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04.06.10 - TISCHTENNIS

Fulda Punktsieger im Kampf um Visa - Aber Waldner fehlt heute in Russland

Nach der für die Teams des Deutschen Tischtennis-Bundes grandiosen WM von Moskau stehen nun binnen fünf Tagen nochmals drei Endspiele mit DTTL-Beteiligung an – die letzten drei Highlights einer aufregenden Saison. Den Auftakt macht - HEUTE um 13 Uhr im russischen Orenburg - der TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, der im Finalhinspiel um den ETTU-Cup mit 0:3 eine auf dem Papier überdeutliche, nach dem tatsächlichen Verlauf aber viel engere Niederlage hinnehmen musste. Die Chancen, Vorjahrestitelträger SV Plüderhausen im deutschen Lieblingswettbewerb zu beerben, in dem Bundesligisten schon oft auftrumpften, stehen natürlich nicht mehr allzu gut, zumal die Mannschaft ohne Jan-Ove Waldner auskommen muss. Um überhaupt eine spielfähige Truppe nach Orenburg schicken zu können, musste diese Woche bereits eine schwierige Hürde genommen und der Kampf mit den russischen Behörden in Sachen Visavergabe gemeistert werden.

Fulda-Maberzell hat – mit einem überragenden Wang Xi an der Spitze (DTTL-Bilanz 30:6, dazu eine Reihe von Siegen im ETTU-Cup und Ligapokal) – eine ganz starke Saison gespielt. Man führte wochenlang die Bundesligatabelle an, zog als Zweiter in die Play-Offs ein, wo man im Halbfinale in einem Fotofinish hauchdünn an den Ochsenhausenern scheiterte, war beim Final Four in der Dortmunder Westfalenhalle mit einer stimmgewaltigen Fangemeinde vertreten und kam im ETTU-Cup unter die zwei besten Mannschaften Europas.

Hatte man monatelang zusätzlich zu den beeindruckenden sportlichen Leistungen oft auch das nötige Quäntchen Glück auf seiner Seite, wenn es richtig eng zuging, blieb dieses zum Saisonfinale aus. Dies gilt sowohl für das Play-Off gegen die Oberschwaben als auch das Hinspiel gegen die Samsonov-Truppe, die nächste Saison – verstärkt durch Dimitrij Ovtcharov – auch in der Champions League eine führende Rolle spielen dürfte. Wang Xi unterlag gegen Alexey Smirnov nach drei vergebenen Matchbällen, „Oldie“ Jan-Ove Waldner hatte drei Sätze lang gegen „Vladi“ Samsonov brilliert, um nach einer 9:4-Führung im dritten Durchgang urplötzlich den Faden zu verlieren und Robert Svensson fehlte gegen Fedor Kuzmin in vier umkämpften Sätzen das Glück des Tüchtigen. Trainer Qingyu Meng hatte nach der Partie davon gesprochen, dass - bei etwas glücklicherem Verlauf - auch ein 3:0 für seine Farben möglich gewesen wäre. Aber sämtliche Konjunktive nützen nichts im Sport, wo nur die nackten Fakten, die Punkte, Sätze und Bälle zählen – und da sah es mit 0:3 bei 4:9 Sätzen eben am Ende schlecht aus für Wang und Kollegen.

Es wäre vermessen, gegen einen dermaßen stark besetzten und ausgebufften Gegner nun die 3:0-Revanche bei einem noch besseren Satzverhältnis zu verlangen. Wer die moralisch gefestigte Truppe aus der Rhön mit ihrem tollen Team-Spirit jedoch kennt, weiß, dass auch in der 525.000-Einwohner-Stadt südwestlich der Südausläufer des Uralgebirges kein Ball verloren gegeben wird. Vielleicht kann man dem russischen Topteam das Leben nochmals zwei oder drei Stunden lang schwer machen und einen würdigen Abschluss der gelungenen Saison erreichen.

