08.11.26 - Es gehört zu den schönen Traditionen der Fuldaer Domkonzerte, dass man dabei musikalische Entdeckungen machen kann. Denn Domkapellmeister Franz-Peter Huber hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schätze auszugraben, die zu Unrecht vergessen sind. Für dieses Konzert hatte er Werke von zwei Dresdner Hofkapellmeistern ausgewählt – Lehrer und Schüler. Die wenigsten Zuhörer dürften die Stücke gekannt haben. Und bei beiden fragt man sich, wie es sein kann, dass sie so lange einen Dornröschenschlaf schlummerten.
Wer kennt schon Johann Gottlieb Naumann? Der 1741 geborene Dresdner Hofkapellmeister war zu seiner Zeit eine europäische Berühmtheit und ein gefragter Komponist. Heute ist sein Name weitgehend vergessen. An diesem Abend genügten die ersten Töne seiner 1783 komponierten Kantate "Zeit und Ewigkeit", um zu begreifen, was für ein Meister Naumann war. Was für ein hinreißendes Stück!
Man versteht sofort, warum diese Kantate zu Naumanns Lebzeiten ein Publikumserfolg war und immer wieder aufgeführt wurde. Hier wird nicht einfach moralisiert, hier wird nicht belehrt, hier wird erzählt: Vom Leben und seiner Vergänglichkeit, vom Sterben und Auferstehen, vom Glück und den Mühen des menschlichen Daseins, vom Vertrauen in Gott und vom Glanz der Ewigkeit. Naumann kontrastiert den weltlichen, unbeschwerten Genussmenschen und den frommen Christen, der sich seiner Sterblichkeit bewusst ist. Er tut es so, dass wir uns in dieser Geschichte wiederfinden können.
Wenn Worte zu Musik werden
Der Text des Dom- und Hofpredigers Heinrich Julius Tode ist von einer Bildhaftigkeit und sprachlichen Kraft, die uns auch heute unmittelbar berührt. Naumann macht diese Bilder hörbar. Da rauschen die Wellen, da geht es bergauf und bergab, da tanzt der Frühling, da öffnen sich die Tiefen des Grabes und die Höhen des Himmels. Die Musik folgt den Worten, deutet sie aus und macht ihre Bilder unmittelbar erfahrbar. Rezitative, Arien und Chorsätze sorgen für Bewegung und dramatische Kontraste. Dazwischen stehen die Choräle: meist schlicht und prägnant, mit Melodien, die so eingängig sind, dass man am liebsten mitsingen möchte.
Bei aller musikalischen Vielfalt verliert Naumann nie den Menschen aus dem Blick. Und so hört man nicht nur eine Geschichte über Zeit und Ewigkeit, sondern denkt unwillkürlich darüber nach, an welcher Stelle des Lebenswegs man selbst gerade steht.
Pomp und Gloria
Im Gegensatz zu Naumann ist sein Lehrmeister Johann Adolf Hasse auch heute kein Unbekannter. Hasse war die zentrale Figur des Dresdner Opernlebens und mit den musikalischen Größen seiner Zeit bestens vernetzt. Bach schätzte ihn sehr, und auch der junge Mozart orientierte sich noch an Hasse. Doch mit dem Wandel des musikalischen Geschmacks und dem Siegeszug der Wiener Klassik geriet Hasses Musik zunehmend in Vergessenheit. Erst die Wiederentdeckung der Alten Musik und das wachsende Interesse an historischer Aufführungspraxis brachten seine Werke wieder stärker ins Bewusstsein.
Sein feierliches und prächtiges "Te Deum in D", das er 1751 für die feierliche Einweihung der neuen Katholischen Hofkirche in Dresden schrieb, wird noch regelmäßig aufgeführt. Das intimere "Te Deum in G" aus unerfindlichen Gründen nicht, denn auch das ist ein brillantes Beispiel barocker Festmusik, in dem aber bereits Züge der Vorklassik erkennbar sind. Die Musik jubelt, strahlt und entfaltet eine geradezu überwältigende Pracht. Zugleich ist unverkennbar, dass Hasse ein Mann der Oper war. Die geradezu dramaturgischen Wechsel zwischen Chor und den unterschiedlichen Solisten-Konstellationen, die hochdramatischen Kontraste und die manchmal fast schon theatralische Gestaltung des Gotteslobs verraten den erfahrenen Bühnenkomponisten.
Wenn alles zusammenklingt
Dass Domchor und JugendKathedralChor vom Münchner Originalklangensemble L’arpa festante begleitet werden, gehört inzwischen zu den Fuldaer Konstanten. Und doch ist es immer wieder faszinierend, zu welcher musikalischen Einheit die Ensembles verschmelzen. Das Orchester begeisterte mit seinem besonders samtigen Klang und dem ungemein präzisen Spiel. Die beiden Chöre überzeugten mit wunderbarer Kraft gerade in den Chorälen.
Für das Konzert waren vier hervorragende Solisten gewonnen worden: Veronika Mair (Sopran), Ulrike Malotta (Alt), Felix Janssen (Tenor) und Matthias Vieweg (Bass). Ihre Stimmen harmonierten wunderbar miteinander. Alle vier überzeugten durch eine ungemein präzise Artikulation und Intonation, vor allem aber durch die Fähigkeit, den Ausdruck immer wieder zurückzunehmen. Bei aller stimmlichen Brillanz lag eine Zartheit in ihrem Gesang, die besonders gut zu den beiden Werken passte. Hier ging es nicht darum, stimmlich zu imponieren, sondern darum, den musikalischen Gedanken Gestalt zu geben.
Und dann ist da Domkapellmeister Franz-Peter Huber, der die musikalischen Kräfte bündelte, leitete und zu Höchstleistung brachte. Mit feinem Gespür arbeitete er die unterschiedlichen Klangfarben heraus, setzte dramatische Kontraste und gab auch den leisen, innigen Momenten Raum. Nichts wirkte aufgesetzt, nichts überladen. So wurde aus zwei fast vergessenen Werken ein Konzerterlebnis, das sich tief einprägte.
Zurück in die Gegenwart
Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez hatte in seiner Einführung den Bogen von der dunklen Jahreszeit und den Toten- und Gedenktagen des Novembers zur Freude und Zuversicht des Gotteslobes geschlagen. Er wünschte allen ein "tiefes und geistliches Erlebnis". Und genau das wurde dieses Konzert für die Zuhörer im bis auf den letzten Platz besetzten Dom. Fast zwei Stunden lang konnte man die Welt um sich herum vergessen. Daran änderten nicht einmal die wenig bequemen Dombänke etwas. Am Ende gab es Jubelrufe und rauschenden Beifall für alle Mitwirkenden. Und natürlich auch noch eine Zugabe: Felix Mendelssohn-Bartholdys "Verleih uns Frieden gnädiglich", eines der Lieblingsstücke des Chors. Wie ergreifend wirkte diese schlichte Friedensbitte nach all der musikalischen Pracht! Und wie unmittelbar holte sie uns zurück in die Gegenwart und in eine Welt, in der an allen Enden Hass geschürt wird und Kriege geführt werden. Ach, möge doch wenigstens die bevorstehende Adventszeit friedlich werden, mag manch einer im Stillen gefleht haben. Ein Konzert, das noch lange nachklingen wird. (Jutta Hamberger) +++