwang sich der Applaus auf, als Verena te Best mit auf der Bühne stand. Die lyrische Sopranistin entzückte mit ihrem Anblick im grünen, glitzernden Abendkleid und mit ihrer aufsehenerregenden Stimme – zum einen beim Duett "Barcelona", am Programmende dann bei der zweiten Zugabe "We are the champions".
Bis es soweit war, gab es allerdings eine spannende Reise durch die Zeit, durch Songs, Albums, Konzerte und Erinnerungen. Zum einen in Form von eingespielten Videos, die Mitschnitte der legendären Konzerte zeigten, aber auch Interviews, Fotos und Berichte nicht außen vor ließen. Wissenswertes und Spannendes zur Band und ihrem Frontsänger wechselten sich ab, etwa wenn die einzelnen Alben erläutert wurden und die Bandgeschichte in chronologischer Reihenfolge vorgestellt wurde. Von "Now I´m here" über "Killer Queen", "Fat bottomed girls" und "Bicycle Race" ging die musikalische Reise, emotional wurde es bei "Somebody to love", das George Michael zusammen mit Queen 1992 im Londoner Wembley-Stadion auf dem Freddie-Mercury-Tribute-Konzert spielte. Bei "Don´t stop me now" sang ein Großteil des Publikums hingebungsvoll und textsicher mit, und zu "Another one bites the dust" brauchte es von der Bühne keine Aufforderung, um endgültig aus den Stühlen aufzustehen und zu singen und zu tanzen. Und jubelnd den Rhythmus von "Under pressure" zu spüren, dem nächsten Hit der Rocker, die mit mehr als 200 Millionen verkauften Tonträgern Maßstäbe setzen.
"One of the best lovesongs ever", also eines der besten Liebeslieder überhaupt setzte einen Kontrapunkt: "Love of my life", 1975 von Freddie für seine Seelenverwandte Mary Austin geschrieben, sorgte als Ballade für einen weiteren emotionalen Höhepunkt des Abends. Gänzlich anders, aber dem Thema Liebe treu bleibend, brachten "It´s a hard life" und "I want to break free" die Gäste erneut zum Tanzen. Wobei Letzteres immer wieder als Coming-Out-Song von Freddie (miss-)verstanden wurde, der in dem eingespielten Interview betonte, es handle sich um einen Song, der den Wunsch ausdrückt, sich aus einer beengenden Beziehung zu befreien. Der unvergessliche Hausfrauen-Look von Freddie mit rosa Rollkragenpullover, künstlichen Brüsten und kurzem Minirock durfte auch in Bad Orb auf der Bühne nicht fehlen – nur auf die Perlonstrümpfe verzichtete Giuseppe Ravazzolo, der selbstbewusst seine behaarten Beine präsentierte.
Nach der Pause ließ das musikalische Feuerwerk die Gäste kaum in Ruhe in ihren Stühlen sitzen: "Bohemian Rhapsody", "Radio Ga Ga", "One vision", "Who wants to live forever" und "A kind of magic" donnerten lautstark aus den Boxen. "The great pretender", "I was born to love you" und "Living on my own" wurden ebenso lautstark mitgesungen. An das Lebensgefühl der Elvis-Zeit erinnerte "Crazy little thing called love". Und wer auf "I want it all" und "The show must go on" wartete, wurde ebenfalls nicht enttäuscht.
Nebenmaschinen, eine Lichtshow auf der Leinwand, die Interaktion mit dem Publikum: Die Gäste hatten am Samstag Abend einfach Spaß an ihrem Ausflug in die Vergangenheit, an den berühmten Welthits, am rhythmischen Mitklatschen bei "Another one bites the dust" und "Radio Ga Ga", an den Erinnerungen an Freddie und seine Band, die nochmals bei den Zugaben hochgespült wurden: Nach einem actiongeladenen "We will rock you" erschien der Frontsänger zu "We are the champions" nochmals in einem neuen, typischen Outfit auf der Bühne: Stilgerecht mit Königsmantel und Juwelen-Imitaten bestückter Krone. Sehr zum Jubel der Gäste, die es sich nicht nehmen ließen, im Anschluss an das Konzert noch Fotos zu machen. Wer hat schon Gelegenheit, mit "Her Majesty" auf einem Foto zu landen. (mp/pm) +++