Um überhaupt antreten zu können, waren immense Probleme bei der Visa-Erteilung zu stemmen. Nur Spielertrainer Meng erhielt ein solches als deutscher Staatsbürger problemlos, während etwa die Einreiseberechtigung für Wang Xi auf der Kippe stand. Die für Chinesen erforderliche offizielle Einladung des Innenministeriums - das Einladungsschreiben des gastgebenden Vereins genügte nicht - traf erst ein, nachdem Fulda mächtig Druck gemacht und mit Nichtantritt gedroht hatte. Zudem hatte sich im letzten Moment der europäische Dachverband ETTU erfolgreich in die Verhandlungen eingeschaltet. Auch Robert Svensson, gerade erst mit der schwedischen Nationalmannschaft in Moskau aktiv, hatte diesbezüglich ein – teilweise selbstverschuldetes – Problem zu lösen: Der Linkshänder war fest davon überzeugt, sein Visum für die WM in Moskau wäre auch für die erneute Einreise gültig – die russischen Bestimmungen verlangen freilich eine zweite Visa-Erteilung, die schließlich doch noch „fünf vor zwölf“ erfolgte.

Bei Tischtennis-Genie Jan-Ove Waldner lag der Fall komplizierter. Wir zitieren dazu eine herrlich charakteristische Passage von Angelika Kleemann aus der Fuldaer Zeitung vom 3. Juni: „Jan-Ove Waldner ist am Tisch zwar ein begnadeter Künstler, doch im wahren Leben fehlt ihm mitunter die Alltagstauglichkeit. „Das Visum zu beantragen hätte er vielleicht gerade noch hingekriegt“, witzelt Stefan Frauenholz. Doch hat der Vereinschef kürzlich beim Blick auf den Pass des Schweden festgestellt, dass dieser am 28. Juni abläuft. Für die Erteilung eines Visums muss der Pass allerdings noch mindestens drei Monate gültig sein. Visum beantragen und auch noch Pass verlängern, dass wäre zuviel für einen Waldi-Kopf. Zumal noch ein drittes Hindernis auftauchte: die Schreibweise seines Nachnamens. „Im schwedischen Pass steht Waldner mit V geschrieben. Auf der russischen Einladung allerdings mit W. Die Russen hatten uns beim Hinspiel explizit darauf hingewiesen, dass bei den Namen jeder Buchstabe identisch sein muss“, erklärt Frauenholz. Nun wird Waldner, der inzwischen für ein weiteres Jahr bei Maberzell unterschrieben hat, am Freitag von Schweden aus seinen Teamkollegen die Daumen drücken.“

Fuldas „Boss“ Stefan Frauenholz kalkuliert als Realist natürlich nicht mehr mit dem Cup-Sieg, kündigt aber dem Gastgeber nochmals engagierte Gegenwehr an: „Natürlich sind unsere Chancen, den Pokal doch noch zu gewinnen, nach der 3:0 Hinspielniederlage nur noch äußerst gering. Aber nichts ist unmöglich, deshalb wird das Team auch mit dem notwendigen Ernst in das Match gehen. Wir wollen auf jeden Fall nicht wieder 3:0 verlieren.“ Die strapaziöse Reise soll im übrigen auch als Saisonabschluss mit touristischem Rahmenprogramm genossen werden: „Unser Team hat sich nach der erfolgreichsten Saison in der Vereinsgeschichte eine Saisonabschlussfahrt mit sportlichen und touristischen Attraktionen mehr als verdient. Wir sind deshalb schon am Mittwoch nach Orenburg gestartet, auch um uns die russische Hauptstadt Moskau etwas näher anzusehen. Das Wetter in Orenburg soll ja zurzeit auch sommerlich warm sein.“

Vielleicht trägt die Exkursion an die Stätte des deutschen WM-Triumphzugs als kleiner Kick dazu bei, dass die ersatzgeschwächten Osthessen in Orenburg nochmals eine Sternstunde erleben und Samsonov & Co. einen heißen Tanz bereiten. (DTTL - Dr. Stephan Roscher) +++

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