Die frisch renovierte Sporthalle der Adolf-von-Dalberg-Schule in Fulda ist am Dienstag ausnahmsweise gut geheizt. „Ist das eine Wärme hier“, stöhnt Jutta, die eigentlich anders heißt. Sie vertritt heute den Kursleiter der VHS, der nur kurz die Halle aufgeschlossen hat und dann wieder verschwunden ist, wie eine Teilnehmerin erzählt. Knapp ein Dutzend Leute zwischen 30 und vermutlich 60 Jahren sind zum Fitness-Kurs gekommen. Ein paar werfen sich einen Gummiball zu, dann geht es los. „Wir marschieren quer durcheinander“, ruft Jutta und läuft los. Wir marschieren also - aber das „Durcheinander“ klappt nicht: Nach einiger Zeit reihen sich die meisten doch wieder in einen großen Kreis ein. „Merkt ihr, dass ihr im Kreis lauft?“, fragt Jutta. Ja, merken wir. Juttas Ton passt ganz gut zum strammen Schritt - sie hätte sicher auch als Ausbilderin in einer Kaserne Karriere machen können.
ZUM FOTO: "No pain no gain", heißt es im anglo-amerikanischen Sprachraum. Sport und Schmerzen gehören irgendwie zusammen. Bild: Archiv.
Nach ein paar Minuten sind wir genug marschiert. „Habt ihr Stöcke?“, fragt Jutta in die Runde. Ich überlege, ob sie uns für das doofe Im-Kreis-Gelaufe bestrafen will, doch wir brauchen die Holzstäbe für die nächste Übung. Wir stehen nun breitbeinig auf unseren Gymnastik-Matten und machen „ein Päckchen“, das heißt: Schambein irgendwo nach oben ziehen, die Beckenknochen zusammenschieben, der Nabel geht nach innen, „der Oberkörper bleibt aber locker“. Diese Haltung kenne ich schon, und zwar aus einem Pilates-Kurs, den ich vor Jahren nach der ersten Stunde abgebrochen habe. Wir halten die Stöcke über unsere Köpfe und bewegen die Arme wie beim Gewichtheben. Doch wir haben etwas Entscheidendes vergessen: „Lächeln!“, ruft Jutta fröhlich. In den Gesichtern liegt konzentrierte Anspannung, für ein Lächeln ist da keinen Platz.
Wir lockern uns ein bisschen, dann sind die Beine dran. Auf dem linken Fuß stehend, „winken“ wir mit den Zehen des anderen Fußes, bewegen das rechte Bein nach oben und unten, außen und innen. Ich denke an das Päckchen und weigere mich, zu lächeln. Ein brennender Schmerz breitet sich in beiden Beinen aus. Eine Mittvierzigerin ruft Jutta genervt zu: „Du kannst aber schon Erste Hilfe oder...?“ Die anderen lachen. Die meisten Übungen dauern lange - zu lang für uns, denn Juttas Anspruch liegt weit über dem üblichen Niveau des Kurses. „Da geht noch was!“, ruft Jutta dann. Denkste.
Wir stehen immer noch auf den Matten und sollen uns jetzt vorstellen, unsere Sitzhöcker („Die Höckerchen“) seien Scheinwerfer, mit denen wir den Raum hinter uns ausleuchten. Ein merkwürdiges Bild. „Mir scheint die Sonne aus dem A…“, denke ich und strecke brav meinen Hintern raus, das Päckchen spare ich mir, denn die Übung ist schon anstrengend genug. Dann ist der Bauch dran. Wir legen uns alle auf den Rücken, heben die Beine im rechten Winkel an und machen Sit-ups, da wird es plötzlich stockdunkel. „Wir müssen uns mehr bewegen!“, ruft einer, steht auf und hüpft ein bisschen herum – und schon ist das Licht wieder an. Offenbar sind die Leuchten mit einem Bewegungsmelder verbunden. Wäre der Melder schmerzempfindlich, wäre das sicher nicht passiert.
Nach über einer Stunde ist der Kurs vorbei, Jutta verabschiedet sich. Ich denke daran, dass wir nächste Woche wieder „unseren“ Trainer haben – und lächle. (th) +++
